Ein Ja auf Zeit

Wenn man seinen ersten Job anfängt, kann man sich freuen, man kann es aber auch mit der Angst zu tun bekommen. Unsere Autorin fragt sich, ob sie mit der Entscheidung für diesen einen Arbeitgeber nicht tausend andere Möglichkeiten verspielt. Eine Geschichte übers Entscheiden.
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Als Kind füllte ich gern Steckbriefe in den „Freundebüchern“ meiner Mitschüler aus. Vor allem die Kategorie „Berufswunsch“ bot dabei Anlass zu immer neuen Träumereien: Hinter jedem Begriff, den ich dort eintrug, steckte eine Verheißung, die nichts mit Geldverdienen zu tun hatte, sondern mit der Vorstellung, irgendwann in der Zukunft den lieben langen Tag irgendetwas Nettes zu machen. Diese Option auf viele Berufswünsche hielt ich mir sogar im Studium offen, indem ich mich für ein geisteswissenschaftliches Fach entschied, das die spätere Jobwahl wenig eingrenzte. Das gab mir das Gefühl, ich könne immer noch irgendwohin wechseln. In jedem Semester kam der Moment, in dem ich mich fragte: Hätte ich doch Medizin machen sollen? Oder Psychologie? Oder hätte ich, statt zu studieren, besser eine Ausbildung gemacht? Und jedes Mal schloss sich der Gedanke an: Du bist jung, du kannst noch viel ausprobieren. Dass ein komplettes Medizinstudium wohl keinen Eingang mehr in meinen Lebenslauf finden würde, war mir natürlich klar; aber das Gefühl, mit etwas Anstrengung sei sogar das noch zu schaffen, das blieb.

Heute fühlt es sich ein bisschen so an, als hätte ich in meinem ganzen bisherigen Leben nie herausfinden müssen, was ich will. Ich lebte in der Welpenschutz-Welt der noch Suchenden, in einem „Ich schau mal“-Paradies, in dem ich machen konnte, was ich wollte. Ich liebte es zu betonen, dass mir vieles, was ich tat, keinen Spaß mehr machen würde, wenn ich damit mein Geld verdienen müsste. Das Geld kam aus der elterlichen Studien­unterstützung und aus Nebenjobs, bei denen es egal war, wenn sie mir nicht gefielen oder ich nicht hundertprozentig hineinpasste, da ich mir stets zwei Dinge sagen konnte: erstens, dass ich das nicht mein Leben lang machen würde, und zweitens, dass ich nur die studentische Hilfskraft sei und mir darum die Tatsache, dass ich nicht mein gesamtes Herzblut investierte, verziehen wurde.

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Illustration: Julia Schubert



Und während ich mich nicht entscheiden musste, was ich wollte, ergab sich ein Job – so als habe man mich plötzlich aus der Achterbahn gehoben und auf ein gerades Gleis gesetzt. Da bin ich nun: Vollzeit, fünf Tage die Woche, und mein erstes richtiges Gehalt. Das ist gut, gleichzeitig macht es mir Angst. Erstens, weil mir der Anspruch auf Welpenschutz abgeht. Zweitens, weil das Ja zu diesem Job eine Entscheidung war, die mir eventuell alle anderen Entscheidungen nimmt, bevor ich sie überhaupt getroffen habe. Ich kann nicht mehr so leicht umschulen, weil Berufserfahrung nicht nur ein Plus im Lebenslauf ist, sondern diesen auch einnordet.

Eine Freundin bekam das Angebot, nach ihrem Bachelorstudium als Schwangerschaftsvertretung in einer Firma zu arbeiten. Sie sagte zu. Danach wurde ihr angeboten, den Vertrag befristet zu verlängern. Sie sagte zu. Danach wurde ihr eine Festanstellung angeboten. Sie sagte ab und ging zurück an die Uni. Das kann ich gut verstehen: Solange die Option auf ein Ausscheren besteht, bleibt man gern. Mein Job macht mir Freude, trotzdem bleibt die Angst davor, er könnte mir zu einem Zeitpunkt, an dem ich die Möglichkeit verspielt habe, etwas anderes zu tun, keine Freude mehr machen. Glücklicherweise wirken dieser Angst mein befristeter Vertrag und meine noch anstehende Abschlussarbeit entgegen. Ich würde mich mit meinem ersten richtigen Gehalt gern von der Angst freikaufen, die falsche Entscheidung getroffen zu haben. Von der Angst davor, in zehn Jahren festzustellen, dass man das Falsche gewählt hat, dass man es
getan hat, weil man gut damit zurechtkam und das Gefühl, das daraus erwuchs, mit dem Gefühl verwechselte, es aus tiefstem Herzen zu wollen.

Es wird oft als Problem verstanden, wenn ein Berufseinsteiger sich von Praktikum zu Praktikum, von befristeter Stelle zu befristeter Stelle, von Auftrag zu Auftrag hangeln muss und so nie irgendwo ankommt. Aber ich halte es für das Beste, was mir passieren konnte. Ich möchte gar nicht ankommen, besser gesagt: Ich möchte gar nicht wissen, dass ich angekommen bin. Ich möchte immerzu wissen, dass es bald vorbei ist und ich mich dann vielleicht noch einmal für einen begrenzten Zeitraum dafür entscheiden kann. Ich werde wahrscheinlich niemals den Mut aufbringen oder quälend große Lust haben, etwas ganz anderes anzufangen, ich werde wahrscheinlich lange Freude haben an dem, was ich tue, und ich werde wahrscheinlich jedes Mal zusagen, wenn man mir eine befristete Verlängerung eines schon dreimal verlängerten Vertrags anbietet. Aber ich möchte jedes Mal die Möglichkeit haben, Nein zu sagen. Ich möchte jedes Mal wieder um mein Ja gebeten werden, ein Ja auf Zeit, hinter dem ich stehen kann und dessen lautes Aussprechen mir meine Entscheidung bewusst macht. Und trotzdem garantiert auch das nicht, für immer alle Möglichkeiten zu haben. „Nadja, wenn uns das, was wir tun, irgendwann keinen Spaß mehr macht“, sagte einmal ein Freund, „dann studieren wir doch noch Medizin.“ Aber das Gefühl, dass mit etwas Anstrengung sogar das noch zu schaffen ist, das schwindet so langsam dann doch.



Text: nadja-schlueter - Foto: .marqs / photocase.com

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