Die Qual der Schals

Niemand friert gern, erst recht nicht am Hals. Aber welchen Schal du dir umwickelst, sagt mehr über dich aus, als du denkst.
mercedes-lauenstein

Die grobmaschige Wolldecke

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Illustration: Julia Schubert



So ist man zu ihm gekommen: Bei H&M, Zara oder Olymp&Hades, vielleicht aber auch einfach bei diesem Laden ohne Namen, wo es auch so Blingbling-Ketten und Handyhüllen gibt. Ist günstig und richtig viel dran, und so unfassbar weich und leicht! Dass er das nur ist, weil er aus 99 Prozent Polyester besteht, fällt dem Träger erst später auf, als sich durch das tägliche Tragen langsam so leicht glänzende Acrylkügelchen auf der Schaloberfläche bilden.

So bindet man ihn sich um: Wickeln! Rum und noch mal rum und noch mal rum und dann links und rechts ein bisschen eingetuckert und schon ist das mollig warme Schulternest fertig. Den Kopf drehen geht jetzt zwar nicht mehr so gut und das Gesamtbild hat zugegebenermaßen ein bisschen etwas von einer Halskrause, wie sie sonst nur Menschen mit Schleudertrauma tragen, aber immer latent angeschlagen auszusehen ist auch ein bisschen Teil des Konzepts. Denn dieser Eigennestbau rund ums Haupt hat durchaus Sendungsbewusstsein, siehe nächster Punkt.

Das will man uns damit sagen: „Hallo Außenwelt, es ist kalt, ich bin zerbrechlich und potentiell dauererkältet, lass also die menschliche Härte bitte stecken. Und gib es zu, du kannst doch gar nicht anders, als mich irgendwie niedlich und gemütlich zu finden und sofort ganz viel Tee mit mir zu trinken!"

Diese Accessoires kombiniert man sonst noch so dazu: Eine dicke Bommelmütze und eine aus der braunen Kunstledertasche ragende Thermoskanne.

Des Trägers liebstes Wintergetränk: Apfel-Zimt-Tee.


Der Herrenausstatter-Schal

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Illustration: Julia Schubert



So ist der Träger zu ihm gekommen: An einem der ersten winterfrösteligen Dienstagabende, nach Feierabend im Herrenaustatter der Innenstadt. Und das ging ungefähr so:

-„Ich bin auf der Suche nach einem Schal, tja, wird ja Winter."
-„Was hätten Sie denn gern? Ganz klassisch, oder lieber was Frischeres?"
-„Naja, was Auffälliges ist eher nichts, obwohl, kann man auch ja mal... aber es ist mir ganz wichtig, dass das auch zum Anzug geht, ich muss da von Berufs wegen schon auch auf eine gewisse Seriösität achten..."
-„Jaja ist schwierig, ist schwierig, gell, aber wissen Sie, im Winter ist ja sowieso alles so grau, und  - kommen Sie mal mit - die hier von Tom Tailor oder Bugatti mit den bunten Streifen, die sind gerade rein gekommen, die wären jetzt zum Beispiel einfach mal was Bunteres für den Mann, sind sehr beliebt, muss ich sagen, sind a bissl peppig und doch nicht schreiend, wenn Sie wissen, was ich meine?"
- "Ja, ist vielleicht einfach mal was Anderes. Dann soll es der sein, bitte."

So bindet er ihn sich um: Ein krawattenhafter Knoten, quasi die Winterkrawatte über der richtigen Krawatte.

Das will er uns damit sagen: „Hallo Welt, ich bin jetzt im Arbeitsleben drin, im Siezalter angekommen und manchmal nehme ich ein Taxi! Aber ein bisschen Farbe darf schon sein, ich sag mal: Ich bin ja quasi keiner aus der völlig spaßbefreiten Truppe."

Diese Accessoires kombiniert er sonst noch so dazu: Die Laptoptasche zum Umhängen, den schwarzen Windsor-Mantel und je nach Anlass halt die Lloyd-Herrenschuhe oder die atmungsaktiven Sneaker. Mütze ist schwierig, da sehen ja danach die Haare immer so aus. Nur im Skiurlaub, da darf die lustige Fleece-Mütze mit den neonorangefarbenen Spaghettihaaren obendrauf mal aus der Schublade raus. Aber nur in dem während der Faschingsferien.

Sein liebstes Wintergetränk: Offiziell oder privat? Offiziell: das, was die anderen bestellen. Privat: Lumumba.



Der Kaschmirschal

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Illustration: Julia Schubert



So ist man zu ihm gekommen: Sehr zeremoniell. Egal ob im Webshop der coolsten Boutique Berlins oder im Concept-Store um die Ecke, auf jeden Fall wurden vor und während des Kaufprozesses die unbewusst von Modeblogs übernommenen Formulierungen gesagt oder gedacht wie: „Da schleiche ich ja schon seit letztem Jahr drum herum", „Ist echt teuer, aber andererseits: Den behält man ja auch ein bisschen." und „Kann man in etwas Besseres als ins Warmbleiben investieren?"

So bindet man ihn sich um: Ganz locker, immerhin ist das ein ziemlich klassisches Modell, das bis vor einigen Jahren nur hochkarätige Altherren auf den Stufen vor der Oper trugen, und ganz so streng will man dann ja auch nicht aussehen. Wichtig ist aber, dass das Schild mit dem Markenlogo dran bleibt und wie zufällig nach vorn zeigt, damit auch jeder checkt, dass das hier nicht die Kopie vom Original ist.

Das will man uns damit sagen: "Sehe ich nicht furchtbar elegant und zeitlos aus? Weißt du, ich hab jetzt langsam echt begriffen, dass weniger mehr ist, sowohl optisch als auch ethisch. Es bringt nichts, billig einzukaufen. Dann lieber ein ordentlicher Schal, als 17 von indischen Kindern genähten H&M-Schals, die sich sowieso nach einigen Wochen auflösen."

Diese Accessoires kombiniert man sonst noch so dazu: Das Kaschmir-Beanie von COS ("Ich kauf aber echt nur noch voll selten bei COS, die sind ja auch nicht mehr das, was sie mal waren.") und allerhand weinrotes, marineblaues oder camelfarbenes Franzosen-Chic-Zeug.

Des Trägers liebstes Wintergetränk: Dieser Spicy-Orange-Punsch von diesem Blog, wie heißt er noch: Cozy Homes oder so, wo man die Orangen erst in Grand Marnier und Kardamom einlegt und dann stündlich mit Chilli-Katzenminze-Sud aufgießt.


Der Circle Scarf in Batikoptik

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Illustration: Julia Schubert



So ist man zu ihm gekommen: Man hat ihn vor einem Jahr auf der Vice-Homepage in der Apparel-Werbung gesehen und gleich bestellt. Das Ding hat schon letzten Winter gute Dienste geleistet und auch den Festivalsommer überstanden, man kann es nämlich auch super an kühlen Sommerabenden als Cape anziehen.

So bindet man ihn sich um: Easy-going-Style, einmal reingeschlüpft, einmal eingedreht und noch mal reingeschlüpft, fertig. Wird auch vom Wind nicht abgewickelt. Voll gut.

Das will man uns damit sagen: "Haha, Batik, das geht immer, ich bin so ironisch, I love it!"

Diese Accessoires kombiniert man sonst noch so dazu: Den riesigen Armee-Parka mit einem Wollmantel und einer Lederjacke drunter, die Russenmütze aus Fell von Humana und Doc Martens.

Des Trägers liebstes Wintergetränk: Wintergetränk? Kann man trinken, wenn man tot ist. Statt auf den Weihnachtsmarkt geht man lieber auf die Afterhour vom Flimmerrausch.



Das Paschmina-Seidentuch

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Illustration: Julia Schubert



So ist die Trägerin zu ihm gekommen: Entweder von der Indienreise mitgebracht oder vom Wochenmarkt in Portugal. Meistens allerdings ist er dann doch nur vom Heilsteine-Laden die Straße runter, wo es auch diese tollen dunkelroten Samtpuschen gibt, die man im Sommer als Sandalen tragen kann.

So bindet sie ihn sich um: Einfach einmal gefaltet und dann die Enden durch die Schlaufe ziehen.

Das will sie uns damit sagen: "Das ist kein Schal, das ist eine Lebenshaltung. Alles, was wir tun, hat Auswirkungen, und mir ist es ganz wichtig, Wärme auszustrahlen. Und ich finde das außerdem ganz toll, wie die das hinkriegen mit ihrer Webtechnik und den Mustern, dass das so leger und gleichzeitig total extravagant aussieht."

Diese Accessoires kombiniert sie sonst noch so dazu: Traumfängerähnliche Hänge-Ohrringe und kniehohe Stiefel mit Mini-Absatz und Reißverschluss an der Seite von Görtz17.

Des Trägers liebstes Wintergetränk: Chaitee, gibt's jetzt auch als Pulver, ist natürlich nicht ganz original, aber mal unter uns: Schmeckt halt echt fast ein bisschen besser und geht einfach schneller.

Text: mercedes-lauenstein - Illustration: Yinfinity

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