Tag 10 und 11, Rückreise nach München, Abschiedsgig beim Bayrischen Rundfunk Sonntag früh geht’s also mit dem Bus zurück Richtung Süden. Wir rasten am gleichen malerischen See wie am Tag zuvor, grillen ein Stündchen an der Ostsee und besteigen in Trelleborg die Fähre nach Sassnitz. Auf dem Schiff wird wieder der Duty-Free-Shop geplündert, und nach abendlicher Ankunft in Deutschland steigt auf der Fahrt nach Berlin im Bus die Abschiedsparty, von der mir leider verboten wurde zu berichten. Schade, denn auch einzelne Bandmitglieder erinnern sich am nächsten Tag nicht mehr, was passierte. Laura: „Aber ich bin doch nicht etwa in dem Aufzug auf der Tankstelle rumgelaufen!“ – alle anderen: „Doch!“ – Laura: „Naja, wenigstens war ich beim Aufwachen nicht blutbespritzt wie beim letzten Mal.“ Zumindest spielerisch werden auch die Grenzen von monogeschlechtlicher Sexualität für einige zuvor monogeschlechtlich empfindende Menschen angetestet und knutschweise überwunden. Auch wenn von einem als heterosexuell identifizierten männlichen Bandmitglied das Zitat fällt: „Ich knutsche nur mit heterosexuellen Jungs.“ Naja. Hauptsache, es macht Spaß.

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Maggie auf der Fähre: „Guckt mal, ich habe Abendessen gekauft!“ Um Mitternacht erreichen wir Berlin und fallen LCavaliero in die Arme. Joel, Bob und Tonmagierin Wibke bleiben gleich da, und dann geht’s weiter nach München. Der Bus fällt in ein kollektives Koma. Einzig der unverwüstliche Rudi versucht verzweifelt, die Party am Laufen zu halten. Um zehn Morgens kommen wir in München an, kratzen unsere letzten Kräfte und Habseligkeiten zusammen und entfleuchen in Arbeit/Ausbildung (Chorleute) und Shopping (Band). Abends dann der Special-Gig bei der Relaunch-Fete von on3radio, dem Jugendradio des Bayrischen Rundfunks. Im ersten Stock des BR-Hochhauses herrscht angenehmer Baustellen-Charme, wir spielen vier Songs, dann noch mal drei, dann noch mal einen, und dann wars das auch schon. Das Publikum, das hauptsächlich aus den BR-Radioleuten besteht, lässt sich mitreissen, wir tanzen und singen, als wäre es unsere letzte Show. Ist es wahrscheinlich auch. Beim Abschied können Tränen nur mühsam zurückgehalten werden.

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on3radio-Launch: Clubstimmung mit Baustellencharme beim Bayrischen Rundfunk „Für uns war diese Tour wie ein Sechser im Lotto!“, sagt Mira von Candelilla. Und sie hat total Recht. Es war anstrengend, teilweise auch nervig, bei 25 Leuten auf einem Haufen ist es oft auch nicht so wichtig, ob man überhaupt dabei ist. Aber es ist toll, dabei gewesen zu sein: ein Parforce-Ausbruch aus dem Alltag, der die Augen öffnet oder offen hält für die anderen Aspekte des Lebens. Unterwegs sein, Musik machen, kreativ sein, an Orte kommen, wo die Leute einen mit offenen Armen empfangen und sich über die Musik freuen. Und über die Show: Auf der Bühne immer nur die eigenen Schuhe betrachten und Musik spielen wie auf der CD ist total lahm. Statt dessen einen Chor mitzunehmen, ihn die Band meucheln zu lassen oder zum Crowdsurfen zu schicken, geschlechtslose Gogos mittanzen zu lassen – that’s entertainment. Teufelsgeiger Jamie, der nur die ersten beiden Shows mitspielen konnte, sagte mir, wie traurig er sei, schon wieder weg zu müssen. „Die Band ist für mich wie eine zweite Familie.“ Und Maggie, die die gesamte Zeit nur so überschäumte vor Lebenslust, verrückten Einfällen und schnellen Analysen, sagte mehr als einmal entschuldigend: „Ich bin nicht immer so! Es ist nur so, dass ich in Toronto gerade fünf oder sechs Tage die Woche mehr als zehn Stunden am Tag mit ganz normalen Leuten arbeite. Da staut sich so einiges an.“ Touren als Ausbruch aus dem Everyday Life. Lustige Fußnote an der ganzen Sache ist noch, dass es gar nicht so sehr um Fußball ging wie das Anhängsel „...und der Münchener Fußballchor“ vermuten lassen könnte. Die Chorleute waren aus Münchener Bands, und auf der Bühne agierten wir vor allem als singende und tanzende Zombies. Okay: Es gab den Kicker im Kremser Backstage, und Marcus, Andy und Jens kauften sich auf den Rasten immer Panini-Sammelbilder, und bei Bayern Münchens vorzeitigem Meisterschaftsgewinn gab es im Chor ehrliche Jubelausbrüche (es ist für mich immer noch ein seltsames Gefühl, bekennende Bayern-Fans um mich zu haben). Und dann war da noch Mehmet Scholl, unser Spiritus Rector: Der rief jeden Tag bei Tourmama Thomas an, um zu erfahren, wie es gerade so läuft. Bei den München-Konzerten stand er immer in der ersten Reihe. Und am letzten Abend, mitten in der Nacht, als die on3radio-Party schon fast vorbei ist, Hidden Cameras und Chor noch irgendwo um die Häuser ziehen oder traurig-glücklich nach Hause wanken, trifft auf dem Queerbeat-Handy eine vielversprechende SMS ein.

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Vielleicht gibt es tatsächlich ein nächstes Mal.


Tag 9, Popadelica-Festival im Huskvarna Folkets Park – geschlechtslose Gogos in sozialdemokratisch angestaubter Atmosphäre Bei der Anfahrt lassen wir uns etwas Zeit: Unser Auftritt beim Popadelica-Festival in Huskvarna ist erst für kurz nach Mitternacht angesetzt, und so weit ist es auch gar nicht, ein paar hundert Kilometer. Wir nehmen die Fähre Helsingör-Helsingfors und durchqueren dann Schweden. Irgendjemand behauptet, dass die Landschaft in Neufundland genau so aussehe wie Schweden. Schlagzeuger John Power als patriotischer „Newfie“ bestreitet das, und auch mich erinnert es eher an Brandenburg: Nadelwald und Gestrüpp. Doch dann machen wir Pause an einem lauschigen See mit Inselchen, klarem Wasser, Wald und Hammerwetter – dit is Schweden, nich die Mark! Die dazugehörige Raste heißt zur allgemeinen Erheiterung „Rasta Express“.

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Lief beim Stretching am malerischen Schwedensee In Huskvarna angekommen, nehmen wir erst mal das Festivalgelände unter die Lupe. Das Popadelica-Festival findet im Folkets Park statt, das ist ein umzäunter Volkspark mit Theater, Restaurant, Pavillon, papierumwickelter Königseiche und Freilichtbühne – ein ganz reizender Ort, „sozialdemokratisch angestaubt“ nennt es später Chorkollege Tom von G. Rag y los Hermanos Patcekos. Im hölzernen 20er-Theater hängen lauter alte Plakate, Gogol und Marlene Dietrich, Maggie ist ganz hingerissen. Hier sollen wir später spielen, vorher sind knapp ein Dutzend andere Bands dran. Bei Johnossi ist der Saal gerammelt voll. Die Kings of Convenience haben abgesagt, also sind wir alleiniger Headliner. Krass! Die Atmosphäre ist ziemlich entspannt. Manche Indie-Kid-Besucher sehen aus, als wären sie gerade dem H&M-Katalog entpurzelt. Wir haben genug Zeit, die Show etwas vorzubereiten. Bob und ich gehen noch unsere Tanzchoreographie durch, Maggie und Joel schnappen sich einen herumlaufenden Schweden und lassen sich von ihm die Anmoderationen übersetzen. Später bei der Show bin ich mir aber nicht ganz sicher, ob das auch so hinhaut. Auf der Bühne skandieren später beide im Chor auf Schwedisch „Ehe verbieten!“, aber das Publikum scheint genauso wenig wie ich zu verstehen, was die beiden sagen. Schade.

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Publikum in Huskvarna – kurz vor der Polonaise Unsere Auftrittszeit hat sich etwas nach hinten verschoben, dafür dürfen wir angeblich so lange spielen, wie wir wollen. Die fortgeschrittene Uhrzeit macht sich bei den Besuchern bemerkbar: alle etwas müde, und bei Johnossi waren es mehr, würde ich sagen. Beim Stagediven gibt es Probleme. Ich werde fast sofort wieder fallen gelassen, aber das ist auch okay, weil Bob und ich uns vorbereiten müssen: Mit Brustbinden und maskiert tanzen wir als geschlechtslose Gogos drei Songs mit. Kurz vor zwei sind wir mit unserem Set durch, das Publikum ist teilweise dezimiert, teilweise ekstatisch aufgepeitscht. Einzelne Songs werden mit Polonaisen gefeiert. Nach der Show warten hinter der Bühne Mitglieder von den von mir sehr verehrten I Am From Barcelona auf uns. Der Sänger erzählt, dass er durch die Hidden Cameras zu seinem Hit We Are From Barcelona inspiriert wurde – das ist der Song mit dem Video, wo der Chor in einer cartoonartigen Choreographie debil von links nach rechts wackelt: ganz groß.

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Bei der Zugabe „Macht kaputt was Euch kaputt macht“ kapert der Chor die Instrumente Irgendwie fühlt sich das nicht so an wie das letzte Konzert auf dieser Tour. Es ist surreal. Wir gehen ins Hotel, als würde noch der Mega-Abschieds-Bash in den nächsten Tagen folgen. Das ist auch halb wahr: Vor uns liegt ja noch die Heimfahrt, in einem Rutsch von Schweden nach München, weil einige Chormitglieder am Montag schon wieder arbeiten bzw. zur Ausbildung müssen. Und am Montag Abend ist noch ein Kurzgig beim Relaunch von on3radio, dem Jugendradio des Bayrischen Rundfunk.


Tag 8, Kopenhagen, Loppen – Zahnseidenweitwurf und Apfel-Gin Um acht ist Treffpunkt am Ostbahnhof, alle erscheinen pünktlich, weil Tourmama Thomas um sieben einen Weckrundruf gestartet hat. Bob hat gar nicht geschlafen, er war nach der Show noch im Möbel Olfe, traf dort Wolfgang Tillmans, und gemeinsam zogen sie weiter ins verrufene Bierlokal „Rote Rosen“ in der Adalbertstraße. Ansonsten herrscht Katzenjammer: Nur noch zwei Shows liegen vor uns, das Tourende ist absehbar – ich freue mich auf ausreichenden Nachtschlaf, andererseits kommt es mir so vor, als würde die Tour jetzt erst richtig anfangen. Dabei gibt’s aber Abgänge: Sebastian ist zurück nach München, LCavaliero bleibt in Berlin, und Peer war auch nur für den Berlin-Gig dabei.

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Maggie und Laura warten auf die Fähre und relaxen mit Musik Bei der Ausfahrt aus Berlin verwickelt mich Maggie in Gespräche über Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg. Wie war das 1918 bei der Spartakistischen Revolution, ist die Revolution damals wirklich gescheitert, weil es am Revolutionstag geregnet hat? Ich erzähle von den deutschen Revoluzzern, die sich Bahnsteigkarten kaufen, bevor sie den Bahnhof besetzen. Die Fähre nach Dänemark ist eine gute Abwechslung vom Tourbus-Alltag. Bob schläft auf dem Fußboden ein. Christina lässt sich beim missglückten Zahnseidenweitwurf filmen (gibt’s möglicherweise auf der Bavarian-Open-Website). Die Band fällt in den Duty-Free-Laden ein und ersteht Schokolade und Gin. Maggie lässt sich auf der folgenden Busfahrt zur Gin-Apfelsaft-Queen küren (ein Titel, den ihr LCavaliero streitig gemach hätte, wenn er noch dabei wäre), aber ohne viel Federlesens erklärt sie ihr Bus-Königreich zum kommunistischen Experiment, die Gin-Apfelsaft-Vorräte werden Allgemeingut. Dann prügelt sie sich mit Marcus. Etwas angetüdelt reiten wir in Kopenhagen ein. Der Veranstaltungsort Loppen liegt mitten in der unabhängigen Hippie/Punk-Enklave Christiania. Pikanterweise ist der lokale Veranstalter gar nicht so alternativ, sondern super-Mainstream, er veranstaltet auch Madonna. Auf dem Weg wuchten wir ein ungünstig postiertes Auto zur Seite. Jetzt weiß ich, warum der Chor eigentlich dabei ist.

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Oktoberrevolution a la Hidden Cameras: Die Bolschewiken (links, Maggie) setzen gezielte Fußtritte gegen die Menschewiken (rechts, Marcus) ein und bleiben am Ende siegreich – Gin Apfel für alle! Die Band hat gute Erinnerungen an Loppen: Die letzte Show hier war wohl grandios. Ich finde es vor allem eng, die Decke ist tief, Stagediven fällt flach (sic!), wild rumhüpfen ist auch nicht drin. Ich stehe unter einem Scheinwerfer, dessen Lüftung mir heißtrockene Luft in den Nacken föhnt. Mein angeblich wasserfestes Zombie-Makeup verhält sich wie ein Grönland-Gletscher im Hochsommer.

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Der Fußballchor in Aktion Die Show rockt aber. Bei „Smells like Happiness“ lässt die Band geschlossen die Hosen runter, das Publikum ist begeistert. Wir geben mehr Zugaben als sonst, alle sind erschöpft und glücklich. Übernachtungsmäßig gibt’s dann Probleme: Die Zimmer des Chors in der Jugendherberge wurden doppelt gebucht. Der überforderte Nachtportier hackt eine Stunde auf den Herbergscomputer ein. Schweißüberströmt und den Tränen nahe kapituliert er um halb fünf und schickt er uns per Taxi-Kolonne in ein Wanderhotel in der Pampa. Egal. Wir wollen nur ins Bett.


Tag 6 und 7, Berlin, Maria am Ostbahnhof – erster Mai, fast revolutionär Ein Doppeltag für Berlin: Die Fahrt von Köln dauert aufgrund diverser Staus wieder ziemlich lange, rund zehn Stunden. Eigentlich wollten alle am Abend ins Schwuz zum Tanz in den Mai, wo Lcavaliero auflegt, aber die Band ist zu alle und schläft nahezu geschlossen auf Sänger Joels Sofas ein. Dafür werden einige Chormitglieder von der Clubfotografin als „Hidden Cameras“ abgelichtet. Ich komme auf dem Heimweg am Boxhagener Platz im Friedrichshain vorbei. Er ist komplett polizeilich abgeriegelt und hell ausgeleuchtet. Ach ja, Walpurgisnacht und erster Mai und so.

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Backstage der Maria romantisch – Shaun am Ufer Am nächsten Tag ist relaxen angesagt, die meisten waren schon einige Male in Berlin und müssen nicht mehr die üblichen Mauer-Besichtigungstouren machen. Nachmittags Soundcheck, vom Konzertort Maria am Ufer ist es nur ein Katzensprung zu den revolutionären Hotspots im Friedrichshain und Kreuzberg. Trotzdem kriegen wir nicht viel mit vom revolutionären Treiben, außer dass viele Leute in Grün und Schwarz unterwegs sind. Die Maria liegt direkt an der Spree, wir lungern am Ufer herum, ganz entspannt in der Abendsonne. Am Ufer gegenüber hinter einer Lagerhalle steht eine Reihe von Polizeiautos. Wahrscheinlich die versteckte Reserve, falls es auf der Oranienstraße heikel wird. Einige schwarz gekleidete Cops langweilen sich und werfen Steine ins Wasser. Wollen sie uns provozieren? Der Chor ist für die Berlin-Show wieder vollzählig, bei der Band gibt es für diesen Abend erneut Zuwachs: Peer von der Berliner Indie-Band LeMobilé als Extra-Bratscher macht die Streichersektion zum Kammerorchester. Das Konzert steht dann ganz im Zeichen des 1. Mai. Maggie trägt ein pinkes Kleid mit einem großen Karl-Marx-Bild darauf und ruft nach ein paar Songs in die Menge: „Tanzen like it’s verboten!“ Auch bei der Anmoderation von Ban Marriage schlägt sie eindeutige Töne an: „Do you want the government be part of your love relationship? We should all be equal – under no law!” Jubel im Publikum.

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Ganz entspannt aufs Konzert vorbereiten Bei der Bandmeuchelaktion habe ich mit der Streichersektion ziemlich viel zu tun, und dann schnappt mir ein unerkanntes Chormitglied Liefs Bratsche vor der Nase weg. Grrr! Naja, ich versuche das mit Tambourin und wildem Rumhüpfen zu kompensieren. Das Crowdsurfen läuft dafür supergut, so gut war es noch nie! Ich werde im Halbkreis getragen, nach hinten, zur Seite, dann wieder Richtung Bühne und dann hinter einer Bühnenabsperrung abgeladen, so dass ich auf einmal quasi unter der Bühne liege. Getting high on the Church Ground als letzte Zugabe wird wie in Köln zur Jamsession mit Instrumententausch und geht dann über in „Macht kaputt was Euch kaputt macht“ von Ton Steine Scherben – am ersten Mai Revolution zitieren, das muss schon sein. Das Publikum feiert. Nach dem Konzert kommt Peaches hinter die Bühne mit Sheila Chipperfield von Elastica im Schlepptau, auch Robert Stadlober schaut vorbei. Lange Party ist aber nicht drin: Morgen müssen wir früh los, um die Fähre nach Dänemark zu kriegen. Also heim per Taxi – was sich erstaunlicherweise als schwierig erweist. Fahren die Kreuzberger Mai-Revolutionäre per Taxi nach Hause nach Reinickendorf oder Charlottenburg? „Da war eine Frau, die wartete schon 45 Minuten auf ein Taxi, und wir haben ihr noch eines genau vor der Nase weggeschnappt“, gibt später ein anonymes Chormitglied zerknirscht zu. Aber auf Tour und in der Liebe ist alles erlaubt.

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Soundcheck vom Chor aus gesehen


Tag 5, Konzert im Gloria, Köln – The Football Cameras and the Hidden Choir Am Dienstag geht’s wieder früh los, um halb neun sollte der Bus eigentlich rollen. Aber ein Chormitglied fehlt: Sebastian von Minerva hört gerade seinen Wecker nicht. Nicht schlimm, könnte man denken, dann sind’s halt nur zwölf statt dreizehn im Chor. Aber falsch: Es sind nur fünf. Denn die anderen bleiben in München, sie müssen Lohnarbeit nachgehen oder dürfen Uni/Schule nicht verpassen. Ich gehöre auch dazu und winke daher mit einem Taschentuch und einer Träne im Knopfloch dem Bus hinterher.

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Leben aus dem Gepäckfach des Tourbusses Aber das war auch von Anfang an der Deal: Die Band wird für die Tour eingeflogen, der Chor ist punkrockmäßig dabei, im Vordergrund steht der Spaß an der Sache. Kohle gibt’s keine – ist auch nicht verwunderlich, wenn man bedenkt, dass da immer rund 25 Band- und Chormitglieder unterwegs sind. Da kostet schon ein Abendessen schnell mal so viel wie ich im Monat für Miete ausgebe. Während die in München verbliebenen Chormitglieder arbeiten oder studieren (oder schlafen), steht der Bandbus auf dem Weg nach Köln in fünf Staus. Das berichtet LCavaliero am Telefon. Knapp rechtzeitig kommt die Band in Köln an, und pünktlich zur Show erscheint auch der am Morgen fehlende Sebastian. Er hat noch eine Mitfahrgelegenheit bekommen. Weil er beim Skandinavien-Teil der Tour nicht dabei sein kann, hat er alles dran gesetzt, noch pünktlich nach Köln zu kommen.

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Soundcheck im Gloria Dabei treten gar nicht die Hidden Cameras auf: Denn auf der Fahrt haben sie sich einen neuen Bandnamen ausgedacht: The Football Cameras and the Hidden Choir – weil der Chor so deutlich dezimiert ist. Ähnlich sieht es leider mit dem Publikum aus. Das Gloria in Köln, ein schönes altes Theater, ist nicht so voll, wie es sein könnte und wie es die Show verdient hätte. Aber die Stimmung ist bombig. Die Instrument-Kaper-Aktion fällt aus, dafür geht es beim letzten Song „Getting high on the Church Ground“ noch mal so richtig ab. Ich fand den Song ja eigentlich nicht so passend als letzten Song des Sets, nicht so schmissig und fetzig wie andere, außerdem schreit der Chor die ganze Zeit nur „Hey! Hey! Hey!“ – aber in Köln geht es richtig ab. Augenzeuge Thomas beschreibt es als „musikalische Massenorgie“, in einem zehnminütigen, auf dem Song basierenden Jam tauschen die Bandmitglieder ständig ihre Instrumente und wälzen sich am Boden, der Chor mischt sich darunter – Rock’n’Roll mal wieder.

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Karaokebar in Köln: John und Rudi gehen ab In der aufgepeitschten Stimmung will nach dem Konzert niemand nach Hause, statt dessen ziehen alle weiter in eine Karaoke-Bar. Die Knüller sind Guns’n’Roses und die B52s, am besten ist aber John Power, der mit Kopfstimme „The only way to be“ von den Spice Girls zum Besten gibt und hinterher unter Applaus erinnert: „All of us here know it’s not the only way to be.“ Dem Wirt der Bar gefällt es weniger, er kommt immer wieder und dreht die Karaoke-Maschine leiser, und um vier Uhr hat er den Hals voll und setzt die Band vor die Tür. Dann fünf Stunden Schlaf und weiter nach Berlin. Und da bin ich dann auch wieder dabei.


Tag 4, Konzert in der Freiheizhalle, München: Trachtenfreestyle, Streicher morden Es ist Montag, die Münchener Chormitglieder gehen ihren jeweiligen Alltagen nach, und die Hidden Cameras schwärmen aus in die Stadt. Paul geht immer bei München-Aufenthalten immer gern ins Volksbad, Maggie und John klappern Kleidungsläden ab, LCavaliero und Bob kehren von der Kaufinger Straße glücklich mit Glitzermütze, Glitzerarmbändern und Glitzerspray zurück ins Queerbeat-Haus. Viel Zeit für Shopping ist aber nicht: Schon am frühen Nachmittag beginnt der Soundcheck in der Freiheizhalle, einem ehemaligen Heizkraftwerk an der Donnersberger Brücke, das auf drei Seiten von Baustellen gesäumt ist.

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Ivan, Laura und John als Trachtler_innen Der inoffizielle Dresscode lautet: zünftig. Letztes Jahr beim Abschiedsspiel von Mehmet Scholl wurde die gesamte Band mit Lederhosen und Dirndln ausgestattet, jetzt werden sie wieder hervorgekramt. Maggie war damals nicht dabei und leiht sich von Veranstalter Thomas die Hosen. Eigentlich ganz bequem, findet sie, aber was macht man, wenn man aufs Klo muss? Trompeter Shaun fragt mich, ob es eine bestimmte traditionelle Bindung des roten Halstuches gibt, das mit der Tracht mitkam. Äh... keine Ahnung. Freestyle, würde ich sagen. Pünktlich eine halbe Stunde vor Einlass beginnt es draußen zu schütten. Organisator Thomas, der sich vorher noch über eine gute Schorndorf-Kritik in den Stuttgarter Nachrichten gefreut hatte, bekommt schlagartig schlechte Laune. „Das kostet mich mindestens dreißig Gäste an der Abendkasse.“ Thomas ist heute eh noch gestresster als sonst: Mehrfachbelastung als Tourveranstalter, lokaler Veranstalter und Band-Kindermädchen.

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Gruselig? Solls sein. Geiger Martin von den Moulinettes ist neu dabei. Er geht noch mal alle Stücke durch und ist verwirrt von ähnlichen Namen: Enema... MMA... In the Na... welches ist welches? Das Konzert kriegt er aber gut hin. Bratschist Lief tanzt wie versprochen viel mehr als sonst mit. Auch wir im Chor sind viel lockerer, obwohl es noch einen neuen Song gibt, den wir vom Blatt absingen. Er handelt von Geschlechtskrankheiten. In der ersten Konzerthälfte müssen wir wieder Zombie-debil-böse gucken, das fällt ganz schön schwer, weil wir vor heimischen Publikum viel lieber mitfeiern wollen. Höhepunkte sind wieder die Chor-Aktionen. Also nicht die Hey-Hey- oder Doot-doot-Songs, sondern unsere performanceartigen Eingriffe in das Bühnengeschehen: das Meucheln der Band und das Schweben. Nachdem ich zuletzt immer die Keyboarder ermordet hatte, darf ich heute alle drei Streicher umbringen und auf Liefs Viola den untoten Teufelsbratscher mimen. Yes! Sänger Joel hats ja gefordert: mehr Theater! Auch bei den anderen Songs klappen die Chor-Choreographien immer besser: Das Publikum feiert unten, wir auf der Bühne. Drei Zugaben, hätten von mir aus auch fünf sein können. Oder sieben. Aber die Band muss ins Bett: Morgen früh geht’s weiter nach Köln.

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Jetzt-Autor Malte Göbel als untoter Teufelsbratscher Nach dem Konzert kommt Mehmet Scholl noch in den Backstage und plaudert mit den Gogos. Als wir uns auf den Heimweg machen, treffe ich Sänger Joel allein an der Bühne, er hört Claire Waldoff aus seinem Laptop. „Do you know that song? Hanneloooore, Hanneloooore, schönstes Kind vom Halleschen Toooore...“ Danke für den Ohrwurm. Das erste Mal seit fünf Tagen kein „In the Na“ oder „Golden Streams“ im Kopf, sondern lesbische Berliner 20er-Shanties. Kein schlechter Mix.


Tag 3, Chillen und Grillen im Queerbeat-Garten Ich dachte, nach zwei anstrengenden Konzerten und rund tausend Kilometern im Bus würde die Rückfahrt von Schorndorf nach München ein fahrendes Wegdämmerhappening werden. Aber falsch: Hinten im Bus dämmert der Chor zwar tatsächlich ziemlich schnell weg, aber vorne lärmt die Band weiter, als sei sie gerade erst aus dem Flugzeug gestiegen.

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Zünftig: extra für München hat Joel seine Lederbuxen angezogen Keyboarder Rudi hat eine Flasche billigen Fusel organisiert, Bratscher Lief zeigt lustige Videos auf seinem Computer, Maggie und John reden so laut über Sex, dass alle mithören müssen, und Joel versucht den Bus zu durchqueren, ohne dabei den Boden zu berühren. Rudi erweitert das Spiel und versucht, den Bus zu durchqueren, ohne Boden oder Sitze zu berühren. Spidermanartig hängt er dann zwischen den Gepäckfächern an der Decke des Busses. Gegen vier Uhr morgens kommen wir ins Bett. Joel besteht zwar darauf, noch ins nahegelegene Backstage zum Feiern zu gehen, aber ich nehme ihn nicht wirklich ernst. Am nächsten Morgen werde ich von Vogelgezwitscher und Grillgeruch geweckt. Es sind die kroatischen Nachbarn, die ihren Grill gern schon zum Frühstück anfeuern. Von uns sitzt nur Bob in der Sonne und relaxt bei Kaffee und Zigarette. Nach und nach tauchen auch die anderen Bandmitglieder auf. Rudi erzählt, dass er tatsächlich noch im Backstage war und erst um sieben vor die Tür gekehrt wurde. „Aber dann bist du immer noch betrunken, oder?“, fragt jemand. Rudi schwankt und setzt einen glasigen Blick auf. Hartnäckig hält sich auch das Gerücht, dass er nicht nur einmal im Backstage vor die Tür gesetzt wurde. 2007 war er auf Socken zum Mehmet-Scholl-Gig nach München gekommen. Die Schuhe hatte er in Wien vergessen.

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Relaxen im Garten: Jamie in Lederhosen, Thomas, Shaun und John Power Der Tag wird ansonsten sehr entspannt. Die Hidden Cameras sitzen im Gras, grillen, essen, trinken, die Chormitglieder schauen vorbei und bringen Freunde mit. Es gibt Salate, fettiges Fleisch und Fleischersatz, später auch pseudo-vegane Nougat-Schokolade. Unter „Don’t go away!“-Rufen wird der Geiger Jamie verabschiedet, der für ein Kunstprojekt wieder nach London muss. Er, der „Teufelsgeiger“, war bei den Shows immer ein Garant für gute Stimmung, hüpfte wie ein fidelnder Flummi durch die Gegend. Bratscher Lief ist nicht nur traurig: „Seine Geigenstimme fehlt jetzt zum Orientieren. Aber dann habe ich vielleicht auch mal endlich Platz, um mich etwas zu bewegen.“ Später im Queerbeat-Wohnzimmer bei Bier und Wein erzählt Laura von ihren Scientology-Erfahrungen. Sie kennt irgendwelche Scientologen, die ihre Kinder nach den Lehren erziehen. Wenn ein Kind sich stößt, darf es nicht „Aua“, sondern nur „Contact!“ sagen. In einem anderen Training werden den Kindern angeblich Schimpfwörter gesagt, sie sollen aber nicht reagieren, also weder lachen noch wütend werden. Das wird auch gleich von den Cameras versucht, aber Schlagzeuger John verliert. Später kommt er auf die Idee, das Wort „Rock'n'Roll“ in verschiedenen Songs durch „Cock'n'Hole“ zu ersetzen. Dann sängen die Ramones „Cock'n'Hole Highschool“, und so weiter. Kalauer funktionieren oft am besten.

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beim Youtube-suchen von Hidden Cameras-Videos kommen auch schlüpfrige Sachen raus Später wird’s noch mal ernst, als ich mit Chorgenossin Christina über Gender rede: Wir hatten beide bei fast allen Cameras angenommen, dass sie schwul sind. Und dann outen sich die sicheren Fälle als hetero, und die Hetero-Kandidaten sind auf einmal doch schwul. Im Chor ist es deutlicher Richtung hetero, jedenfalls bei den Jungs. Letztendlich bleibt für uns am Ende übrig: eigentlich alles nicht so wichtig. Und das an sich ist ja auch schon politisch. Mal sehen, was die Tour noch mit den Leuten macht.


Tag 2, Schorndorf und die universelle Vagina Von Krems nach Schorndorf ist die längste Fahrt der Tour, was bei den noch anstehenden Stationen wie u.a. Berlin, Kopenhagen und Huskvarna (Schweden) eher verwundert. Aber 647 Kilometer sind 647 Kilometer, also sitzen Band und Chor nach einer verteufelt kurzen Nacht gegen 9 Uhr Morgens wieder im Bus – alle mehr oder weniger fit, besonders Keyboarderin Laura hat ihre Grenzen am Vorabend ziemlich ausgetestet und hängt nun mit grauem Gesicht und Plastiktüte in Reichweite über einem Doppelsitz. An einer Raste dann das, was eben so auf Tour passiert: Jens aus dem Chor (eigentlich von Finca) fischt den Hotelschlüssel aus Krems aus seiner Hosentasche. Tourorganisator Thomas reagiert gefasst: „Fragen wir mal rum, ob noch jemand auch den Schlüssel mitgenommen hat, dann können wir beim Zurückschicken Porto sparen.“

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Arme ausstrecken und debil gucken: Maggie mit den Chormitgliedern Sebastian (Minerva), Mira (Candelilla) und Bob (Jean Genet) beim Zombie-Workshop Wieder auf der Autobahn erzählt Maggie eine Geschichte aus ihrer Heimatstadt Cornwall, Ontario. In einer verrufenen Pizzeria meinte ein Gast einmal einen Finger auf seiner Pizza gefunden zu haben. Doch das Management beruhigte: „Es ist kein Finger, kein Grund, sich aufzuregen! Es ist nur eine Zigarre.“ Nachdem wir München hinter uns lassen, macht Maggie per Mikro eine Ankündigung für einen Goblin-Workshop eine halbe Stunde vor Showbeginn. „Gestern gab es einige Unsicherheiten, wie wir den Huren-Tanz am besten performen. Deswegen werden wir alle gemeinsam lernen, wie wir uns als Zombies oder Goblins auf der Bühne bewegen und dabei ansexen können.“ Als wir in Schorndorf ankommen, wundern sich die Organisatoren, wie viele Leute da als Hidden Cameras aus dem Bus steigen. „Ich bin froh, wenn auch so viele Gäste kommen“, ulkt einer. Ganz leichte Bedingungen sind nämlich nicht, weil am gleichen Wochenende das örtliche Bierfest stattfindet, eine Frühlingsversion der Cannstatter Wasen.

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Dramatic Arc for Hidden Cameras and Beloved dead Choir Im Goblin-Warm-Up vor der Show macht Maggie vor, wie man sich als Zombie bewegt, wie Zombies den Affentanz machen würden und welche Lockerungsübung am besten ist. „Shake every part of your body except... oh, just shake the whole thing.” Dann präsentiert sie eine Skizze, die den Verlauf der Show verdeutlichen soll. Höhepunkt: die Extase bei „Smells like Happiness“: „Sing it like…” beginnt sie und sucht nach Worten. Violinist Jamie vollendet: „Like you have your finger up your butt.” Jaaa, genau, ruft Maggie. So muss es sein! Sex ist nach Musik die zweitwichtigste Sache bei den Hidden Cameras. “Butthole is the universal vagina!” ist der programmatische Spruch, zumindest in der Theorie. Sexuelle Orientierung der Bandmitglieder ist egal, Geschlecht auch: Wichtig ist das verbindende Element – die universelle Vagina haben alle.

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Teufelsgeiger Jamie treibt die Band an Dank Warm-Up und mehr Übung flutscht die Show für uns im Chor noch besser als gestern in Krems. Die Meuchelaktion läuft gut über die Bühne, nur Gogo-Tanzen und Stagediven fallen flach, aus Platzgründen. Besonders Jamie verdient sich seinen Beinamen „Teufelsgeiger“, er tänzelt mit Violine wie ein Derwisch über die Bühne und vollführt bei „Ban Marriage“ akrobatische Luftsprünge. Die Zuschauer sind begeistert, wir geben zwei Zugaben und dann noch eine. Maggie moderiert an und macht sich in gebrochenem Deutsch über Deutschland lustig. „Rauchen ist verboten in Raum. Rauchen ist sehr tödlich! Nur Kapitalismus ist mehr tödlich!“ Hinterher bleibt nicht mehr viel Zeit zum Feiern, weil wir wieder nach München müssen. Morgen Ausruhen und Grillen im Queerbeat-Garten.


Tag 1, Krems, Donaufestival: Kickern, Meucheln, Stagediven Regen in München, für Krems ist vertraglich Sonnenschein garantiert. Doch nach der Fahrt durch das sonnig-liebliche Donautal schüttet es auch dort, sobald der Bus das Festival-Gelände erreicht – allerdings das einzige Versprechen, das Krems nicht einlösen kann. Ein Super-Ort, gute Organisation und eine Wahnsinnssause. Hier ist gerade Donaufestival, am gleichen Abend spielen der herzerweichende Singer und Songwriter Scott Matthew und die Rapperinnen Bunny Rabbit – es ist der queere Abend des Festivals, man munkelt, es sei der am besten besuchte.

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Promo-Spaziergung durch Kremser Grüngebiete Sofort nach der Ankunft werden wir in die gut geölte Festivalmaschine eingespeist. Stage Hands werkeln die Bühne zurecht, Hostessen tragen Kekse und Obst durch die Gegend, Band und Chor nehmen die Internet-Terminals und den Kicker in Beschlag – endlich kann der sog. „Münchener Fußball-Chor“ seinem Namen Ehre erweisen. Besonders die Candelilla-Mädels zocken wilder als Birgit Prinz. Zeit gibt’s, denn die Band ist noch nicht komplett: Keyboarderin Maggie fehlt, sie wird auch wegen ihrer Toronto-Mitbringsel dringend erwartet. Schuld ist das Katastrophenterminal Heathrow Five, auch Violinist Jamie war in London extra um fünf Uhr früh aufgestanden und kann sich mit seinen vier Stunden Verspätung vergleichsweise glücklich schätzen, denn sein Gepäck geht nicht verloren. Am späten Nachmittag trudeln sie dann ein, auch Keyboarder Rudi ist dabei. Er hat lustige Masken für die Show mitgebracht.

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Der Fußball-Chor schminkt sich auf Obstuntergrund zu einer Meuchelhorde Der Soundcheck muss schnell gehen, denn vier Kamerateams warten auf einen Promo-Krems-Spaziergang mit Musik über eine Wiese zwischen Festivalgelände und dem Theaterpavillon. Dort inszeniert gerade der Kanadier Bruce LaBruce ein Stück mit Performancenudel Vaginal Davis (die sich später am Abend an den Rockzipfel von Hidden-Cameras-Drummer John Power heften (und hüften) wird). So kurz vor der ersten Show wird alles noch etwas chaotisch. Mit Maggies Hilfe schreibt Joel kurzerhand die Setlist um, auch die Gogo-Choreographie steht noch nicht. LCavaliero und ich ziehen Strohhalm, wer neben Bob Gogo tanzen darf, LCavaliero gewinnt für heute, ich bin also morgen dran. Hektische Betriebsamkeit auch beim Chor, der sich als fiese Mörderhorde verkleidet und für die erste Hälfte der Show Spaßverbot bekommt – Joel will alles etwas theatralischer haben. Als die Show startet, folgt zunächst auch das Publikum diesem Verbot unaufgefordert, aber das liegt wohl auch am düsteren Setbeginn: neue Songs ohne den direkten Hidden-Cameras-Hey-Hey-Tanz-Appeal.

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„Komm her! Die Chor soll jetzt schweben!“ Erst als der Chor die Band meuchelt, wacht das Publikum etwas auf. Und nach dem von Joel in drolligem Deutsch anmoderierten Stagediving-Part („Komm her! Wir brauchen Ihre Hilfsmittel. Schweben! Die Chor soll jetzt schweben!“) flippen die Zuschauer vollkommen aus. Bei den letzten Songs bittet Joel noch Freunde auf die Bühne, auch Bruce LaBruce und Scott Matthew tanzen mit – eine riesige Party. Das ist Rock’n’Roll. Von mir aus könnte es ewig so weiter gehen. Zum Beispiel morgen in Schorndorf.


Der Fußballchor besteht aus lauter Musikerinnen und Musikern Münchener Bands (und Berlin-Münchener, das bin u.a. ich), also nix groß Fußball, aber geschenkt: Mehmet Scholl als größter Cameras-Fan steht Pate und ist zumindest im Geiste immer dabei.

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Der bisherige Höhepunkt der "Hidden Cameras und der Münchner Fußball-Chor: beim Abschied von Mehmet Scholl in der Allianz Arena (Bild: Jörg Mücke) Tag 0 Nach und nach kleckern die Musiker im Münchener Queerbeat-Hauptquartier ein. Ein nicht abreissender Strom, und es ist unklar, wie sie alle im Haus untergebracht werden sollen. Rund ein Dutzend Musiker werden es am Ende sein, manche fliegen erst am Freitag direkt nach Krems zur ersten Show. Keyboarder Rudi, ein Österreicher, schrieb noch eine alarmierende Mail, er brauche dringend ganz bestimmte rote Hotpants Größe 27 oder 28 von American Apparel. „Das könnte doch noch Maggie vom Flughafen mitbringen!“, ruft Laura, die Xylophonistin. Maggie muss sowieso alles mögliche mitbringen, was die Torontoer Bandmitglieder zuhause vergessen haben. Oder unbedingt aus der Heimat mitgebracht haben müssen (Sänger Joel wohnt schon eine Weile in Berlin). Zum Beispiel Streamers (goldene Luftschlangen zum schießen), eine Kalimba (afrikanisches Fingerklavier) und künstliches Blut. Blut? Ja, diesmal wird es etwas morbider.

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Die Aufgaben des Fußball-Chor sind klar: Lalala singen und auch im Rotkäppchen-Outfit gut aussehen Eigentlich sind die Hidden Cameras für fröhliche (engl: gay, haha) Folk-Tanz-Musik bekannt mit lustigem Herumgehüpfe vor und auf der Bühne. Aber bei der Probe am Nachmittag schließt Sänger und Cameras-Mastermind Joel Gibb seinen Computer an die Anlage an, und düstere Synthie-Klänge wabern durch den Raum. „Das ist der beste Song von den neuen!“, raunt Booker Thomas begeistert, okay, es gibt also neue Songs, sie sind etwas anders: Bei den Liedern der ersten zwei Platten konnte man immer locker „Hey! Hey! Hey!“ mitrufen und im Takt joggen. Die neuen überraschen da. Auch uns im Chor, weil wir sie noch gar nicht kennen, aber irgendwie wird das schon hinhauen. Die Nacht wird noch lang, bei Wein und Scotch sitzt die Band zusammen und diskutiert das Led-Zeppelin-Shirt von Busfahrerin Marie und die adäquate Übersetzung von Joels deutschem Lieblingssatz „Er hat ein gebärfreudiges Becken“. Am Morgen um neun dann verkaterte Abfahrt nach Krems. Es regnet.