"Mein Leben ist viel schlechter als deins"

Das hört man immer öfter von seinen Mitmenschen – doch jeder hat dabei eine andere Intention. Eine Typologie.
Von Veruschka Haas
typologie schlechtes leben cover
Illustration: Lucia Götz

„Also ich habe ja eine 1,0 in der Klausur bekommen, schon fünf Praktika gemacht und seit Kurzem besitze ich eine 60qm Wohnung.“ Sätze wie diesen hört man in der Uni oder im Freundeskreis andauernd und die meiste Zeit dienen sie genau einem Zweck: Sie sollen dafür sorgen, dass sich der Angesprochene minderwertig und der Sprecher überlegen fühlt. Irgendwo auch verständlich: Es geht einem gerade richtig gut und man will allen zeigen, wie toll das eigene Leben ist.

Es liegt in der Natur des Menschen, dass er immer besser als andere sein will. Besser in einer Sportart, besser in der Uni, besser überall. Und wenn wir mal in etwas schlechter sind, dann kann das echt deprimierend sein – zumindest manchmal. Denn seit einiger Zeit beobachte ich, dass wir angefangen haben, uns gegenseitig auch in die andere Richtung übertreffen zu wollen. Es geht nicht mehr nur darum, wer das beste Leben hat, sondern auch darum, wer das schlechteste hat.

Die verschiedenen Menschen, die ansprechen, wie schlecht ihr Leben ist und was gerade alles darin schiefgeht, kann man grob in vier Typen unterteilen.

Die „Mir geht es noch viel schlechter“-Sager:

typologie mir gehts viel schlechter
Illustration: Lucia Götz

So steht ihr zueinander: Diese Person kann aus deinem Freundeskreis kommen, sie kann eine flüchtige Bekanntschaft sein oder jemand, mit dem du noch nie im Leben gesprochen hast.

An diesem Punkt beschweren sie sich: Du bist gerade richtig schlecht drauf. Vielleicht hast du gerade eine schlechte Note bekommen oder dir ist etwas Peinliches passiert. Du beschwerst dich vor ihnen darüber oder sie haben deine Situation mitbekommen – und dann melden sie sich zu Wort.

So sagen sie es: „Keine Sorge, ich habe in der Klausur noch eine viel schlechtere Note bekommen als du.“

Das ist ihre Intention: Sie wollen dich aufheitern. Sie bemerken, dass dich etwas stört und denken, dass der Vergleich mit ihnen deine Situation besser erscheinen lässt.

Wie man am besten mit ihnen umgeht: Auf keinen Fall solltest du hier mit einer Aussage wie „Ja, aber das ist trotzdem nervig“ oder „das bringt mir auch nichts“, antworten, selbst wenn ihre Aussage dich nicht aufheitert. Schätze ihren Versuch, dich aufzumuntern, einfach wert und vielleicht bietet sich dir ja irgendwann noch eine Chance, dich dafür zu revanchieren.

Die Beiläufig-Leidenden:

typologie beilaeufig leidend
Illustration: Lucia Götz

So steht ihr zueinander: Du bist mit ihnen befreundet, redest und schreibst über alles Mögliche mit ihnen.

An diesem Punkt beschweren sie sich: Sie suchen eine Lücke im Gespräch. Vielleicht schreiben oder sprechen sie dich auch ohne ein vorheriges Gespräch an und kommen zum Thema.

So sagen sie es: „Ich weiß, das ist nervig. Ich weiß auch, dass es dir wahrscheinlich noch vieeeel schlechter geht. Aber ich brauche jemandem, mit dem ich darüber reden kann, was bei mir gerade alles schief geht. Auch wenn ich es ja gar nicht wert bin, deine Zeit damit in Anspruch zu nehmen.“

Das ist ihre Intention: Eigentlich ist es ihnen egal, ob sie dich nerven oder nicht. Sie denken auch nicht, dass sie es nicht wert sind, deine Zeit in Anspruch zu nehmen – im Gegenteil. Spätestens wenn sie dreimal in einer Nachricht erwähnt haben, dass sie deine Aufmerksamkeit auf keinen Fall verdienen, kannst du davon ausgehen, dass sie das nur tun, um von dir versichert zu bekommen, dass das natürlich nicht der Fall ist. Manche von ihnen sind sich auch einfach wirklich nicht sicher, ob sie dich mit ihren Problemen nerven und haben so viel Angst, dass sie bei jeder Nachricht sicher gehen wollen, dass sie das nicht tun. Diese Menschen sind jedoch leider in der Unterzahl.

Wie man am besten mit ihnen umgeht: Genau das tun, was sie erwarten. Nämlich: zuhören, ihnen helfen und ihnen versichern, dass sie natürlich immer mit ihren Problemen zu dir kommen können. Denn auch wenn ihr Hang dazu, sich absichtlich als unwichtig darzustellen, echt nervig ist, gibt es noch viel viel schlimmere Typen. Wie den nächsten zum Beispiel.

Die Wettbewerbsmenschen:

typologie wettbewerb
Illustration: Lucia Götz

So steht ihr zueinander: Diese Person ist meistens Teil deines Freundeskreises und kein Fremder. Jedoch ist es keiner deiner besten Freunde und niemand, mit dem du täglich schreibst oder sprichst. Denn diese Art von Mensch ist extrem anstrengend.

An diesem Punkt beschweren sie sich: Du hast gerade etwas erwähnt, was in deinem Leben schiefgegangen ist, und sie damit offensichtlich dazu herausgefordert, daraus einen Wettbewerb zu machen.

So sagen sie es: „Wenigstens studierst du überhaupt. Ich weiß ja immer noch nicht, für welches Fach ich mich immatrikulieren soll. Und überhaupt...“ gefolgt von einer Auflistung von anderen Dingen, die in ihrem Leben viel schlechter sind als in deinem.

Das ist ihre Intention: Sie wollen dich übertreffen, egal mit was, Hauptsache, sie gewinnen. Ihr Ziel ist es, dir klarzumachen, dass du kein Mitleid verdienst. Sie aber schon.

Wie man am besten mit ihnen umgeht: Am einfachsten wäre es natürlich, heikle Themen zu umgehen und ihnen ja keine Chance zu geben, sich mit dir zu messen. Klingt zuerst einfach, aber sogar das Wetter kann hier zu einem Streitpunkt werden. „Wenigstens regnet es nur bei dir. Hier, wo ich gerade bin, windet es noch dazu“ und „wenigstens kannst du bei der Sonne rausgehen. Ich sitze gerade zuhause und muss noch an meiner Seminararbeit schreiben“ sind Sätze, die hier auf einen einfachen Kommentar über das Wetter folgen. Also hilft nur eins: Augen zu und durch und sich von diesen Menschen nicht frustrieren lassen.

Die Nie-Melder:

typologie nie melder
Illustration: Lucia Götz

So steht ihr zueinander: Sie melden sich höchstens alle paar Monate und auch dann nur, wenn gerade etwas Schlechtes in ihrem Leben passiert ist. Und das ist auch das Einzige, um das sich das Gespräch je dreht – ihr Leben. Interesse an deinem Leben zeigen sie nicht. Mit ein wenig Glück fragen sie vielleicht einmal nach, wie es dir geht, bevor sie das Thema wieder geschickt auf sich zurücklenken – wobei geschickt natürlich heißt, dass sie alles, was du über dein eigenes Leben erzählst einfach, gekonnt ignorieren.

An diesem Punkt beschweren sie sich: Aus dem Nichts. Du hast dich gerade noch gefragt, ob sie wohl noch leben, ob sie das Land verlassen haben oder ob sie vielleicht endlich deine Nummer gelöscht haben. Da bekommst du auf einmal wieder eine ihrer langen Nachrichten.

So sagen sie es: „Hallo, tut mir Leid, dass ich mich so lange nicht gemeldet habe. Erst bin ich durch zehn Klausuren gefallen, dann bin ich in meinem Job gefeuert worden, weil ich andauernd zu spät gekommen bin. Dann hat sich auch noch mein Freund von mir getrennt und jetzt musste mein Auto gerade in die Werkstatt, weil ich es gegen die Wand gesetzt habe. Bei dir ist ja sowieso sicher nichts Neues passiert, deswegen erzähle ich dir jetzt noch mal alles genau im Detail.“

Das ist ihre Intention: Sie wollen reden. Unbedingt. Und nur über sich. Wie es anderen geht, interessiert sie nicht wirklich. Wahrscheinlich schicken sie die gleiche Nachricht noch zehn anderen Personen.

Wie man am besten mit ihnen umgeht: Vielleicht einfach mal das Gleiche mit ihnen machen. Schreibe ihnen eine ellenlange Nachricht, was gerade alles bei dir schiefgeht und schau doch mal, wie sie darauf reagieren. Oder sage ihnen vielleicht einmal freundlich aber bestimmt deine Meinung. Mit ein wenig Glück sehen sie es ein. Wenn das nicht der Fall ist, bist du das nächste Mal dann vielleicht Thema der Rundnachricht, die dann nur noch die anderen zehn Personen bekommen.

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