Eine Woche warten

Im Studium entscheidet manchmal ein Brief über die Zukunft. Das Warten darauf kann die Hölle sein, sagt Johannes. Hier erzählt er, wie er vom Ergebnis seines ersten juristischen Staatsexamens erfuhr.
charlotte-haunhorst

Montag, 11. Februar In dieser Woche muss der Brief vom Landesprüfungsamt kommen. Zwei Wochen vor den mündlichen Prüfungen, allerspätestens. So steht es zumindest in der Prüfungsordnung, eine spätere Ladung wäre nicht rechtens. Vor vier Monaten habe ich mich zum letzten Mal mit so was auseinandergesetzt. Da waren die schriftlichen Examensprüfungen. Bis Weihnachten bin ich noch recht ruhig geblieben. Mit dem neuen Jahr kommt allerdings die Anspannung. Ich will wieder mit dem Lernen anfangen, für den Fall, dass ich wirklich zur mündlichen Abschlussprüfung zugelassen werde. Klappt aber nicht. Es ist zu schwer, sich zu motivieren, wenn man gar nicht weiß, ob die Prüfung überhaupt stattfindet. In dieser Woche bleibe ich also zu Hause und warte auf die Post. Eigentlich ist mir schon klar, dass heute nichts kommt – keine Behörde verschickt am Wochenende Briefe. Ich behalte recht: Der Briefkasten bleibt leer.

Dienstag Auch heute wieder nichts in der Post. Abends kommt ein Schock: Eine Freundin ruft an und fragt nach meiner Note. Sie selbst hat das Examen schon vor zwei Jahren nach nur sieben Semestern Studium locker bestanden. Ich habe mir zehn Semester Zeit gelassen und finde, dass ich damit noch ganz gut dastehe. Es gibt immerhin auch Leute, die erst nach zwanzig Semestern schreiben. „Ich hab noch nichts bekommen. Wie kommst du drauf?“, frage ich sie. Ich bin nervös und habe Angst, eine wichtige Info verpasst zu haben. Sie erzählt, dass Freundinnen von ihr heute den Brief erhalten hätten. Keine von ihnen hat die Vier-Punkte-Grenze geknackt, an der sich alles entscheidet. Sie sind durchgefallen. Ein Gedanke durchzuckt mich: Vielleicht ist das ja ein gutes Zeichen, und ich habe bestanden? Irgendwer muss schließlich durchkommen. Das Bundesland hat doch kein Interesse daran, dass möglichst viele durchfallen. Das spräche ja nicht gerade für ein faires Examen. Andererseits – vielleicht verstehe ich auch einfach die Denkweise dieser Prüfungsämter nicht. Manche bilden sich ja ein, eine hohe Durchfallquote werte den Abschluss auf. Das Examen im vergangenen Jahr fiel schon katastrophal aus. Wir hatten uns in der Folge Hoffnung gemacht, dass es dieses Jahr leichter wird. War offenbar eine falsche Annahme. Ich lege den Hörer auf und will möglichst schnell meine Kommilitonen fragen, wer schon Post hat. Den Rest des Abends hänge ich am Telefon. Über ein paar Ecken höre ich von weiteren Leuten, die durchgeflogen sind. Andere, wie mein Kumpel Gustav, haben auch noch nichts bekommen. Bestanden hat bisher, soweit ich das überblicke, niemand. Meine Familie will mir am Telefon einreden, dass das doch eigentlich gute Nachrichten sind. Ich versuche, nicht zu optimistisch zu werden. Die Enttäuschung am Ende wäre einfach zu groß.  

Default Bild

Illustration: Julia Schubert



Mittwoch Gustav ruft an. Statt des Postboten ging heute zufällig unser Repetitor an seinem Haus vorbei, er hat ihn abgefangen. Der Repetitor hat uns das vergangene Jahr über auf das Examen vorbereitet. Er sagt, dass es dieses Semester besonders schlecht ausgefallen sei. Viele haben bereits angekündigt, Rechtsmittel einzulegen, er muss das alles bearbeiten. Als Gustav ihm erzählt, dass wir noch nichts bekommen haben, sagt er direkt, wir sollten uns keine falschen Hoffnungen machen. Beim Landesprüfungsamt gingen bisher immer alle Briefe gleichzeitig raus. Das war es dann mit dem Optimismus. Wir haben nun eine neue Theorie: Höhere Semester haben mal gesagt, dass nicht alle Briefe mit der Deutschen Post, sondern manche auch mit privaten Kurieren versandt werden. Vielleicht sind die langsamer? Vielleicht müssen auch die Briefe von denen, die bestanden haben, per Einschreiben verschickt werden — das würde Zeit brauchen. Diese Möglichkeiten führen dazu, dass ich nun auch nachmittags auf den Briefträger warte. Schließlich haben private Unternehmen oft andere Lieferzeiten. Am Ende des Tages ist trotzdem nichts da.

Donnerstag Mein Bett steht in meinem WG-Zimmer direkt am Fenster. Wenn ich daraufstehe, kann ich die Straße drei Stockwerke tiefer perfekt beobachten. Ich stehe den ganzen Tag auf dem Bett und glotze raus. Nur zum Rauchen gehe ich ab und an ins Wohnzimmer. Mein Zigarettenkonsum hat sich in dieser Wartezeit noch einmal stark erhöht. Ich hätte nicht gedacht, dass das möglich sei. Ich muss dringend aufhören, wenn das hier alles vorbei ist. Egal, wie viel ich nach draußen starre, kein Briefträger. Trauen die sich nur ran, wenn man wegschaut? Ab und zu mache ich einen Statusabgleich mit Gustav, der wartet ja genauso wie ich. Er hat mittlerweile versucht, das Prüfungsamt telefonisch zu erreichen. Da hebt nicht mal jemand ab. Die Mittagszeit ist mittlerweile um. Über Gustav höre ich das Gerücht, jemand habe das Amt erreicht. Die behaupten angeblich, alle Briefe seien gleichzeitig rausgeschickt worden. Das hat auch der Repetitor gesagt. Aber dann müsste doch mittlerweile was da sein, oder? Meine Theorien variieren zwischen „Der Brief ging verloren“ und „Vielleicht wurden die Briefe nach dem Alphabet geordnet“. Das ergibt für mich allerdings keinen richtigen Sinn, mein Nachname beginnt mit H. Die werden ja nicht erst den Anfang und dann das Ende des Alphabets verschicken — und sich die Mitte für den Schluss aufheben. Kurzzeitig will ich doch daran glauben, dass es einfach ein gutes Zeichen ist. Aber dann fällt mir wieder der Repetitor ein.

Freitag Ich versuche, möglichst lange zu schlafen, weil ich dann nicht so lange warten muss. Funktioniert tatsächlich auch bis um neun. Danach starre ich wieder raus. Das Telefon klingelt. Es ist Gustav. „Du hast bestanden!“, brüllt er. Ich verstehe gar nichts mehr. Bei ihm war der Briefträger schon (genau in dem Moment, als Gustav nicht aus dem Fenster schaute). Neben den Noten bekam er eine Ladung zur mündlichen Prüfung. Mein Name steht in seiner Prüfungsgruppe. Ich kann es nicht glauben. Ich lege auf, hüpfe durchs Zimmer und zurück auf das Bett, auf dem ich in den vergangenen Tagen immer stand. Rufe meine Familie an, Freunde. Bin krass erleichtert. Darüber verpasse ich, natürlich, den Briefträger. Als ich eine halbe Stunde später rausgehe, liegt was im Kasten. Ich reiße den Umschlag noch auf dem Weg zur Wohnung auf. Meine Noten. Hui, das war knapp. Der Rest ist Freude.

Text: charlotte-haunhorst - Foto: Timmitom / photocase.com

  • teilen
  • schließen