Die Texterin in der Langlauf-Loipe

Claudia Künzel, 28, gewann im Langlauf der Damen schon zweimal Silber. Nebenbei zeichnet sie und drückt in Texten ihre Gefühle im Wettkampf aus. Parallelen zwischen Kunst und Sport streitet sie vehement ab. Zu Unrecht. Eine Betrachtung ihrer Texte
michael-moorstedt
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Illustration: Julia Schubert

Claudia Künzel ist bei Olympia eine feste Größe, sie hat im Langlauf schon zwei Silbermedaillen gewonnen. Die Frau aus Oberwiesenthal hat aber noch mehr Qualitäten. Einerseits ist sie in dem Heer der Sportsoldaten als Grafikstudentin fast ein Exot. Andererseits hat sie Fähigkeiten, die über das Mittelmaß hinausgehen. Davon kann man sich auf ihrer Homepage überzeugen, wo sie Zeichnungen und auch Gedanken über Sport und seine Auswirkungen auf ihre eigene Person veröffentlicht. Ein Auszug. „Die Augen zusammenkneifen, der Film, der dann startet, ist einfach verdammt gut. Henry Miller ließe gelb vor Neid seine Bücher schreddern. Privatvorstellung. Was jetzt passiert muss man nicht sehen.... Die Gänsehaut kommt, wenn die Kamera geht. Also; Augen zu. Dem Atem lauschen, wenn es lauter wird, dem Kribbeln nachfühlen, wenn es den Körper flutet, das Blut schmecken, wenn du keine Zeit mehr hast, zu schlucken...“ Kunst und Sport – wie passt das zusammen? Sehr gut. Beides sind letztlich nur Zeichensysteme, auch wenn Künzel selbst keine Parallelen ziehen mag. „Man kann sich ja alles so hinreden. Weißte, da gibt´s Leute, die können erzählen und plötzlich `ne Parallele finden.“ Jedoch, Parallelen gibt es zuhauf. Der Wettkampfort ist eine Anordnung aus Strichen und Kreisen. Leidenschaft, Kraft und Ehrgeiz sind lediglich Kategorien, die helfen, die richtige Linie zu finden, die richtige Spur, wie man im Langlauf sagt. Sportplatz und Gemälde sind von Linien begrenzt, getrennt von der realen Welt. Innerhalb dieser Linien werden schnöde Handlungen symbolisch aufgeladen – sei es auf dem Siegertreppchen oder schon vorher, während der „Flower Ceremony“. Wie die Kunst eröffnet auch der Sport eine sehr eigene, wirklichkeitsferne Weltanschauung. Das weiß auch Claudia Künzel und sie hat es aufgeschrieben. „Immer wieder staune ich über dieses Gefühl, das so unerwartet heftig und angenehm ist und doch bei Licht einfach nur nach elendiger, unansehnlicher Qual aussieht. Aber das hier ist mein Film. Mein Drehbuch. Kein Platz für banale Alltagsbetrachtungen.“ Paradox ist nur, dass der Schritt über die Ziellinie jeden Sportler wieder in die Realität bringt. Es ist, als würden die Sportler aus ihren Träumen getragen. Künzel findet eine schöne Metapher für diese herbe Wallung der Emotion. „Das Gefühl, was so schwer zu beschreiben ist, oft fehlen Assoziationsquellen für Jemanden, der nicht jeden Tag aufs Neue seinem Körper versucht weiszumachen, dass er alles kann. Nicht hier... Die Gazelle, die der Tiger nach einem einzigen, gierigen Raubtierbiss in seine Höhle schleppt, die gepflegte Großkatzendame, die sich vom räudigen Löwen in den Nacken beißen lässt... Unbeschreiblich, ist es nicht?“ So ist es. Sport und Kunst fördern Bilder zutage, die aus der Tiefe des Raumes kommen. Raum bezeichnet hier aber neben der physischen auch eine abstrakte Dimension. Der Raum scheint ins Bodenlose verlängert, dorthin, wo Unterbewusstsein und Imagination zusammen treffen. Künstler und Sportler begeben sich immer wieder in dieses Unvorhersehbare, in dieses Rätselhafte. Lassen wir Claudia Künzel dazu sprechen: „Es gibt einen Grund warum man die Augen zusammenkneift, wenn man durch den Schnee läuft, warum man versucht, alles rundherum auszuschalten.“ Was lernen wir? Sport setzt Sehnsüchte frei und erzeugt Mythen. Die Kunst befragt diese Phänomene, schon immer. Es gibt also Parallelen zwischen diesen Disziplinen, man muss sie sich nicht einreden. Claudia Künzel greift sie bereits auf - wenngleich auch noch verschlüsselt, wenngleich noch unbewusst. Mehr über Claudia Künzel auf ihrer Webseite claudia-kuenzel.de Bild: dpa

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