Tschingtschangtschong. Heute: Pop in China

Post-Punk aus der Hauptstadt, Kuschelindie aus Hongkong und die chinesische Coolness-Hierarchie - das alles in der China-Kolumne
xifan-yang

Chinesen sind ein sehr musikalisches Volk. Alle, alt und jung, singen gern und immer - egal ob daheim, beim Karaoke, in den unzähligen TV-Castingshows oder im öffentlichen Nahverkehr. Sehr süß und ganz normal: das Bild von gestandenen Männern, die im Bus Poplieder gröhlen, in denen es um Schmetterlinge und unerfüllte Sehnsüchte geht. Was unter jüngeren „ku“ (cool) ist, kann man leicht beantworten: Ami-Hiphop und Pop aus Europa stehen ganz oben. Fast gleichauf rangieren Musikimporte aus Japan, Asiens Trendsetter auch in Mode und Fernsehkultur. In den letzten Jahren ist auch das kleine Südkorea popkulturell auf dem aufsteigenden Ast: koreanische Musik ist so beliebt geworden, dass die wirklichen Checker auf den Schulhöfen der Großstädte inzwischen Koreanisch statt Japanisch als zweite Fremdsprache wählen.

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Illustration: Julia Schubert

Am konsensfähigsten unter der Bevölkerung ist allerdings nach wie vor der heimische chinesischsprachige Pop, auch C-Pop genannt. Da die Musikindustrie in den südlichen Küstenregionen am weitesten entwickelt ist, gibt es auch hier es eine Coolness-Hierarchie: Zuerst kommt Pop aus Taiwan, dann Hongkong und Kanton. Das restliche Festland gilt unter Kennern als etwas „luo hou“, zurückgeblieben. Wie hier dominieren in China die vier großen Majorlabels den Musikmarkt. Die haben dort neben illegalen Internetdowloads vor allem mit der Produktpiraterie zu kämpfen: in China ist es leichter, an Fälschungen als an Original-CDs zu kommen. Daran ist die Musikindustrie überwiegend selbst Schuld: ein Fake kostet im Straßenverkauf zehn Yuan, umgerechnet ein Euro, eine Original-CD dagegen 70 Yuan. Kein normaler chinesischer Jugendlicher kann sich das leisten. Zum Vergleich: ein durchschnittlicher Uni-Absolvent verdient gerade mal 150 bis 200 Euro im Monat. Unabhängige Labels haben es in China noch schwerer. Die Gründe: wenig Plattformen, schlechte Vertriebsstrukturen und ein Publikum, denen Musik abseits des großen Stroms weitgehend unbekannt ist. Die Independent-Szene steckt deshalb noch in den Kinderschuhen. Eine nennenswerte Subkultur existiert stellenweise in der Hauptstadt, ansonsten konzentriert sie sich in Hong Kong und Taiwan, was vermutlich daran liegt, dass man sich in der ehemaligen britischen Kolonie und in der "abtrünnigen Provinz" stärker am Westen orientiert. Eines der rätselhaftesten Erlebnisse hatte ich in letzten Sommer in einem ziemlich heruntergekommenen DVD-Laden in einem Hinterhof Beijings. Zwei langhaarige Filmnerds saßen dort auf kleinen Hockern und kauten Melonenkerne. Als sie erfuhren, dass ich aus Deutschland angereist bin, führten sie mich stolz in eine versteckte Kammer des Ladens. Neben Pornos gab es dort auch eine kleine Ecke mit europäischen Indie-Platten zum Preis von zwei Euro. Irgendein Kumpel schmuggelte sie anscheinend regelmäßig aus Deutschland. Die Auswahl war sehr, sehr speziell: ich fand unter anderem Immergutrocken! und eine Techno-Compilation des Kölner Labels Kompakt. Tocotronic waren auch dabei: auf dem Cover prangte sogar noch der Schriftzug „Spex empfiehlt“. Auf der nächsten Seite: Indie aus Hongkong und Taiwan, die chinesischen Erben von Gang of Four und große Popdiven


My Little Airport - A certain romance in Kowloon Tong

Die zwei Mädchen von My Little Airport sind der bekannteste chinesische Indie-Act und wurden hierzulande unter anderem schon in der Intro besprochen. Die Band zählt zu den Protagonisten des Hong Konger Labels Harbour Records und klingt so wie die Hello Kitty-Version unserer zweitliebsten Weilheim-Band Lali Puna. Auch unbedingt empfehlenswert: Die Labelkollegen Kim Tak Building - Geistesverwandte von Mogwai und Explosions in the Sky. Experimentelle Elektronika aus Hong Kong gibt’s bei Lona Records. P.K. 14 - Ta Men (Die Anderen)

Großartig: P.K.14 aus Beijing, gegründet 1997. Das amerikanische TIME Magazine kürte sie letztes Jahr zu eine der fünf wichtigsten Bands Asiens und urteilte: "One to watch in 2008!" In Reviews werden sie als "Sonic Youth meets Gang of Four" gehandelt. P.K.14 sind außerdem eng mit der schwedischen Rockszene verbandelt: Sie organisierten in China Konzerte für The (Int.) Noise Conspiracy und The Soundtrack Of Our Lives, ihre letzten Alben ließen sie von schwedischen Produzenten abmischen. Auch aus Beijing: die chinesischen Libertines Joyside. Tizzy Bac - Madame Cat

Dieses putzige Video stammt von einer taiwanesischen Gitarrenpopband namens Tizzy Bac. Auf ihrer Myspace berufen sie sich auf Coldplay, Richard Ashcroft und Mew, dieses Lied erinnert eher an Wir sind Helden. Wie man im Clip sieht, gehört auch im fernen Osten ein schlurfender Gang, eine Brille und die obligatorische Wuschelhaarigkeit zu jedem ordentlichen Gitarristen. Kein großer Unterschied auch bei den Fans. Hi Bomb – Xiafei No. 87

G-Funk auf Chinesisch von Hi Bomb. Hiphop ist in der Volksrepublik noch ein relativ junges Phänomen, wird aber immer populärer. Bis vor einigen Jahren versuchten chinesische Hiphopfans ausschließlich auf Englisch zu rappen, weil man dachte, dass die chinesische Sprache wegen ihrer Tonalität für Sprechgesang nicht geeignet ist. Heute sieht man das anders: Inzwischen gibt es chinesischen Hiphop nicht nur auf Mandarin oder Kantonesisch, sondern auch in unzähligen lokalen Dialekten. Mein achtjähriger Cousin hält nicht so viel von chinesischem Rap, sein Favorit ist "Snuh Doh", Snoop Dogg. Weiter mit Mainstreampop: Faye Wong - Bu Liu (nichts zurücklassen)

Faye Wong kennt man im Westen aus den Filmen "Chungking Express" und "2046" von Wong Kar-Wai, in denen sie jeweils die Hauptrolle gespielt hat. In China ist sie vor allem seit Ende der Achziger als Sängerin bekannt. Auch nach ihrem vorläufigem Karriereende 2005 gilt sie weiter als der größte weibliche Popstar, den China je gesehen hat. A-Mei – Bu Yao Pian Wo (Lüg mich nicht an)

Die Taiwanesin Zhang Huimei, im Volksmund A-Mei ("kleine Schwester") genannt, zählt ebenfalls zu den erfolgreichsten im chinesischsprachigen Popgeschäft. Durch ihren riesigen Erfolg in Festland-China wurde sie zu einem Aushängeschild Taiwans und auch zu einem politischen Symbol. 2000 sang sie öffentlich die taiwanesische Nationalhymne, woraufhin die chinesische Regierung ihr ein Einreiseverbot in die Volksrepublik erteilte. Aufgrund ihrer Popularität wurde das Verbot ein Jahr später wieder aufgehoben, und mittlerweile ist sie wieder Chinas aktuelle Lieblingspopdiva. Jetzt macht sie sogar Propaganda für die Regierung. Sie singt im Duett mit Sun Nan den fürchterlichen diesjährigen offiziellen Olympiasong: A-Mei & Sun Nan - Forever Friends

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