...und Tschüss!

Ob auf Partys, bei der Galerieeröffnung oder anlässlich des Team-Events: Ständig lernt man neue Leute kennen. Doch wer eine Person wirklich ist, wirst du während eures Gesprächs nicht erfahren. Dazu musst du auf die Verabschiedung warten. Eine Typologie.
nicola-staender

Der Radikale  

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Illustration: Julia Schubert



Die Ausgangssituation:
Die Wohnung ist rappelvoll. In einem Zimmer tanzen welche, in der Küche rauchen sie und im Wohnzimmer läuft psychedelische Musik. Da setzt du dich auf das Sofa in der Ecke. Mit deinem Sitznachbarn unterhältst du dich einen Abend lang über neue Projekte, weil ihr zufällig im gleichen Bereich arbeitet. Ihr interpretiert die neuesten Science-Fiction-Thriller. Lacht über dieselben Zitate. Kurz: Ihr habt eine gemeinsame Ebene! Als deine Freunde weiterziehen wollen, musst du irgendwie mit – deine Bekanntschaft bleibt noch.

Das sagt er zum Abschied:
"Dir dann noch ein schönes Leben!"

Das bedeutet es:
Der Radikale hat gerade den Flammenwerfer gezückt und die kleinen Pflänzchen deiner entstehenden Zuneigung erbarmungslos niedergebrannt. Gemeinsame Ebene? Denkste. Die Knock-out-Verabschiedung unter den Abschiedsfloskeln bedeutet: Wir werden uns nie wiedersehen. Du gehst deinen Weg, ich gehe meinen. Einerseits: Wieso sollte man etwas beschönigen? Der Radikale ist halt extrem ehrlich. Andererseits: Brutal unhöflich. Denn: Was soll das eigentlich?

So gehst du damit um:
Wer erbarmungslos alles Weiterführende unterdrückt und den Zauber der ersten Begegnung so leichtfertig zerstört, der hat entweder ein sicheres Urteilsvermögen, eine feste Beziehung oder sich insgeheim den ganzen Abend gelangweilt. Er hat aber auch was von einem arroganten Trottel. Deshalb ist der Umgang mit dem Radikalen eigentlich leicht. Du kannst seine Verabschiedung entweder kontern: "Danke, da bin ich mir sicher“ sagen und so deine Coolness wahren. Wenn du das mit der Gewitztheit nicht so drauf hast, musst du schnaufen, aufstehen und mit wehendem Haar den Raum verlassen.

Das denkst du am nächsten Tag:
"Wer hatte den eigentlich eingeladen?"


Der Witzbold  

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Illustration: Julia Schubert



Die Ausgangssituation:
Den Witzbold erkennt man schon, wenn man den Raum betritt, den die Firma zwecks Team-Beschnupperung gemietet hat. Er lacht mit weit geöffnetem Mund und so laut, dass sich alle zu ihm umdrehen. Der Abend mit dem scherzenden Sprücheklopfer kann erheiternd sein, wenn er intelligent ist. Aber natürlich hofft man innerlich, dass er wenigstens dann etwas ernster wird, wenn es ja darauf ankommt, einen guten letzten Eindruck zu hinterlassen. Bei dir!

Das sagt er zum Abschied:
Er ruft vielmehr: "Bis Baldrian". Und lacht dann schallend. Er findet das selbst so unglaublich witzig, dass er noch eine zweite und dritte Verabschiedungsfloskel hinterher schießt: "Tschausen" zum Beispiel oder "Paris, Athen, Auf Wiederseh’n!". Gleich danach wieder lautes Gelächter.

Das bedeutet es:
Deine Bekanntschaft hält sich ernsthaft für irre witzig. Und ist deshalb eigentlich ein bisschen einfach gestrickt. Sie sagt die Abschiedsfloskeln zwar ironisch, ist aber eigentlich wirklich stolz auf ihre Sprachspiele, obwohl sie sich die gar nicht selber ausgedacht hat.

So gehst du damit um:
Wenn du nicht gezwungenermaßen mit ihr zusammenarbeitest, musst du dich bei dieser Bekanntschaft sofort entscheiden, ob du ihr Lachen süß findest und die Witze ignorieren kannst. Falls du dich mit ihr einlässt, wirst du beides nämlich immer hören. Immer. Falls du nichts mehr mit ihr zu tun haben willst, reicht ein High Five. Das findet sie bestimmt ganz cool.

Das denkst du am nächsten Tag:
"Puh, jetzt erstmal einen Baldrian-Tee!"


Der Anhängliche  

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Illustration: Julia Schubert



Die Ausgangssituation:
Du wartest an der Bar auf dein Bier und kommst mit deinem Sitznachbarn ins Gespräch. Bei manchen Menschen hat Bier nicht nur den Effekt, dass sie irgendwann ihren Körper nicht mehr sicher im Raum bewegen können. Sie werden zudem "kuschelig". So auch der Anhängliche. Er streichelt erst sein Bierglas, dann sein eigenes Gesicht und seinen Oberschenkel und irgendwann dein Bein/deinen Arm/was auch immer er von seinem Platz aus von dir erreichen kann. Dabei wird er immer weicher und teigiger im Gesicht.

Das sagt er zum Abschied:
"Komm an mein Herz. Du bist echt was Besonderes."

Das bedeutet es:
Diese Verabschiedung ist genau so (Einschätzung abhängig von deinem Alkoholpegel) unbeholfen/niedlich/nervig wie der Anhängliche selbst. Eigentlich will er dich gleich abknutschen. Weil er das aber nicht mehr richtig hinkriegt, umarmt er dich halt lange.

So gehst du damit um:
Leider verläuft dein Interesse am Anhänglichen antiproportional zu seiner körperlichen Bedürftigkeit. Mit seiner Verabschiedungsfloskel verliert er deshalb unweigerlich auch den allerletzten Rest seiner eventuell verbleibenden Coolness. Weil du dich gezwungenermaßen an deine Großmutter erinnert fühlst sagst du: "Jaja, komm“, und tätschelst, wenn du nett bist, noch mal seine Schulter.

Das denkst du am nächsten Tag:
"Oh nein, hab ich dem gestern eigentlich meine Nummer gegeben?"


Der Formelle

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Illustration: Julia Schubert



Die Ausgangssituation:
Du hast dich eigentlich schon am Anfang gewundert, warum der Mensch diese merkwürdigen Schuhe anhat. Sie sehen aus wie Schuhe, die zur Abendgarderobe gehören, gleichzeitig wurden sie aber ganz offensichtlich schon oft als Straßenschuhe missbraucht. Na ja, denkst du, man kann nicht alles haben. Schlechter Schuhgeschmack ist ja besser als schlechter Musikgeschmack, oder? Über Musik jedenfalls könnt ihr euch blendend unterhalten. Der Mensch, den du auf dieser abseitigen Ausstellungseröffnung kennen lernst, weiß mit deinen Lieblingsbands was anzufangen und sagt Sätze wie "Na ja, ich finde ja Leute, die die Strokes/beliebige andere Indie-Band ‚prätentiös’ nennen, ein bisschen aufgesetzt und angepasst." Der Formelle ist undurchschaubar. Du bist dir nicht sicher, warum ihr eigentlich redet.

Das sagt er zum Abschied:
"Wenn du Lust hast, könnten wir ja mal schauen, ob wir ein weiteres Treffen hinkriegen." Kein Handnehmen, kein Kuss auf die Wange. Stattdessen: Eine eckige Umarmung, bei der sich möglichst nichts vom Körper berührt.

Das bedeutet es:
"Ich bin verklemmt und das Leben geht an mir vorbei, während ich metamäßig über alle möglichen Dinge nachdenke."

So gehst du damit um:
Du kannst dir die ganze Zeit nur noch vorstellen, wie er seine Socken zusammenrollt und ordentlich in seine ausgebeulten Anzugschuhe steckt, bevor er ins Bett geht. Oder Cornflakes zum Frühstück isst und sich danach mit einer Serviette den Mund abputzt. Deshalb gibst du dem Formellen die Hand statt deiner Nummer.

Das denkst du am nächsten Tag:
"Ich muss wieder mehr auf MDMA weggehen."


Der Nicht-Verabschieder  

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Illustration: Julia Schubert



Die Ausgangssituation:
Seit zehn Minuten läuft das Gespräch mit dem Nicht-Verabschieder nur noch schleppend, die Redepausen werden länger. Ihr seid beide neu in der Stadt und müsst Leute kennen lernen. Verlegen trinkt ihr immer mal wieder ein paar Schlucke Kaffee. Die Gesprächsthemensuche rattert in deinem Kopf ohne Unterlass alle Smalltalkbereiche durch. Da is’ nix mehr! Besser also, man macht einen Schnitt.

Das sagt er zum Abschied:
Nichts. Der Nicht-Verabschieder schaut sich verlegen im Café um. Etwa eine Minute betrachtet er die Stehlampe neben dir. Er faltet seine Hände. Es ist sehr still, aber der Nicht-Verabschieder lächelt.

Das bedeutet es:
Der Nicht-Verabschieder ist sozial inkompatibel und hat keine Freunde. Er versteht nicht, wie das mit dem Kontakten funktioniert und wird es auch nie lernen.

So gehst du damit um:
"Ja, dann...", sagst du und greifst schon mal nach deiner Jacke. Der Nicht-Verabschieder sitzt vor dir und schweigt. Zweiter Versuch: "Ich muss noch was arbeiten heute, ich würd’ dann mal gehen." Plötzlich kommt Leben in den Nicht-Verabschieder. Er trinkt seinen Kaffee ganz aus. Oh-oh! Er wird doch nicht... Doch! "Wo lang musst du?", fragt er vor der Tür. Du weißt, es ist schon egal, in welche Richtung du jetzt zeigst, denn der Nicht-Verabschieder wird sowieso mitkommen, egal wie groß der Umweg für ihn sein wird. Und dann, an der nächsten U-Bahnstation/deiner Haustür/der Ecke, an der ihr euch jetzt wirklich trennen müsst: Scheues Schweigen seinerseits. Die Verabschiedung musst du übernehmen und zwar schleunigst, damit keine Zeit bleibt, eine neue Verabredung auszumachen. Kurz drücken. Und dann: Nix wie weg!

Das denkst du am nächsten Tag:
"War da was?"

Text: nicola-staender - Illustration: Sarah Unterhitzenberger

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