Leon kauft aus moralischen Gründen keine Bio-Eier

Stattdessen spendet er die Differenz zu konventionellen Eiern. Dahinter steckt ein philosophisches Konzept.
Von Nele Spandick

Der Preis von zwei Bio-Eiern minus den Preis von zwei konventionellen Eiern ergibt die Spendensumme.

Illustration: Julia Schubert

Viele junge Menschen haben in den letzten Jahren angefangen, bewusster zu konsumieren. Das ist ihr Beitrag zu einer nachhaltigen Welt. Auch in Leons Freundeskreis ist das ein Thema. Der 22-Jährige studiert Philosophie und Volkswirtschaftslehre in Bayreuth. Und auch er macht sich Gedanken dazu, wie Nachhaltigkeit und Konsum zusammenhängen. Aber er ist nach Diskussionen mit seinem Umfeld zu einem anderen Schluss gekommen, als viele seiner Freund*innen: Seit ein paar Monaten greift er im Supermarkt immer nach dem günstigsten Produkt. Er kauft keine Bio-Eier, kein Bio-Fleisch und kein Bio-Gemüse. Und zwar aus moralischer Überzeugung. Er glaubt, es gibt einen wirksameren Weg die Welt zu verbessern: Beim Konsum sparen und stattdessen an effektive Organisationen spenden.

Das sieht in der Praxis dann so aus: Wenn er sich im Supermarkt zwischen sechs Bio-Eiern für 2,80 Euro oder zehn Eiern aus Bodenhaltung für 1,20 Euro entscheiden muss, dann kauft er die Bodenhaltung-Eier. Er holt sein Handy raus und schreibt die ungefähre Differenz von 3,50 Euro (10 Bio-Eier hätten ihn 4,67 Euro gekostet) in die Notiz-App. Am Ende des Monats addiert er all das Geld, das er gespart hat. So kommt er auf ungefähr 20 bis 30 Euro im Monat, die er an unterschiedliche Organisationen spendet.

„Das ist nicht so sehr eine moralische Überlegung, sondern einfach die Gelegenheit“ 

Das ist eine ungewöhnliche Herangehensweise, findet auch der Psychologie-Professor Hans-Rüdiger Pfister. Normalerweise seien unsere moralischen Entscheidungen stark durch Emotionen geprägt. Bei Leon kommt ihm das eher vor wie „eine sehr vernunft-getriebene Abwägung”. Natürlich müssen alle Menschen zwischen verschiedenen prosozialen Aktivitäten abwägen. Dabei spiele auf der einen Seite die Gelegenheit eine Rolle. Wenn wir in der Kaufentscheidung zwischen ökologischen und konventionellen Produkten entscheiden, ist das relativ unkompliziert. Spenden ist da schon aufwendiger.

Pfister vergleicht das mit der Organspende: „Die unterschiedliche Organspendebereitschaft in Ländern wie Spanien und Deutschland hat ja nichts mit der moralischen Integrität der Spanier und der Deutschen zu tun.“ In Deutschland muss man für die Organspende aktiv zustimmen, während in Spanien alle Spender*innen sind, die nicht aktiv widersprechen. „Das ist nicht so sehr eine moralische Überlegung, sondern einfach die Gelegenheit.“ Und Pfister nennt einen weiteren Parameter, der unsere Abwägung beeinflusst: die psychologische Distanz. „Je anonymer etwas ist, desto geringer die Motivation, zu helfen“, erklärt er. „Für ein Erdbebenopfer in China spenden wir unwahrscheinlicher als für den Menschen in Not in unserer Nachbarschaft.“

Mit wenig Geldeinsatz die größte Wirkung

Auch bei der Auswahl der Spendenorganisationen ist Leon recht unbeeindruckt von emotionalen Aspekten. Er spendet an Organisationen wie „atmosfair“, die „Against Malaria Foundation“ und die „Deworm the World Initiative“. Dabei orientiert er sich daran, was der sogenannte „Effektive Altruismus“ empfiehlt. Hinter diesem Konzept steht die Vorstellung, dass die Menschheit mit den begrenzten Mitteln, die ihr zur Verfügung stehen, bestmöglich die Probleme der Welt lösen sollte. Weil wir alle nur begrenzt Geld haben, müssen wir nach dieser Theorie überlegen, wo dieses Geld am meisten bewirken kann.

Leon spendet Geld deshalb möglichst an Organisationen, die mit wenig Geldeinsatz die größtmögliche Wirkung erzielen. Die „Deworm the World Initiative“ organisiert zum Beispiel Entwurmungen in Schulen in Entwicklungsländern. Es wird geschätzt, dass es etwa 0.69 US-Dollar kostet, ein Kind in Kenia zu entwurmen. Davon könnte Leon nicht mal zwei Bio-Eier kaufen.

Viele von seinen Kommiliton*innen engagieren sich für den „effektiven Altruismus“. Und obwohl er selbst nicht aktiv dabei ist, findet er den Ansatz richtig, bei Spenden ganz genau auf die Wirkung zu achten. Auf die Idee, seinen Konsum umzukrempeln, kam er aber selbst. Nur die Spendenorganisationen sucht er nach dem Konzept des „effektiven Altruismus“ aus.

Leon hat sich nach reichlicher Überlegung zu dem Schritt entschlossen.

Foto: privat

„Es gibt durchaus auch Gründe, warum man das anders sehen kann“

Er sagt: „Man weiß einfach nicht ganz genau, was der Impact der drei Euro ist, die man in Bio-Eier investiert. Gleichzeitig können für die drei Euro aber eben fünf Kinder entwurmt oder vier Malaria-Netze gekauft werden, die einen extrem großen Einfluss haben.“ Er findet das die bessere Entscheidung. Gleichzeitig erhebt er keinen Anspruch, dass das alle Menschen so machen sollten. „Es gibt durchaus auch Gründe, warum man das anders sehen kann.“

Einer dieser Gründe wäre zum Beispiel das Tierwohl. Wenn Menschenleben durch Malarianetze gerettet werden, bringt das dem Huhn in der Legebatterie wenig. Leon ist das bewusst: „Ich glaube schon, dass Tierwohl eine Rolle spielt, aber es ist mir persönlich nicht so wichtig.“ Wenn er die Wahl habe, drei Euro für fünf Kinderleben oder für das Tierwohl zu investieren, gewinnen bei ihm die Kinderleben. Abwägung zwischen an sich guten Zielen gehöre zu jeder Entscheidung. Dazu zählen auch gesundheitliche Aspekte: „Bio-Produkte sind oft gesünder als konventionelle Produkte. Deswegen ist meine Mutter auch nicht so happy, dass ich das mache.“ Aber auf sowas habe er auch vorher nicht viel geachtet.

„Durch diese Emotionen sind wir bereit, Opfer einzugehen“

Psychologieprofessor Pfister hält es prinzipiell für erstrebenswert, wie Leon prosoziales Verhalten rationaler abzuwägen: „Wenn Sie sich von Emotionen leiten lassen, dann kann das natürlich zu wenig sinnvollen Entscheidungen führen.“ Aber Rationalität könne eben auch zu unsozialem Verhalten führen: „In der Geschäftswelt gilt Rationalität ja gewissermaßen als Ideal. Da bedeutet das aber vor allem, sich am Kriterium des maximales Profits für das eigene Unternehmen zu orientieren. Das ist natürlich zutiefst egoistisch.“ Am Ende müsse man wohl akzeptieren, dass viele der Entscheidungen, die wir für moralisch gut halten, sehr stark durch Emotionen gezeichnet seien. „Durch diese Emotionen sind wir bereit, Opfer einzugehen.“

Leon beschreibt sein Projekt eigentlich auch sehr emotional. Er folgt nach eigenen Angaben seinem Bauchgefühl: „Das ist einfach der Ansatz, den ich momentan für richtig halte.“ Er zeigt mit seiner Entscheidung aber, dass wir auch gut gemeinte Aktivitäten hinterfragen sollten. Die Priorisierung unserer Ziele kann manchmal zu Widersprüchen führen, aber wir sollten uns nicht scheuen, uns ihnen zu stellen. So wie viele von Leons Freund*innen. Sie kaufen weiterhin bio und diskutieren dann mit ihm darüber.