Tschingtschangtschong - die China-Kolumne. Heute mit viel Mmmhh!

In China essen sie Hunde. Chinesen trinken keine Milch, wegen dieses Enzyms da. Darum geht es nicht, aber um alles andere rund ums Thema Essen. Mit großem chinesischem Produkttest-Extra
xifan-yang

Eine meiner schlimmsten Macken ist ein unvermeidlicher Futterneid, der mich in deutschen Restaurants ständig heimsucht. Nicht nur zerreißt es mich fast innerlich, mich zwischen drei Gerichten entscheiden zu müssen. Auch wenn die Wahl bereits getroffen ist und mein Essen vor mir liegt, rutsche ich vor Unzufriedenheit unruhig auf meinem Stuhl herum. Denn das, was meine Begleiter auf dem Teller haben, sieht in meinen Augen immer verlockender aus. Ich vermute ja, dass es sich dabei um eine Spätfolge aus meiner Kindheit handelt. Stichwort chinesischer Kollektivismus: Der kommt bei Mahlzeiten besonders schön zum Vorschein, schließlich dreht sich das ganze soziale Leben dort um die beste Sache auf der Welt, ums Essen. Auch wenn Jugendliche abends ausgehen, verabreden sie sich lieber zum Essen als in einer Bar (was nicht heißt, dass sie im Restaurant nicht saufen). Bei der Bestellung gilt die Faustregel: ein Gericht pro Kopf, Minimum drei. Ist im Geldbeutel nicht Schmalhans Küchenmeister, wird soviel auf den Tisch gestellt, dass mindestens die Hälfte übrig bleibt. Jeder isst von allem, alle Bäuche sind ausgewogen gefüllt und niemand muss neidvollen Blickes auf das Schälchen des Nebenmanns schielen.

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Illustration: Julia Schubert

Wenn wir schon dabei sind, ein paar Bemerkungen zum Thema Tischsitten: Rülpsen ist in China nicht als Kompliment an den Koch gerichtet, sondern ist halt: Rülpsen. Schmatzen ist durchaus erlaubt und könnte als Wohlgefallen auslegt werden, aber auch das ist nicht allgemeiner Konsens. Dagegen trifft zu, dass es in China beim Essen wie auf einem Schlachtfeld zugeht: Fische werden als Ganzes serviert, Hühnchenstücke schwimmen samt Knochen in der Suppe herum, und so glaubt man sich innerhalb kürzester Zeit auf einem Friedhof von Gräten und Tiergebeinen wiederzufinden. Eine gewisse Zungen- und Fingerfertigkeit ist also von Nöten, denn es wird am Tisch ausgiebig gepult und gefriemelt. Chinesisch essen ist Arbeit. Eine feinmotorische Begabung ist auch die Grundvoraussetzung, wenn man es beim Kochen zu etwas bringen will, da chinesische Küchen im Vergleich zu europäischen traditionell spartanisch ausgestattet sind. Meine Mutter hat unseren Verwandten vor einigen Jahren einen Fleischwolf aus Deutschland mitgebracht, weil es in China selten fertiges Hackfleisch zu kaufen gibt. Bis heute steht er unbenutzt herum, weil meine Tante das Fleisch lieber in mühseliger Kleinarbeit mit dem Messer selbst zerhackstückeln will. Nicht mal Küchenwaagen oder Messbecher gehören zum gängigen Inventar, die Zutaten werden meist nach Gefühl dosiert. Genauso wie Chinesen „ein bisschen nach rechts, ein bisschen geradeaus und dann etwas in die andere Richtung“ antworten und dabei mit beiden Händen in alle Himmelsrichtungen gestikulieren, wenn man eigentlich eine exakte Wegbeschreibung braucht, stehen in Kochrezepten meist wenig hilfreiche Zutatenlisten wie: „Eier, Tomaten, Knoblauch, Sojasauce, Salz, Zucker“. Die größte Stärke der chinesischen Küche liegt neben der fein austarierten Zubereitungstechnik in der regionalen Vielfalt, die breit gefächerter ist als Speisekarten in deutschen Chinarestaurants es je vermuten lassen würden. 22 Provinzen, 56 Völker, mehr als tausend Dialekte und mindestens ebenso viele verschiedene Küchen gibt es in China. So ist Schweinefleisch süßsauer kein Nationalgericht, sondern nur in der östlichen Gegend um Shanghai beliebt, wo die Hausmannskost allgemein einen Schlag ins Süßliche hat. Wer es gerne scharf mag, der ist mit der Küche von Sichuan oder Hunan gut bedient. Obwohl „scharf“ in China noch eine recht vage Geschmackskategorie ist. Während die Provinz Hunan eher für feurige Schärfe bekannt ist, tendieren die Bewohner Sichuans zu einer scharfen Würzung, die wie Ameisen auf der Zunge kribbeln. Mehlspeisen und deftige Eintöpfe gibt es nördlich ab Beijing, Yak-Fondue im tiefen Westen. Das Angebot an Lebensmitteln ist generell riesig, nicht nur was Fleischsorten angeht. Seerosenwurzeln, seltsame Knollengewächse und Grünzeug, für die gar keine deutschen Bezeichnungen existieren, findet man in jedem Supermarkt. Dennoch sind nicht alle Chinesen Allesfresser. Das trifft höchstens auf die Kantonesen zu. Über deren Essgewohnheiten macht man sich selbst im restlichen China lustig. Ein Spruch lautet: „Kantonesen essen alles was Beine hat - Außer Tische. Und alles was fliegt - Mit Ausnahme von Flugzeugen.“ Auf den nächsten Seiten: Ein Produkttest-Spezial! Die Redaktionskollegen testen mehr oder weniger fachkundig Süßigkeiten und Geknabber aus dem China-Markt


White Rabbit - Cremebonbon

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Illustration: Julia Schubert

Der weiße Hase schmeckt ein bisschen so, wie kleine Babys riechen. Nach leicht angesäuerter Milch - nicht so schlimm, aber auch nicht so richtig lecker. Zunächst muss man sich durch das angeklebte Reispapier schlecken, das nach nichts schmeckt aber eine ziemlich ungewohnte Textur hat. Anschließend kommt der Milchreis-von-gestern-Geschmack zu voller Blüte. Insgesamt ist "White Rabbit" ein typischer Plomben-Zieher, der sich an jede Zahnfläche klammert, als wäre er ein Ertrinkender. Deshalb: am besten an die Gaumenoberseite kleben und darauf warten, dass alles vorbei ist... christina-waechter


Die sechs Glücke – Erdnuss-Sesam-Kräcker

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Illustration: Julia Schubert

Einwandfreie Knurpsware in begeisternder Farbzusammenstellung. Bringt selbst Sesamkritiker in Verzückung, für Nußallergiker aber das schiere Don't. Ergebnis: Wenn China so schmeckt, dann will ich auch ein Stück. peter-wagner


Ba Bao Zhou (der Brei der acht Schätze) – süße Suppenmixtur Zutaten: Weizenflocke, Klebereis, Mungbohne, Erdnüsse, Rote Bohne, Hirse, Erbsen, Longans

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Illustration: Julia Schubert

Nachdem man den Deckel abgezogen und den beigefügten Plastiklöffel aufgeklappt hat, drängt sich eine Frage auf: Was soll das? Da schwimmen Bohnen und Bohnenähnliches in einer schleimigen Suppe – Ba Bao Zhou sieht aus wie ein Hybrid aus Tomatenbohnen aus der Dose und Haferschleim. Genauso das Mouthfeeling: Glibberig, glitschig, die Zunge sucht nach Bissfestem und rutscht aus. Der Geschmack: ungewohnt mild und süßlich. Um Ba Bao Zhou zu genießen, ist gedankliche Transferarbeit nötig: Niedliche Chinesenkinder sitzen mit Mama im Zug und löffeln und schlabbern grinsend gesüßte Proteine in sich hinein, auf dass sie groß und stark werden. Ba Bao Zhou - das Äquivalent zu Müller Milchreis. philipp-mattheis


Haw Flakes – Weissdornfrucht-Snack

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Illustration: Julia Schubert

Die „Haw Flakes“ in der kleinen pinkfarbenen Packung erinnern an runde Minischeiben von Corned Beef oder feiner Salami. Ein Blick ins Online-Wörterbuch zeigt, dass es sich hier jedoch um Mehlbeere-Flocken handelt. Die sehen komisch aus, schmecken ein bisschen mehlig, aber süß. Nur der leichte und undefinierbare Nachgeschmack liegt fahl im Mund. Ich finde die „Haw Flakes“ ganz lecker zum Probieren, aber keine Süßigkeit für jeden Tag. sabrina-gundert


Litchie-Pudding

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Illustration: Julia Schubert

Ich hab mich beim Anblick des Lychee Puddings mit Kokosmilch so darauf gefreut, ihn zu essen. Und dann das. Die großen Lychee-Stücke schmecken künstlich und klebrig, das weiße Gelee-Zeugs außenrum erinnert an Köperflüssigkeiten. So nicht, China. theresa-steinel


Melonenkerne

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Illustration: Julia Schubert

Es gibt diese Szene, ich glaube es ist aus "Die nackte Kanone", in der man Polizisten beim Observieren eines Verdächtigen beobachten kann. Der eine der beiden isst dabei fortwährend Pistazien, so dass er, als dann der Zugriff erfolgt und er schnell aussteigen soll, im Wagen festklemmt. Die Pistazienschalen, während der Observation aus dem Autofenster geworden, blockieren die Tür. Die Szene muss in einem chinesischen Kino für enorme Lacher sorgen. Denn diese plattgedrückten Pistazien, die vor mir liegen, sollen in China sehr beliebt sein. Es handelt sich dabei um Melonenkerne, weshalb sie für Pistazien gewöhnte Zungen schmecken wie ein Weißbiereis für einen Pilstrinker - wie eine verrutsche Erinnerung an etwas Bekanntes. Doch genau dieses Verrutschen sorgt im Falle der Melonenkerne für Verwirrung: Denn wie soll man hier Innen von Außen unterscheiden bzw. ohne feingliedriges Werkzeug voneinander trennen? Oder muss man die Hülle womöglich mitessen? Stammen diese Körner gar aus der Familie des Vogelfutters? Nach einer Viertelstunde Gefiesel habe ich jedenfalls mehr Schale als Kern im Magen und verliere die Geduld. dirk-vongehlen Mehr zum Thema im Essens-Schwerpunkt auf jetzt.de

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