Tschingtschangtschong: "Liebesverhandlungen" in China

Heute in der China-Kolumne: Wie man pragmatisch mit seinen prüden Eltern klarkommt und warum die Annäherung zwischen den Geschlechtern wahnsinnig anstrengend ist
xifan-yang

Ein entblößter Männeroberkörper im Fernsehen, und meine Oma schaltet sofort um. „Nackedei“ grummelt sie dann in sich hinein, manchmal leiser, manchmal lauter, sie wird rot und ihr Blutdruck schnellt nach oben. Als meine Großeltern vor einigen Jahren nach Deutschland zu Besuch kamen, versuchten wir sie so gut wie möglich von der Glotze fernzuhalten, vor allem früh nachmittags und spät abends. Zum Glück verstanden sie nichts von dem, was Arabella, Vera, Oliver und ihre Gäste sagten, und zuverlässig um Punkt 22 Uhr, wenn erhöhte Nackedei-Dichte drohte, gingen sie ins Bett. Als meine Mutter Anfang der 80er an der Universität von Changsha studierte, ging es, ihren Erzählungen nach, im Wohnheim zu wie in einer Mischung aus Kloster und Kaserne. Man teilte sich mit bis zu fünf anderen Mädchen ein Zimmer, die männlichen Kommilitonen hausten in einem anderen Häuserblock. Studenten bekamen von Eltern und Lehrern gesagt, sich erstmal fleißig im Studium zu bewähren, nach dem Abschluss könne man immer noch nach einer Ehefrau bzw. einem Ehemann suchen. Einer unehelichen Beziehung haftete, 15 Jahre nach der sexuellen Revolution im Westen, immer noch etwas Anrüchiges an. Wurde eine Studentin unehelich schwanger, drohte ihr die Exmatrikulation; selbst eine Heirat musste man sich vom Blockwart der Partei absegnen lassen.

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Illustration: Julia Schubert

Das ist mehr als 20 Jahre her und inzwischen ist das Private in China lang nicht mehr so politisch wie früher. Sex vor der Ehe, One-Night-Stands – für die junge Generation ist das längst normal geworden, nur: die Eltern und Großeltern dürfen es nicht wissen. Die wenigsten werden von ihren Eltern aufgeklärt. Seinen neuen Freund oder neue Freundin würde man nicht ohne weiteres der Familie vorstellen. Dass man gar gemeinsam im Elternhaus übernachtet - vollkommen undenkbar. Viele Jugendliche praktizieren deshalb eine Art Doppelleben: Eigentlich längst entjungfert, aber daheim wird der keusche Schein aufrechterhalten. Man könnte es als stille Rebellion bezeichnen: der Bruch mit alten Sitten- und Rollenvorstellungen wird nicht offen und demonstrativ vollzogen, sondern still und heimlich. „Man soll die Gefühle der älteren Generationen nicht verletzen“, erzählen mir gleichaltrige Chinesen, wenn ich sie auf das Thema anspreche. Wie in China üblich löst man Probleme eben nicht durch Konfrontation, sondern durch die Hintertür. Klingt anstrengend, aber anstrengend ist Kommunikation in China generell: Chinesen drücken ihre Gefühle selten offen aus, sondern immer durch die Blume. Anstatt „Ich liebe dich“ zu sagen, zeigt man seine Zuneigung lieber nonverbal mit vielen gegenseitigen Geschenken. Wenn ein Typ im ersten Anlauf einen Korb bekommt, bedeutet das noch lange nicht das finale Desinteresse seitens des Mädchen: diese wird sich sehr lange zieren und so tun, als hielte sie ihn für den letzten Loser, auch sollte sie ihm innerlich dringend an die Wäsche wollen – das macht man halt so, schließlich lehnt man in China aus Höflichkeit auch eine Essenseinladung zwei, drei Mal ab, bevor man sie annimmt. So wird die Anbandelung zwischen den Geschlechtern zum zermürbenden Taktierspielchen, voller Umwege und Uneindeutigkeiten. Nicht umsonst sagt man in China komplizierterweise zu Beziehungen „Tan lie ai“, was soviel heißt wie „Liebesverhandlungen führen“. Ambivalent ist auch das Bild, das man durch die Medien vermittelt bekommt: In den Fernsehserien der staatlichen Sender sind Paare asexuelle Wesen, die selten mehr Körperkontakt austauschen, der über Händchenhalten hinausgeht. Und wenn ein Kuss angedeutet werden soll, sieht man meist nur zwei Schattenumrisse, die sich hinter einem Vorhang allmählich einander annähern. Bettszenen zuhauf dagegen in vielen Hollywoodfilmen, die in China deshalb erst in zensierter Form vorgeführt werden. In diesem Fall spielt die staatliche Kontrolle allerdings so gut wie keine Rolle: Es geht eh kaum jemand ins Kino, die neuesten Filme holt man sich für umgerechnet ein Euro im Hinterhof-DVD-Laden, und die sind natürlich unzensiert.

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