Bunde fürs Leben

Wenn du weißt, wie sein Schlüsselbund aussieht, weißt du, was für ein Mensch dir gegenüber steht. Eine Schlüsselbund-Typologie
kristin-hoeller


Der Schöngeist

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Illustration: Julia Schubert


So sieht der Schlüsselbund aus:
Eine durchschnittliche Anzahl an Schlüsseln, dafür überdurchschnittlich dekorative, teils merkwürdige Anhänger. Schutzengel mit eingraviertem Geburtstdatum etwa. Echte Kleeblätter in Plexiglas, ein abgegriffener Plüschfrosch. Allgemein gilt: Was tatsächlich eine Funktion hat, ist verboten.

Da passen die Schlüssel:
Im Schloss einer Wohnung, in der es bemerkenswert wenig Schmutz, aber wahnsinnig schicke Fototapeten gibt. Über seine Einrichtung macht sich der Schöngeist tatsächlich viele Gedanken - mit der Erkenntnis, dass ein Wandtattoo - gerne Lotusblumen, supergerne Kaffeebohnen - die Sofaecke wahnsinnig aufwertet.

In der Tasche mit:
Nagelknipser, Handcreme und einem dieser kleinen Päckchen, das sich zu einer Einkaufstüte auffalten lässt, falls man spontan im Supermarkt was kauft.

Der Zweitschlüssel:
Ist bei den Nachbarn im Erdgeschoss deponiert. Die sind zwar etwas reserviert, aber gießen immer gern die Blumen, wenn man ihnen dafür Olivenöl aus dem Kreta-Urlaub mitbringt.

Wenn ihr was trinken geht:
Wird es auf Hugo hinauslaufen, wenn du nicht selbst die Kneipe aussuchst. Überhaupt solltet ihr es bei einem Glas belassen, Alkohol macht den Schöngeist so schnell weinerlich. Und dann will er zu jedem Schlüsselanhänger seine persönliche, langatmige Geschichte erzählen.

Der Pfadfinder

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Illustration: Julia Schubert


So sieht der Schlüsselbund aus:
Nicht besonders auffällig auf den ersten Blick - aber dann! Ha! Eine LED-Taschenlampe, ein ausziehbarer Zollstock, ein Miniaturpflasterset und ein kleines Taschenmesser.

Da passen die Schlüssel:
Im Schloss eines Jugendkellers, einer Turnhalle oder eines Liegefahrrads. Schlimmstenfalls alles drei.

In der Tasche mit:
den abgetrennten Hosenbeinen einer Multifunktionshose.

Der Zweitschlüssel:
Ist in einem Safe mit Zahlenschloss deponiert, der sich hinter einem losen Backstein in der Hauswand befindet. So TKKG, Mann!

Wenn ihr was trinken geht:
Zeigt er dir euphorisch die acht Möglichkeiten, wie er mit seinem Schlüsselbund eine Bierflasche öffnen kann. Und dann noch schnell die zwölf Möglichkeiten, sie ohne Schlüsselbund zu öffnen. Es wird aber irgendwie doch noch ein ganz guter Abend. Vielleicht, weil ihr zu zweit 20 geöffnete Flaschen Bier vor euch stehen habt.

>>> Der Bundlose und der 500-Gramm-Schlüsselbund




Der Bundlose


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Illustration: Julia Schubert


So sieht der Schlüsselbund aus:
Gar nicht. Es gibt ihn nicht. Der Haustürschlüssel liegt lose im Kleingeldfach des Geldbeutels, der Fahrradschlüssel in der Hosentasche. Oder in der Jackeninnentasche? Oder im Hosenaufschlag?

Da passen die Schlüssel:
in seinem Fahrradschloss und in der Wohnungstür seiner WG.

In der Tasche mit:
Kaugummis, Kastanien, Büroklammern, einem Handy mit ganz fürchterlich zerkratztem Display und ein paar Münzen aus dem Marokko-Urlaub vor sechs Wochen.

Den Zweitschlüssel:
Hat der Mitbewohner, der allerdings die Kingel nicht hört, weil er entweder schläft, oder Kopfhörer aufhat, damit niemand hört, dass er die sechste Staffel Vampire Diaries auf seinem Laptop anschaut.

Wenn ihr was trinken geht:
Besteht er darauf, dir ein Bier auszugeben, bis er merkt, dass er sein Portemonnaie vergessen hat. Dann lädt er dich ein, bei ihm zu schlafen, weil du es ja noch so weit nach Hause hast - und merkt erst vor der Haustür, dass sein Schlüssel wohl tatsächlich im Kleingeldfach seines Geldbeutel war. Ihr pennt dann beide bei dir.


Der gut Bestückte

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Illustration: Julia Schubert


So sieht der Schlüsselbund aus:
ein unhandlicher, metallener Klumpen, das Gewicht liegt um die 500 Gramm. Insgesamt zwei Dutzend Schlüssel, viele davon haben eine farbliche Markierung. Gehört sehr häufig einem Hausmeister - oder einem Menschen, der viel Zeug in Garagen, Kellern und Speichern verstreut hat.

Da passen die Schlüssel:
Überall. Im Keller. Im Speicher. Im Speicherabteil der Nachbarn, wo er freundlicherweise seine Tischtennisplatte lagern durfte. In den Kellern der alten WG und der letzten zwei EX-Partner, wo noch ein paar Sachen rumstehen. Im Rasenmäher bei der reichen Tante, wo er manchmal den Rasen mäht, im Geräteschuppen, in dem der Benzinkanister steht, und in ihrer Bootshütte am See, die er dafür auch nutzen darf. In den Fahrradschlössern des Fahrrads, das er am S-Bahnhof in der Nähe der Bootshütte abgestellt hat, damit er die Strecke nicht immer laufen muss. In den alten Fahrrädern, die er im Univiertel geparkt hat, und den Fahrrädern in den Hinterhöfen der Ex-Freundinnen und der alten WG. Und natürlich an ein paar Orten, die er längst vergessen hat.

In der Tasche mit:
nichts. Kein Platz mehr.

Der Zweitschlüssel:
Genau genommen sind viele der Schlüssel des gut Bestückten Zweitschlüssel, die ihm jemand anderes überlassen hat.

Wenn ihr was zusammen trinken geht:
Solltest du ihn abfüllen. Denn wenn er betrunken ist, will er dir bestimmt die Dachterasse zeigen, die hinter der Tür in Stockwerk zwölf liegt. Von da schaut ihr dann betrunken und glücklich auf die blinkenden Lichter der Stadt.

>>> Der Werbegeschenk-Träger



Der Hänger

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Illustration: Julia Schubert


So sieht der Schlüsselbund aus:
Vier, fünf Schlüssel und eine gefilzte Stoffblume an einem breiten Schlüsselband, das in absolut jeder Situation um den Hals getragen wird. Das Band ist wahlweise ein Werbegeschenk von Greenpeace oder eins von in mühsamer Handarbeit beschrifteten “Rettet die Bücherei Brombach-Overath!”-Exemplaren.

Da passen die Schlüssel:
In einem freistehenden Einfamilienhaus mit viel altem Baumbestand im Garten; in einem Stadtteil, in dem es gleich zwei Biomärkte, aber keine Bar gibt.

In der Tasche mit:
Ein paar Päckchen Kressesamen, einem E-Book mit selbstgenähter Schutzhülle, einem Ersatzpaar orthopädische Schuheinlagen.

Der Zweitschlüssel:
Liegt unter der niedlichen Schildkröte im Vorgarten, den die Jüngste letztes Jahr im Werken getöpfert hat.

Wenn ihr was trinken geht:
wird das Treffen im letzten Moment doch auf Zuhause verlegt, weil noch so wahnsinnig viel vom Schmortopf übrig ist. Daheimbleiben ist für den Hänger übrigens kein Grund, das Schlüsselband abzulegen. Bei ausgiebigeren Diskussionen hält er sich mit einer Hand daran fest.





Text: kristin-hoeller - Illustration: Daniela Rudolf

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