Angstgegner

Das Staatsexamen treibt Jurastudenten an den Rand ihrer Belastbarkeit. 18 Monate lernen, pausenlos, ohne Zeit für andere Dinge. Geht das überhaupt? Es muss - aber gesund ist das nicht.
charlotte-haunhorst

Den kleinen Knopf drücken zu müssen ist für Sophie das Schlimmste. Der gelbe Kassettenrekorder aus Kindertagen steht vor ihr auf dem Schreibtisch. Sie hat die Wohnung aufgeräumt, Freunde angerufen, das Ganze maximal lange hinausgezögert. Die 24-Jährige weiß bereits, was sie auf der Kassette erwartet. Die letzte Probeklausur war schlecht, Sophie ist durchgefallen. Die Stimme eines Korrektors, eines Menschen, den sie noch nie gesehen hat, wird ihr auf der Kassette ihre Fehler aufzeigen. Zeit, in der sich Sophie mit den eigenen Unzulänglichkeiten konfrontieren muss. Und mit dem einen Gedanken: Wie soll ich das nur bis zum Examen schaffen?



Sophie ist Jurastudentin in Baden-Württemberg, in ein paar Wochen schreibt sie das erste Staatsexamen. Wie alle Personen in diesem Text heißt Sophie eigentlich anders. Keiner will erkannt werden und beim Repetitor oder beim späteren Arbeitgeber als Jammerlappen dastehen. Dabei gibt es jede Menge Grund zum Jammern. Das erste juristische Staatsexamen ist eine der härtesten Prüfungen überhaupt. 18 Monate Lernzeit werden von den meisten Unis dafür angesetzt. Zeit, in der man locker eine komplette Ausbildung absolvieren, die Welt umrunden oder ein Kind bekommen könnte. Knapp 30 Prozent der Examenskandidaten fallen beim ersten Mal durch. Danach gibt es nur noch einen Versuch. Wer auch den nicht besteht, verlässt die Universität ohne Abschluss. Fünf bis sechs Jahre Studium waren dann völlig umsonst.

Die meisten sind froh, wenn sie überhaupt bestehen. Die Ehrgeizigen lernen für das magische „VB“. Die zwei Buchstaben bekommt, wer neun von 18 Punkten erreicht, sie stehen für „vollbefriedigend“ und sind Türöffner für die begehrten Jobs in großen Kanzleien oder für eine Laufbahn in der Justiz. Bewerber ohne das Prädikat „VB“ werden häufig sofort aussortiert. Für Nicht-Juristen klingt das alles nicht so dramatisch: Nur einmal lange lernen, dafür den Rest des Studiums Ruhe. Tolle Jobs mit nur der Hälfte der Punktzahl. Aber nur einmal im Studium Prüfungen zu haben bedeutet auch, dass sich vor diesen entscheidenden Tagen immenser psychischer Druck aufbaut. Und: Schon die Hälfte der Punktzahl ist eine große Leistung. 2010 schafften nur 15,5 Prozent der fast 12 000 Examenskandidaten die „VB“-Marke. Einer Juristenlegende zufolge hat nur der ehemalige bayrische Minister­präsident Edmund Stoiber jemals den Jackpot von 18 Punkten im Examen geknackt. Aber selbst das stimmt wohl nicht – eine unautorisierte Biografie meint Belege dafür gefunden zu haben, dass Stoiber ein Dreier-Jurist ist.

Petra Holler kennt die Situation der Jurastudenten aus ihrer Arbeit bei der psychotherapeutischen Beratungsstelle des Studentenwerks München. Den steigenden Leistungsdruck beobachtet sie mit Besorgnis. „Diese allgemeinen Ängste zu versagen, nicht zu bestehen, haben zugenommen. Bei vielen liegt ein vollkommen überhöhtes Leistungsideal zugrunde, das mit den verfügbaren psychischen, körperlichen, aber auch intellektuellen Ressourcen nicht mehr in Übereinstimmung zu bringen ist“, sagt die Diplom-Psychologin. Sophies Ziel ist das Prädikatsexamen, und das, obwohl sie wegen Praktika und Auslandssemester nur zehn statt 18 Monate Zeit zum Lernen hat. Seit dem Frühjahr 2011 sitzt sie täglich acht bis zehn Stunden in der Bibliothek, Pausen macht sie nur zum Essen und Schlafen. Abends ausgehen? Hobbys? Eltern besuchen? Fehlanzeige. Auch ihr Freundeskreis hat sich verändert: „Außenstehende können nur schwer verstehen, wie man sich so lange aus allen sozialen Aktivitäten ausklinken kann. Ich habe also fast nur noch mit Leuten zu tun, die ich in der Bibliothek sehe“, sagt sie. Die Probeklausuren liefen bisher nur mäßig. Sie macht sich Vorwürfe, die Angst, das Examen nicht zu bestehen, wächst. Sophie quält diese Vorstellung. Sie schläft schlecht, leidet unter Appetitlosigkeit. Als sie die Ergebnisse der letzten Probeklausur abholte, zitterte sie.

Die 24-jährige Maren kennt von ihrer bayrischen Universität auch Examenskandidaten, die sich körperlich schaden. „Sie kiffen oder koksen, um dem Druck standzuhalten. Anderen kann man förmlich beim Abmagern zusehen“, berichtet sie. Wie die meisten ihrer Kommilitonen nimmt auch sie seit geraumer Zeit Koffeintabletten, um den Lernrhythmus durchzuhalten. Ihre Gesundheit hat sich verschlechtert, ständig ist sie krank und fühlt sich schlapp. Eine Auszeit nimmt sie nicht. „Dann bekomme ich sofort ein schlechtes Gewissen und lerne am nächsten Tag doppelt so hart, um das Versäumte wieder aufzuholen“, sagt sie.

Psychologin Petra Holler hat solche Reaktionen schon oft erlebt. Bei Juristen beobachtet sie eine quälende Konkurrenzsituation. „Die Studierenden denken, dass noch mehr Lernen sie besser vorbereiten würde. Dabei sind selbst an einem sehr guten Tag höchstens sechs Stunden Lernen möglich“, sagt Holler. Knapp 1000 Studierende suchten 2011 die Beratung des Studentenwerks auf, so viele wie noch nie. Die Hälfte klagte dabei über studienbedingte Probleme, wie beispielsweise Lampenfieber oder Prüfungsangst. Während Ersteres vor einer wichtigen Prüfung ganz normal ist und vorbeigeht, kann massive Prüfungsangst auch Zeichen einer depressiven Erschöpfungskrise sein. In solchen Fällen ist es besonders wichtig, sich direkt professionelle Hilfe zu suchen. „Allerdings haben Jurastudenten oft die irrationale Angst, dass eine Beratung zu viel Zeit kostet.“ Das Ergebnis: Sie schieben die Sorgen weiter vor sich her und können sich dann im so wichtigen Examen nicht konzentrieren.

Spät am Abend hat Sophie sich schließlich doch noch dazu aufgerafft, ihre Kassette abzuhören. Heute ist der Korrektor ein Mann. Er stellt sich kurz vor, es folgen 20 Minuten Kritik. Viel Lob gibt es dieses Mal nicht. Sophie geht unzufrieden ins Bett, den Wecker stellt sie für morgen noch ein bisschen früher. Damit sie noch mehr lernen kann als heute.

Text: charlotte-haunhorst - Illustration: Joanna Swistowski

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