Wieso handeln wir immer noch nicht umweltbewusst?

Obwohl wir um die Gefahren des Klimawandels wissen? Das erklärt eine Umweltpsychologin.
Interview von Tabea Mirbach

Foto: Vapi / photocase.de; Illustration: Federico Delfrati

In den Nachrichten wird immer häufiger von verheerenden Hurrikans, Bränden und anderen Naturkatastrophen berichtet, der Klimawandel wird oft als Grund dafür angeführt. Vermutlich gehören auch deshalb der Klima- und Umweltschutz zu den wichtigsten Themen der Deutschen, wie aktuelle Studien zum Umweltbewusstsein des Umweltbundesamtes zeigen. Die logische Konsequenz wäre eigentlich, die meisten würden anfangen, sich klimabewusster zu verhalten. Also auf Fleisch verzichten, regional einkaufen und/oder das Auto gegen das Fahrrad eintauschen. Und doch tut sich da bei vielen noch sehr wenig. Es gibt eben doch einen Unterschied zwischen dem Bewusstsein und dem tatsächlichen Verhalten eines Menschen. Ellen Matthies hat uns erklärt, wieso wir es so oft nicht schaffen, aus unserer Bequemlichkeit herauszukommen.

Jetzt: Wir wissen, dass der Klimawandel die aktuell größte Bedrohung für die Menschheit ist. Wieso kämpfen wir nicht sofort dagegen an?

Ellen Matthies: Studien aus der Psychologie zeigen, dass es viel einfacher ist, auf etwas zu reagieren, bei dem wir die positiven oder negativen Folgen unseres Handelns direkt spüren. Zum Beispiel, wenn wir bei einer Radarfalle zu schnell fahren und direkt die Quittung bekommen. In der Zeit danach fahren wir an dieser Stelle eher langsamer. Aber der Klimawandel ist ein hochkomplexes Problem. Die Folgen kommen nicht direkt auf unser Handeln hin, zum Beispiel wenn wir in den Urlaub fliegen und dabei viel CO2 ausstoßen. Die gravierendsten Folgen kommen zeitlich stark verzögert, etwa der gestiegene Meeresspiegel. Wir wissen zwar, dass gehandelt werden muss, aber nicht konkret, ob wir alle handeln müssen oder wer zuerst. Ein weiteres Problem ist auch, dass unser Verhalten im Alltag von vielen Faktoren beeinflusst wird, die uns daran hindern, uns klimafreundlich zu verhalten.

„Wir neigen dazu, das zu tun, was wir schon immer getan haben“

Welche sind das?

Das sind vor allem Situationen in unserem Alltag, die dem klimabewussten Handeln widersprechen. Die kann man fast gar nicht vermeiden. Zum Beispiel, dass ich Freunde auf dem Land nur mit dem Auto besuchen kann. Das liegt an der schlecht ausgebauten Infrastruktur. Oder dass Eltern ihre Kinder zur Schule fahren, weil der Schulweg wegen der vielen Autos nicht sicher ist. Es gibt zwar viele Menschen, die bereits beispielweise auf unnötige Flugreisen verzichten oder ihre CO2 Emissionen kompensieren. Trotzdem nutzt die Mehrheit der Deutschen das Flugzeug ohne Kompensation, und das auch dann, wenn es per Bahn geht. Es ist zur Normalität geworden, zu Spottpreisen fliegen zu können und das auch als unser Recht anzusehen.

Ellen Matthies sagt: „Wenn Veränderung gelingen soll, dann müssen wir aufhören, uns an anderen zu orientieren. “

Foto: Stefan Berger

Aber es gibt ja auch Dinge in unserem Alltag, die einfach umzusetzen sind. Wie zum Beispiel öfter regional einzukaufen. Wieso machen wir das nicht?

Menschen sitzen auch zu viel vor dem Fernseher oder machen zu wenig Sport, obwohl ihnen bewusst ist, dass ihnen das nicht guttut. Wir wissen so viel darüber, wie wir ein besseres Leben führen könnten. Trotzdem neigen wir dazu, das zu tun, was wir schon immer getan haben. Das liegt auch an dem „Time lag“, also der Zeitverzögerung, zwischen unserem individuellen Handeln und den Konsequenzen. Man spürt die negativen Folgen nicht direkt, wenn man mal nicht joggen geht. Beim Klimawandel ist ein zusätzliches Problem, dass gar nicht man selbst, sondern oft andere Menschen an ganz anderen Orten die Konsequenzen spüren. Außerdem reicht unser eigenes Handeln gar nicht aus. Es muss kollektiv gehandelt werden. 

Ist die Gefahr des Klimawandels für uns also zu komplex, um richtig handeln zu können?

Ja, das ist ein Teil der Problematik. Die möglichen Lösungen dafür sind ebenfalls nicht einfach zu erklären. Das ist ein Lernprozess der gesamten Gesellschaft. Wir müssen also den hier zuständigen Institutionen vertrauen, dass sie dieses Wissen haben, um das Problem zu lösen. Diese müssten die Lösungen wiederum einfacher erklären. Aber trotz der Komplexität, steigt die Bereitschaft sich für den Klimawandel einzusetzen. Das liegt vor allem am Einsatz der „Fridays for Future“-Bewegung.

„Wenn der Klimawandel so dramatisch ist, dass jeder mit anpacken muss, warum werden dann die Spielregeln nicht geändert?“

Es gibt ja auch viele Menschen, die den Klimawandel leugnen. Wie erklären Sie sich das?

Klimawandel-Leugner sind ein Phänomen, das eher in Amerika zu finden ist als hier in Deutschland. Studien haben gezeigt, dass die Leugnung des Klimawandels mit der eigenen politischen Orientierung und vertretenen Werten zusammenhängt. Manche machen es sich leicht, wenn etwas ihrem Lebensstil widerspricht. Sie greifen dann auf das Argument zurück, dass es keinen Klimawandel gäbe. Menschen suchen sich ihre Informationen da, wo sie der eigenen Meinung, Einstellung und eigenem Handeln entsprechen. Das ist psychologisch ganz plausibel.

Was würde Menschen denn wirklich motivieren, ihr Verhalten zu ändern?

Es muss mehr von der Politik geregelt werden. Dann wären die Menschen auch dazu bereit, höhere Kosten für den Klimaschutz zu tragen oder sich einzuschränken. Das jetzige Konsumentenverhalten – also Fliegen oder dicke Autos kaufen –wird von einigen so gedeutet, dass die Menschen unbedingt weiterhin günstig fliegen oder dicke Autos wollen. Aber das ist die falsche Schlussfolgerung. Sie tun das unter den jetzigen Bedingungen, die zum Beispiel das Fliegen stark begünstigen. Es sollten daher die Subventionen des Flugverkehrs abgeschafft werden, die beziffert der BUND für Deutschland mit etwa zehn Milliarden Euro pro Jahr. Auch deswegen ist es so wichtig, dass es „Fridays for Future“ gibt, die sich für die Änderung der Gesetze einsetzen. Denn ohne solche Gesetze fragen sich die Menschen zu Recht: Wenn der Klimawandel tatsächlich so dramatisch ist, dass jeder mit anpacken muss, warum werden dann die Spielregeln nicht geändert?

Ist es also ein Problem unserer Gesellschaft, dass wir zu stark darauf schauen, was die anderen machen?

Wenn Veränderung gelingen soll, dann müssen wir aufhören, uns an anderen zu orientieren. Im Alltag ist es wiederum manchmal von Vorteil, uns an anderen und unseren Gewohnheiten zu orientieren. Wir sind darauf angewiesen, dass wir nicht in jeder Situation alle Handlungsmöglichkeiten und ihre Konsequenzen durchspielen müssen und können nicht alles bewusst entscheiden. Aber bei besonderen Ereignissen, bei wichtigen Lernerfahrungen, können wir uns auch ganz neu orientieren. Deswegen ist es doppelt problematisch, wenn unsere Politiker*innen das Wissen der Gesellschaft über den Klimawandel nicht in entsprechende Politik umsetzen. Damit erhalten wir das Signal: Kann doch gar nicht so schlimm sein. Und: Es ist umso beeindruckender, dass es Menschen gibt, die bereits eine so starke klimaausgerichtete Werteorientierung haben. Sie schaffen es teilweise schon seit Jahren, sich über die eigene Bequemlichkeit hinweg ökologisch zu verhalten.

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