Dr. Sommers Tierleben: Die Weinbergschnecke – Sado/Maso im Gurkenbeet

Die Weinbergschnecke (Helix pomatia) wird von Kennern als Delikatesse verehrt, obwohl sie hierzulande unter Naturschutz steht. Der kleine Schleimer ist bekannt für seine angenehm entspannte Art und ziert vielleicht gerade deshalb das Wappen der Schweizer Gemeinde Zell. Ihr Sexualleben jedoch ist eine geradezu abartig versaute Angelegenheit.
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Illustration: Julia Schubert

Im Tierreich gibt die Weinbergschnecke den pathologischen Fetish-SM-Gangbang-Sexmaniac. Menschen mit vergleichbaren Vorlieben bekennen und verabreden sich vorzugsweise in Webforen unter Zuhilfenahme befremdlicher Codes zu bedenklichen Praktiken. Alles kann, nichts muss. Weinbergschnecken sind Hermaphroditen, also Zwitterwesen, die sowohl männliche als auch weibliche Geschlechtsorgane aufweisen. Da geht’s schon los. Sich selbst befruchten können sie nicht, sondern benötigen zur Fortpflanzung einen Partner. Die Biologie hat hierfür den Ausdruck „Kreuzbefruchter“ parat. Kriechen sich zwei paarungsbereite Exemplare über den Weg, beginnt nach ausgiebigem Betasten ein verhältnismäßig langes Vorspiel – ein inniges Umeinanderschleimen und -schlängeln, das mehrere Stunden andauert. Angeheizt und geil pulsierend erfolgt dann eine langsame, überraschend herkömmliche Penis-Vagina-Penetration, die gerne gegenseitig vollzogen wird. Schließlich hat hier jeder beides. So weit der Standard. Nun zu den Variationen: Am Hals der Schnecke befindet sich eine Hauttasche, die einen etwa einen Zentimeter langen Kalkdorn, den so genannten Liebesstachel, in sich birgt. Dieser wird im Erregungszustand herausgefahren und dem Partner in den Körper gerammt (vorzugsweise in den Kopf - vorausgesetzt, die Schnecke zielt gut). Es wird angenommen, dass der dabei injizierte Hormonschleim der Steigerung der Befruchtungsrate dient. Forscher beobachteten bei den gestochenen Tieren sowohl Schmerz- als auch Lustreaktionen auf diese sinnliche Attacke, die zur Fortpflanzung übrigens nicht zwingend erforderlich ist. Ebenso wenig die häufig beobachtete Bildung von Paarungs-Gruppen: Dreier, Vierer, sogar regelrechte Orgien aus bis zu zwanzig Tieren sind keine Seltenheit. Höhepunkt des Aktes ist das Hinterlegen von Samenpaketen, den Spermatophoren, tief im Körper des anderen. Da die Eizellen erst produziert werden, nachdem die Samenvergabe geschehen ist, erfolgt auch die Befruchtung weit im Nachhinein, wenn die Schnecke sich von dem erschöpfenden Treiben erholt hat – und quasi ein Weibchen geworden ist. Weinbergschnecken haben verglichen mit anderen wirbellosen Tieren ausgesprochen häufig Sex, und die Tatsache, dass Gruppensex und Liebesstachel frei wählbare Varianten darstellen, lässt Biologen darauf schließen, dass er ihnen wirklich große Freude bereitet. Foto: dpa

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