Der jetzt.de-Chinesisch-Kurs. Heute: Chinesen und ihre Namen

Das jetzt.de-Trainingsangebot für die Olympischen Spiele in China - Tschingtschangtschong ist unsere neue Reise-Kolumne.
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Essen fertig! Wenn meine Großmutter ihre Enkel früher zu Tisch gerufen hat, hörte sich das so an: „Haohao! Fanfan! Yingying! Lulu! Dongdong!“ Was nach Namenschöpfungen für eine neue Teletubbie-Familie klingt, ist in China durchaus üblich: Verniedlichungsformen von Vornamen, die für jedes chinesische Kind erfunden werden. Dazu wird eine Silbe des Vornamens ausgesucht und gedoppelt. Ich heiße bis heute für alle in der Familie Fanfan.

Illustration: Julia Schubert

Nach dem Kindchenschema wurden auch die diesjährigen Olympiamaskottchen getauft. Gleich fünf

, sogenannte Kinder des Glücks, begleiten die Sommerspiele 2008 in Peking. Sie bestehen aus dem Fisch Beibei, dem Panda Jingjing, der Fackel Huanhuan, der Tibetantilope Yingying und der Schwalbe Nini. Zusammengefügt ergeben die Hauptsilben den Satz: Beijing heißt dich willkommen. Die Wichte symbolisieren außerdem die fünf Elemente des Daoismus: Wasser, Holz, Feuer, Erde und Metall. Auch tragen die Maskottchen die Farben der Olympischen Ringe und sollen Sportarten, Werte und Charaktereigenschaften repräsentieren, die alle aufzuzählen den Rahmen dieser Kolumne sprengen würden. Nur soviel, Chinesen haben eine ausgeprägte Vorliebe für Bedeutungsschwangeres. Zur Erinnerung: das deutsche WM-Maskottchen 2006 hieß Goleo. Diametral zum Brauch des Verniedlichens steht das formalistische Anredesystem, das jedes chinesische Kind wie Stäbchen halten von Beginn an antrainiert wird. Für die Frau vom Onkel, die hierzulande einfach Tante genannt wird, gibt es im Chinesischen ein eigenes Frau-vom-Onkel-Wort. Die Tante mütterlicherseits gehört einer anderen Tantenspezies an als die aus der Familie des Vaters und wird demnach auch anders angesprochen. Ist die Tante älter als die Mutter, hört sie wiederum auf eine andere Anrede als eine jüngere Schwester der Mutter. Auch wenn man jemand Wildfremdes auf der Straße anspricht, muss man sehr exakt sein. Für jedes Alter, jeden Grad der Verwandt- bzw. Bekanntschaft und gesellschaftlichen Status existiert die passende Titulierung. Auf jeden Fall würde man in China für einen unhöflichen Trampel gehalten, wenn man einfach nur „Hallo“ sagt. Ungewohnt distanziert für hiesige Verhältnisse mutet auch an, wie chinesische Paare miteinander sprechen. Der Liebste wird in der Regel vollständig mit Vor- und Nachnamen angesprochen. Wäre Edmund Stoiber ein Chinese, würde er seine Frau also immer „Karin Stoiber“ rufen, unter gar keinen Umständen jedenfalls Muschi. Unter jungen Pärchen ist der Anredetrend derzeit, so zu tun, als hätte man sich das Ja-Wort schon gegeben. So titulieren sich in Beijing ernsthaft 21-jährige Hipsterpärchen als Laopo (altes Weib, umgangsprachlich für Ehefrau) und Laogong (Ehemann oder alter Knacker). Bei der Namensgebung für ein Neugeborenes herrscht dagegen vollkommene Anarchie. In dieser Hinsicht sind die Chinesen die weltweiten Vorreiter. Tatsächlich wäre es in China theoretisch erlaubt, sein Kind Hundefurz zu nennen, aber das tut natürlich keiner. Wird ein Baby erwartet, ist der beliebteste Familiensport, gemeinsam einen guten Namen für das Kind zu suchen. In ihm spiegeln sich nämlich alle Hoffnungen und Wünsche der Eltern. Die Bedeutungen hinter den Namen siedeln sich meist irgendwo zwischen Indianerpoesie und kitschigem Pathos an. Jungsnamen beinhalten häufig Metaphern für Kraft und Weisheit, Mädchen tragen traditionellerweise Namen, die mit Sanftmut und Blumen assoziiert werden. Der große Vorsitzende Mao hieß übrigens ursprünglich Mao Run Zhi, war aber mit der Wahl seiner Eltern nicht zufrieden. Er hat sich schließlich in Ze (Fruchtbarkeit) Dong (Osten) umgetauft, was soviel bedeutet wie: „Der, der den Osten erblühen lässt“.

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