Dr. Sommers Tierleben: Pfundige Igelwurmfrau atmet Ehemann ein

Die Frage nach aktivem oder passivem Part beim Geschlechtsverkehr dürfte sich auf dem Meeresgrund erübrigen - erst recht wenn man das Sexualleben des Grünen Igelwurms betrachtet.
anna-tillack

Die Frage nach aktivem oder passivem Part beim Geschlechtsverkehr dürfte sich auf dem Meeresgrund erübrigen - erst recht wenn man das Sexualleben des Grünen Igelwurms betrachtet. Da kann es schon mal vorkommen, dass das Weibchen seinen 200 000 Mal kleineren Mann einfach einatmet. Für das Männchen ist das kein Grund zur Beunruhigung, denn erst im Innersten seiner Gattin kann es zur Hochform auflaufen. In einer Spezialkammer ihres Fortpflanzungtraktes, dem Coelom, gibt er sich ganz seiner Lebensaufgabe hin – er ist Dauerbefruchter.

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Illustration: Julia Schubert

Zwar kein grüner Igelwurm, aber ähnlich attraktiv, Foto: ap Die ersten drei Wochen im Leben des Grünen Igelwurms sind die spannendsten. In dieser Zeit entscheidet sich nämlich, wer zum Weibchen und wer zum Männchen wird – im Klartext: Wer später wen verschluckt. Das Geschlecht des Grünen Igelwurms ist nicht genetisch festgelegt, sondern Ergebnis des sozialen Milieus. Trifft die geschlechtslose Larve in ihren ersten Lebenstagen auf ein Weibchen, so entwickelt sie sich unverzüglich zu einem Männchen. Doch was ist der Auslöser für diese Pubertät im Zeitraffer? Es kann weder von Abschreckung die Rede sein, denn sooo hässlich sind die Grünen-Igelwurmdamen auch wieder nicht, noch sind es die weiblichen Reize der langen, schleimigen Rüssel, die die Larve zum Mann werden lassen. Tatsächlich handelt es sich eher um Gefahrenprävention, denn das Weibchen hat weit mehr zu fürchten als ihr Miniaturliebhaber. Die Igelwurmdame braucht ganze zwei Jahre zum Reifen, was auch heißt, dass sie ganze zwei Jahre lang auf der Speisekarte diverser anderer Meeresbewohner steht. Und dann ist es nicht einmal sicher, dass das sesshafte Weibchen einen Geschlechtspartner findet. Um die mühevolle Entwicklung der Dame erfolgreich und zügig abzuschließen, hat die Natur den Mann auf Abruf geschaffen: ein Blick auf die zappeligen Rüssel des Weibchens und schon mutiert die neutrale Larve zum potentiellen Geschlechtspartner. Und dann heißt es, keine Zeit zu verschwenden, weswegen das Männchen einfach aufs Wachsen verzichtet – stets in der Hoffnung, möglichst schnell eingeatmet zu werden. Wenn das passiert ist, hat die Suche ein Ende und man ist sich treu bis an sein schnelles Lebensende, denn beim Igelwurm sind es die inneren Werte, die zählen.

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