Abbruchreif

Auf der Zielgerade alles hinzuschmeißen ist verpönt. Aber muss man immer alles durchziehen? Oliver, Kay, Christina haben ihr Studium kurz vor Schluss abgebrochen und fühlen sich seitdem besser.
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Illustration: Julia Schubert


Die "Abbrecher"

Kay
"Das Studium war total stupide: Baller das Wissen in deinen Kopf, leere es über der Klausur aus, formatiere die Festplatte. Ich habe nebenbei gearbeitet und war an der Uni hauptsächlich, um Kaffee zu trinken oder Prüfungen zu schreiben. Mir wurde klar: Für das, was ich tue, ist völlig irrelevant, ob ich studiert habe. Mich hat auch niemals jemand danach gefragt. Inzwischen bin ich selbstständig, mache Konzepte für Websites und ein paar andere Projekte, gerade zum Beispiel Sticker."

Oliver
"Zum Schluss habe ich mein Studium wirklich verschleppt, Herzblut war keins drin. Ich habe viel gearbeitet, als Systemadministrator, Bademeister, Barkeeper. Das Vielseitige ist mir wichtig, die Spezialisierung im Studium hat mich gestört. Jetzt bin ich selbstständig in der Event-Gastronomie und mache den IT-Support für eine Anwaltskanzlei. Nebenbei stehe ich immer noch hinter der Theke. Nur Bademeister bin ich keiner mehr!"

Christina
"Dieses Staatsexamen in Jura ist ziemlich schlimm. Man muss sehr viel lernen, und man hört immer wieder von Leuten, die trotzdem durchfallen. Das hat mich sehr eingeschüchtert und mir am Ende auch körperlich zu schaffen gemacht. Ich hatte Kopfschmerzen, ich konnte nichts mehr essen. Es hat dann einen Monat gedauert, bis ich mich zum Abbruch entschlossen habe. Irgendwann habe ich gedacht: Mein Leben lang als Rechtsanwalt Gutachten zu erstellen oder Verträge prüfen - vielleicht doch nicht so mein Ding." 

jetzt.de: Ihr alle habt euer Studium aufgegeben. Aber wieso habt ihr überhaupt eines begonnen, wenn es für euch gar nicht das Richtige war?
Kay: Bei mir war Studieren einfach der normale Weg. Das war eine Erwartungshaltung in meiner Familie: Abitur, Studium, Karriere.
Christina: Bei mir war es der Ehrgeiz, was zu schaffen, was nicht alle schaffen. Und die romantische Vorstellung, als erfolgreiche Rechtsanwältin für das Gute zu kämpfen. Irgendwann kommt dann die Erkenntnis, dass das unrealistisch ist.

Wann kamen die ersten Zweifel?
Kay: Ausschlaggebend war für mich eine mündliche Prüfung in der Abschlussphase, während der ich kollabiert bin. Danach war ich ein halbes Jahr wegen Burn-out krankgeschrieben. Dann dachte ich mir: Ich knie mich gern rein, wenn mir etwas wichtig ist. Mir wurde klar: Das Endzeugnis des Studiums ist ein bedrucktes Stück Papier. Und irgendwann hast du im Beruf einen Punkt erreicht, an dem es vollkommen egal ist, was du studiert hast. Dann zählt nur die Berufserfahrung.
Christina: Nach der ersten Staatsexamensprüfung habe ich zwei Wochen Urlaub gemacht. Danach wollte ich wieder anfangen, und es ging einfach nicht. Ich habe viel mit Freunden und Kollegen geredet, und alle haben mich für verrückt erklärt. Ich wäre ja fast fertig gewesen. Aber niemand konnte mich umstimmen.

Habt ihr euch Rat gesucht, bevor ihr euch zum Abbruch entschlossen habt?
Oliver: Gesucht habe ich ihn eigentlich nicht. Aber ich musste mir viel Rat anhören …
Christina: Ich habe, wie gesagt, mit vielen Leuten gesprochen, auch mit meinem Professor an der Uni. Der hat gesagt, dass ich das doch fertig machen soll, ich hätte ja nichts zu verlieren. Aber ich wollte unbedingt eine klare Entscheidung.
Oliver: Nichts zu verlieren – das stimmt doch nicht. Die Frage ist doch: Quäl ich mich jetzt ein halbes Jahr? Ist es mir das wirklich wert, wenn ich eigentlich der Meinung bin, ich will das nicht?
Kay: Meine Freunde haben mir alle den Vogel gezeigt: Du hast ja nicht mehr viel, zieh das durch. Ich dachte, am kritischsten wird es bei meinen Eltern. Die Vorbereitung auf dieses Gespräch hat Wochen gedauert, und nach fünf Minuten war es gegessen. Die sagten: „Das ist deine Entscheidung, und wenn du glaubst, du packst das, dann mach es.“

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Illustration: Julia Schubert

Kay, 36, hat zuerst ein Ingenieurstudium angefangen. Nach drei Semestern und einer Zivildienstpause hat er dann zu VWL gewechselt. Als Kay 2006 sein Studium abbrach, fehlten ihm noch zwei Prüfungen und die Diplomarbeit.

Hattet ihr anderen auch Angst vor dem Gespräch mit den Eltern?
Christina: Nee. Ich glaube schon, dass meine Eltern enttäuscht waren, aber sie haben ja auch gesehen, dass es nicht geht. Bei meinem Chef hatte ich Angst, also bei dem Professor, an dessen Lehrstuhl ich arbeite. Aber da habe ich mich wahrscheinlich ein bisschen zu wichtig genommen, den hat das nicht so sehr interessiert. Ich hatte auch Angst vor den Reaktionen der anderen Jurastudenten, da haben ein paar gesagt: „Du bist ja voll der Hippie!“
Oliver: Ich glaube, meine Mutter wusste das schon lange, bevor ich es wusste. Klar war sie ein bisschen enttäuscht, aber eigentlich habe ich sie nur vor vollendete Tatsachen gestellt. Ihre Ansage war: „Schade. Aber du machst das schon.“

Habt ihr euch professionell beraten lassen, zum Beispiel bei der Studienberatung oder einem Unipsychologen?
Kay: Nach dem Burn-out hatte ich psychologische Gesprächstherapie. Ich dachte natürlich zunächst: So einen Quatsch brauchst du nicht. Aber das war sehr wertvoll. Ich habe mich in der Zeit erstmals seit Jahren mit mir selbst beschäftigt. Als ich dann wieder einigermaßen fit war, bin ich nicht zurück zum Studium, sondern habe wieder angefangen zu arbeiten. Das hat mich einfach mehr gereizt. Ich habe am Ende des Tages ein Ergebnis gesehen, das ist eine ganz andere Befriedigung.

Habt ihr euch eigentlich exmatrikuliert oder das Studium weiterlaufen lassen?
Christina: Ich bin noch eingeschrieben und habe mich auch für das kommende Semester zurückgemeldet.
Kay: Für mich war es wichtig, zum Hochschulprüfungsamt zu gehen und mich aktiv zu exmatrikulieren. Das war eine skurrile Situation, weil die im System ja sehen, dass man fast fertig ist. Die haben gefragt: „Sind Sie ganz sicher?“

Wie ging es euch, nachdem ihr endgültig gesagt habt: „Ich lass es“?
Oliver:  Großartig!
Kay: Das unterschreibe ich.
Christina: Ich war ein bisschen traurig, weil alles auf einen Schlag vorbei ist. Gleichzeitig war ich sehr erleichtert und hab mich auf das gefreut, was jetzt kommt. Ich hatte sofort mehr Energie, um neue Sachen anzupacken. Ich habe meine ganze Wohnung aufgeräumt und sehr viel weggeschmissen, das hat mir sehr geholfen.
Oliver: Ich hab noch alle Unterlagen vom Studium, irgendwo in einer Kiste. Ich glaube, wenn ich heute nach Hause komme, schmeiß ich die auch weg!

Hat euch das Studium denn auch ohne Abschluss was gebracht?
Oliver:  Ich bereue es überhaupt nicht. Ich habe unglaublich viel gelernt, was ich jetzt brauchen kann.
Christina: Ich hab auch total viel gelernt. Vor allem die juristische Denkweise, das strukturierte Denken. Das kann ich bestimmt noch mal irgendwo gebrauchen. Spätestens wenn ich einen Ehevertrag mache!
Kay: Wenn ich mir einen Bericht der EZB anschauen würde, würde ich manche Sachen verstehen, aber das brauche ich für mein tägliches Dasein eher selten. Du lernst vielleicht, wie man recherchiert, wie man denkt, wie man Sachen strukturiert. Aber inhaltlich hätte mir Kommunikationsdesign oder so was mehr gebracht.

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Illustration: Julia Schubert

Christina, 28, hat gerade ihr Jurastudium nach der ersten Prüfung zum Staatsexamen abgebrochen. Zuvor hat sie schon einen Magister in Anglistik gemacht.

Hattet ihr jemals die Situation, dass euch im Vorstellungsgespräch jemand auf das abgebrochene Studium angesprochen hat?
Christina: Ich hatte bisher zwei Gespräche, und da war’s kein Thema.

Hast du Angst, dass es noch passiert?
Christina: Nein, eigentlich nicht. Ich kann es ja gut begründen: Es hat mich körperlich belastet, und ich habe gemerkt, dass es nicht das Richtige für mich ist. Da sagt der Arbeitgeber vielleicht auch: „Die kann sich wenigstens entscheiden und erkennen, dass etwas doch nichts für sie war.“

Aber es könnte potenzielle Chefs geben, die es kritisch sehen, dass du nicht durchgehalten hast, und es dir als Schwäche auslegen.
Christina: Wenn jemand sagt: „Was für eine Scheiße, warum hast du das gemacht?“, dann würde ich da auch gar nicht arbeiten wollen.

Sprecht ihr über den Studienabbruch offen mit Freunden und Bekannten?
Christina: Wenn ich jemanden auf der Party kennenlerne, dann sage ich noch, dass ich Jura studiere, um das ganze Komplizierte zu vermeiden. Da siehst du jemanden einen Abend lang und musst dem erklären, warum du dein Studium kurz vor Schluss abgebrochen hast …
Oliver:  Dann hast du auf jeden Fall für eine halbe Stunde ein Gesprächsthema!
Christina: Und du hast die nächste Person, die sagt: „Ach komm, mach das doch noch eben fertig!“
Kay: Ich war diesen Monat auf zwei Hochzeiten, und wenn man Leute kennenlernt, kommt eben die Frage: „Was machst du?“ Ich hab gesagt: „Ich mach Sticker.“ Gerade bei den Eltern von Freunden siehst du, dass da eine Schublade aufgeht, und schon bist du drin. Ich finde es mittlerweile auch schön, damit zu spielen, das war aber direkt nach meinem Abbruch nicht ganz so einfach.

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Illustration: Julia Schubert

Oliver, 34, war lange für Informatik eingeschrieben, nach acht relativ zielstrebigen und erfolgreichen Semestern aber hauptsächlich auf dem Papier. Als er nach zwölf Jahren dann abbrach, fehlten noch eine Prüfung und die Diplomarbeit.

Ist es heute gesellschaftlich akzeptiert, wenn man ein Studium abbricht?
Christina: Man wird schon schräg angeguckt. Die Einstellung ist: „Du hast die Möglichkeit, und du nutzt sie nicht? Dir geht’s wohl zu gut!“
Oliver: Das ist ein großes Argument der älteren Generation, denn für die bedeutet der Abschluss einfach Sicherheit. Wenn du keine abgeschlossene Ausbildung hast, dann sagen sie: „Kind, du wirst doch nirgendwo einen Job kriegen!“
Christina: Ich glaube aber, dass das auch bei unserer Generation ein Problem ist, weil man als nicht so durchhaltestark gilt und Schwäche zeigt.
Oliver: Genauso könnte ich aber auch sagen: Ich habe  24 Semester studiert – wer hat so lange durchgehalten? Und: Ich hatte die Stärke, danach abzubrechen.

Ist es denn mutiger, so kurz vor Schluss abzubrechen, als es durchzuziehen?
Christina:  Wenn man das Abbrechen als mutiger bezeichnet, macht man’s sich etwas zu einfach.
Oliver: Aber Mut ist ja nicht unbedingt der Mut zu etwas Klugem! Klar zeugt es von Durchhaltevermögen, wenn man das Studium durchzieht, aber abzubrechen ist definitiv mutiger. Weil man ja nicht genau weiß, was dann kommt. Ich war zum Beispiel nicht mutig genug, solange das für mich nicht finanziell abgesichert war. Vorher wäre es vielleicht auch nicht Mut, sondern Torheit gewesen.
Christina: Vielleicht ist es gerade dann mutig, weil man sich gegen die Gesellschaft stellt. Aber ich bin da jetzt nicht stolz drauf.
Kay: Ich glaube, es kommt wirklich drauf an, mit wem du zu tun hast. Wenn ich bei Veranstaltungen in der Kreativwirtschaft bin, merke ich, dass es da nicht normal ist, wenn du den klassischen Weg gegangen bist. Das ist langweilig, da unterhält sich keiner mit dir.
Christina: Das ist aber auch irgendwie fies, oder?
Kay: Klar ist das fies! Aber auf Unternehmerveranstaltungen ist es dann eben umgekehrt. Da bist du ein Exot und wirst komisch angeguckt. Wenn du außerdem noch erfolgreich bist, ärgern sich die Leute. Aber das ist auch eine Genugtuung.

Text: christian-endt - und nadja-schlueter; Fotos: Fabian Stürtz

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