Was guckst du so, Manuel Möglich?

Der Reporter von "Wild Germany" ist ab heute wieder auf ZDF Neo zu sehen. Für "Deutschland von außen" reist er um die Welt, um mit Auswanderern über das Deutschsein zu sprechen. In der TV-Kolumne erzählt er, was er sich gerne anschaut: im Fernsehen und im Netz.
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jetzt.de: Wir sitzen zusammen vor dem Rechner. Spielst du mir ein lustiges YouTube-Video vor?
Manuel Möglich: Ich habe im Gegensatz zu vielen Leuten, die ich kenne, leider keine Ordner mit Links, die man jetzt mal schnell anklicken kann. Ich befinde mich zwar in manchen Mail-Verteilern, die solche Links rumschicken, aber offenbar ist bei mir da nicht viel hängen geblieben.  

Verschickst du auch manchmal einen Link zu einem Clip, wenn er dir besonders gut gefällt?
Nicht gerade 35-mal pro Woche, aber alle paar Monate schicke ich schon mal eine Mail an drei, vier Leute, von denen ich meine, die sollten etwas Bestimmtes unbedingt gesehen haben.

Wo findest du das dann?
Regelmäßig bin ich bei Spiegel Online, auch beim Guardian und der BBC schaue ich häufig Sachen an. Hin und wieder auch mal bei Vice.

Illustration: Julia Schubert

Manuel Möglich, 35, wurde bekannt mit der Reportagesendung "Wild Germany". Ab Donnerstag macht er sich für seine neue Sendung "Deutschland von außen" auf den Weg zu den Nachkommen deutscher Auswanderer in Brasilien oder Namibia - und fragt: Was ist typisch deutsch? 

Was für Sachen?
Viel Tagesaktuelles. Manchmal bleibe ich bei Spiegel Online aber auch bei eher mittelmäßig gemachten Filmchen hängen und frage mich nach fünf Minuten, warum ich das gerade geguckt habe. Ich konsumiere das dann so weg, ohne über Nachhaltigkeit nachzudenken.  

Wo guckst du Musikvideos und Sport?
Fußball auf Sky oder in der Sportschau, und Musikvideos gerne auf pitchfork.com. Am liebsten gucke ich da die Videos von Musikern, die ihre Songs an besonderen Orten spielen.  

Guckst du auch deine eigenen Sendungen?
Ich gucke mich nicht gerne selbst. Auch weil ich das, was ich irgendwo von mir sehe, meistens schon zigmal in der Produktionsphase in verschiedenen Schnittvarianten gesehen habe. Ich kenne das alles dann schon auswendig. Außerdem fange ich immer an, mich zu kritisieren.  

Guckst du dir Kritiken und Kommentare zu deinen Clips an?
Nein.  
Noch nie gemacht?
Einmal, als „Wild Germany“ anfing. Aber dann dachte ich: Och, nee.  

Weil du dich geärgert hast?
Nein, mich berührt so was nicht. Ich finde Kommentare im Netz allgemein schwierig, auch wenn sie mich selbst nicht betreffen. In einem anonymen Raum sagen viele Leute Sachen über andere, die sie ihnen niemals ins Gesicht sagen würden. Ich finde, man hat keinen Gewinn davon, wenn Schnuckibert83 in Stammtischparolen raushaut, was er hier und davon so hält. Kommentare unter Texten und Videos im Netz sind auch eher gruselig.  

Kommentierst du selbst im Netz?
Nein. Ich habe eine Facebook-Seite, wo ich ab und zu mal etwas schreibe, wenn jemand etwas fragt. Aber ich bin niemand, der sich zum Beispiel per Kommentar über einen anderen Kommentar empört zeigen würde. Das mache ich einfach nicht.  

Mal allgemein: Guckst du mehr im Internet, TV oder womöglich im Kino?
Als ich 16 war, habe ich mir meinen ersten eigenen Fernseher gekauft. Das alte Röhrending hat bis letztes Jahr gehalten. Dann habe ich mir einen Flachbildfernseher geholt, auf dem ich allerdings eher on demand gucke, also viel über die Mediaktheken gehe. So schaue ich wohl die meisten Sachen. Ins Kino gehe ich zu selten.

Was hast du zuletzt gesehen?
Das war vor ein paar Tagen „A Most Wanted Man“. Den Film fand ich so lala.  

Für welche Sendung musst du unbedingt vorm Fernseher sitzen?
An sich richte ich meine Tage nicht nach dem Fernsehprogramm aus, aber ich bin schon so ein Sonntagabend-20-Uhr-15-„Tatort“-Typ. Und Fußballspiele gucke ich mir natürlich auch live an. Das allerdings gerne mit Freunden in einer Bar.  

Heute Abend darfst du dir aussuchen, was du wo guckst. Du hast die Wahl zwischen: „Boyhood“ im Kino, „Circus Halligalli“ im Fernsehen - oder wir spielen uns drei Stunden lang Musikvideos vor.
Ich würde mich für „Boyhood“ entscheiden, weil ich so viele gute Dinge darüber gehört habe. Auch nervige, aber die machen es ja auch schon wieder spannend.  

Fehlt dir allgemein was im deutschen TV-Programm? Was gibt’s noch nicht, was du aber gerne mal sehen würdest?
Einiges! Vor allem Sachen, die ein bisschen mehr Mut von den Verantwortlichen abverlangen – und auch vom Zuschauer. Klar, „Circus Halligalli“ oder auch das, was Jan Böhmermann so macht, überschreitet schon eine gewisse Grenze und ist auch gut, geht aber irgendwie alles in dieselbe Richtung: Humor, der auf Ironie basiert. Ich könnte mir mehr unterschiedliche Formate vorstellen, auch ernsthafte, wie sie die BBC für junge Leute zeigt. Abgesehen davon Serien, wie sie in den Staaten HBO oder Showtime produzieren.

Hast du ein Beispiel?
Ein Format, das zeigt, dass die Engländer in bestimmten Punkten einfach weiter sind als die Deutschen, ist Louis Theroux. Er hat das, was wir mit „Wild Germany“ gemacht haben, schon viel früher perfektioniert. ProSieben hatte seine Sendung mal für eine Staffel lizenziert, unglaublicherweise aber einfach in der Samstagnacht versendet. In England funktioniert so was in der Prime-Time. Was spricht dagegen, es nicht auch hier mal zu versuchen?  

Was werden weder das Kino, noch das Fernsehen oder das Internet jemals schaffen, uns zu zeigen?
Da fällt mir ein Zitat von Gil Scott-Heron ein: „The revolution will not be televised.“ Ich glaube, dass die Momente, in denen wirklich eine Veränderung passiert und ganz starke Gefühle entstehen, nie vollkommen transportiert werden können. Wer in Deutschland zum Beispiel noch nie auf einer Demo war, kann sich kaum vorstellen, wie sich die Leute auf dem Tahrir-Platz gefühlt haben, als sie in den Nachrichten kamen.     

"Deutschland von außen" läuft ab Donnerstag wöchentlich um 23.15 Uhr auf ZDF Neo.



Text: erik-brandt-hoege - Foto: Roger Eberhard

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