China-Kolumne. Heute: Beijing vs. Shanghai

Anlässlich des jetzt.de-Städteduells: Die Hauptstadt und das Wirtschaftszentrum im Vergleich. Beide mögen sich genauso wenig wie Berlin und München
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Wer als Chinese durch sein eigenes Land reist, glaubt zuweilen, sich auf einem fremden Kontinent wiederzufinden. Nicht nur versteht man seine Landsleute kaum (Mandarin und Sichuan-Dialekt verhält sich klanglich wie Bayrisch zu Holländisch), auch Gewohnheiten und Mentalitäten sind so unterschiedlich wie die von Finnen und Südsizilianern. So sagt man zum Beispiel, dass die Menschen im Süden Chinas umtriebig, clever und aufbrausend sind, chinesischen Nordlichtern dagegen wird ein bodenständiger und ruhiger Charakter angedichtet. Die Bewohner großer Metropolen haben naturgemäß den Ruf, besonders überheblich zu sein, und nicht anders ist es im Fall von Shanghai und Beijing. Der Depp aus der Provinz heißt auf Chinesisch Wai di ren, wörtlich: Mensch von draußen, und nicht anders werden sie meist behandelt. Aber auch untereinander können sich die Großen nicht unbedingt leiden. Hier beide im Vergleich: Das bedeutet der Name: Beijing: "Nördliche Hauptstadt" Shanghai: "Der Höhere erreicht das Meer". Eine alternative Interpretation lautet "auf's Meer hinaus". Einwohnerzahl: Beijing: 15,6 Millionen Shanghai: 18,4 Millionen Fläche in km²: Beijing: 16.807 (19 x Berlin) Shanghai: 6.340 (20 x München)

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Illustration: Julia Schubert

U-Bahn-Netz: Doppelfladenform vs. Spinnenform Taxipreis pro Kilometer: Beijing: 2,50 RMB (25 Cent) Shanghai: 3 RMB (30 Cent) McDonald’s-Filialen: Beijing: 95 Shanghai: 82

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Illustration: Julia Schubert

Wichtigste kulinarische Errungenschaft: Pekingente vs. Stinketofu Beliebtheitsgrad: Beijing: Kumpelig kommen Hauptstadtbewohner nicht daher, aber man begegnet Beijing mit sehr viel Respekt vor ihrer Geschichte und ihrem kulturellen Erbe. Den Bewohnern wird nachgesagt, dass sie gebildet und eloquent sind, bisweilen drifte das Schöngeistige aber in Geschwätzigkeit und Phrasendrescherei ab, heißt es. Shanghai: Null bis Minusbereich. Shanghaier gelten in China als arrogant, oberflächlich und geldgeil, und angeblich ziehen sie immer eine Schleimspur hinter sich her. Die Missbilligung beruht auf Gegenseitigkeit. Trotzdem wollen alle zum arbeiten hin. Am ehesten mit dem Ruf Münchens innerhalb Deutschland vergleichbar.

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Illustration: Julia Schubert

Beliebteste Touri-Falle: Verbotene Stadt vs. The Bund Das sagt Restchina: „In Beijing merkt man erst, wie klein man wirklich ist.“ „In Shanghai merkt man erst, wie arm man wirklich ist.“

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Illustration: Julia Schubert

Wer regiert? Macht vs. Geld Deshalb gelten sie als eingebildet: Beijing: Die Bewohner Beijings tragen seit mehr als 2000 Jahren einen ausgeprägten Hauptstadtstolz mit sich. Nicht nur die politischen Weichen werden hier gelegt, Beijing ist auch das kulturelle und intellektuelle Zentrum von China. Hier haben die beiden renommiertesten Universitäten (Beida und Qinghua) ihren Sitz, das Galerienviertel 798 entwickelt sich gerade zum internationalen Kunst-Hotspot. Bis heute fühlen sie sich insgeheim wie die kleinen Kaiser unter den Chinesen. Shanghai: Aldous Huxley schrieb 1926, dass er „in keiner Stadt der Welt je einen solchen Eindruck von einem dichten Morast üppig verflochtenen Lebens“ bekommen hätte wie in Shanghai. Weil sie für Drogenkonsum, Parties und Prostitution bekannt war, wurde Shanghai zum Synonym für Sünde, Abenteurertum und Reichtum. Die Megacity am Huangpu ist heute die bevölkerungsreichste Stadt, Konsummekka und Wirtschaftszentrum des Landes (und halb Asiens). Nirgendwo anders schielt man mehr nach Europa und in die USA. Deshalb findet man sich hier ziemlich weltgewandt, zeitgeistig und total 21st Century. Shanghai - der Yuppie unter Chinas Metropolen.

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Illustration: Julia Schubert

Der Stolz der Stadt: Vogelnest vs. Transrapid Das sagen die jeweils andern: Shanghai: „Um sein Gesicht zu wahren, würde man in Beijing auch auf Geld verzichten.“ Beijing: „Für zehn RMB (ein Euro) würden Shanghaier jeden Gesichtsverlust in Kauf nehmen.“

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