Genießen wie der Graumull

Wie kann man sein Leben möglichst lange und angenehm gestalten? Wen diese Frage hin und wieder umtreibt, sollte sich mal Rat beim südostafrikanischen Graumull holen.
meredith-haaf

Dass der Graumull eine Schönheit wäre, kann man wirklich nicht behaupten. Seine winzigen Äuglein verschwinden unter verquollenen Pelzlidern. Seine dominanten Schneidezähne machen ihn mit Leichtigkeit zu der wohl un-niedlichsten Spezies unter den Nagetieren. Doch der Graumull, das muss man an dieser Stelle festhalten, zeigt uns wieder einmal, was wir spätestens seit Winston Churchill oder Bill Gates wissen. Unterschätze niemals die kleinen Unattraktiven, denn sie haben es meistens raus.

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Illustration: Julia Schubert

Schon lange versuchen Biologen den Zusammenhang zwischem sexueller Aktivität und Lebensdauer zu ergründen. Und bisher waren sie immer der Meinung, dass Fortpflanzung grundsätzlich eher ein Risiko darstelle. Das heißt: Je seltener ein Säugetier Sex hat, desto älter wird es. Beim Graumull dagegen verhält es sich umgekehrt. Das haben Forscher aus Duisburg nachgewiesen. Zwanzig Jahre lang beobachteten sie verschiedene Gruppen dieser Nagerart. Sie lebt, ähnlich den Ameisen oder Bienen, eusozial. Das heißt in einer Kolonie, in der die Fortpflanzung nur einem Oberweibchen und seinen ausgewählten Boytoys vorbehalten ist. Die tun den lieben langen Tag nichts anderes, als schlafen, essen und der körperlichen Lust frönen. Die restlichen Mulle fristen ihr Leben als Helfer und Babysitter für den Nachwuchs. Und damit sie nicht vor lauter Eintönigkeit auf die blöde Idee kommen, mit ihren Geschwistern kleine, erbgutgeschädigte Graumulle zu machen, hat die Natur ihnen praktische Inzesthemmer eingebaut. Ein eher freudloses Leben also, und ein kurzes noch dazu. Der enthaltsame Durchschnittsgraumull wird gerade mal vier Jahre alt. Seine Eltern aber überleben ihn mindestens zwei Mal: Bis zu zwanzig Jahre werden die Kolonieoberhäupter. Und das ausschließlich auf Grund ihres ausgeprägten Sexlebens. Anhand von Experimenten zeigten die Duisburger Biologen nämlich, dass die längere Lebensdauer nichts mit der körperlichen Fitness oder besserer Ernährung der Methusalem-Mulle zu tun hat. All den Körperertüchtigungsfetischisten mit ihrem Argument, man müsse fit bleiben, um richtig alt zu werden, kann jeder Überzeugungshedonist in Zukunft furchtlos ins Gesicht lachen. Denn endlich darf er frohen Mutes das tun, was er schon immer für richtig gehalten hat: Möglichst entspannt herum liegen und dabei möglichst viel Sexspaß haben.

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