Endlich reich

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Luise, 25, Studentin und Stadträtin

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Illustration: Julia Schubert



Zugegeben, mein Job als Stadträtin ist nicht direkt mein richtiger, erster Beruf, es ist offiziell nur eine ehrenamtliche Tätigkeit, für die man am Ende des Jahres dann eine sogenannte Aufwandsentschädigung bekommt. Ich bin schon seit der Schulzeit politisch recht engagiert, weil das bei uns in der Familie irgendwie so üblich ist.

Mit 18 war ich im Ortsvorstand der Grünen, und mit 20 wurde ich dann in den Stadtrat gewählt. Am Ende meines ersten, kompletten Jahres als Stadträtin bekam ich dann die jährlicheAufwandsentschädigung überwiesen, 3000 Euro, und das war natürlich so auf einen Schlag und mit 21 Jahren unfassbar viel Geld für mich.

Schnell wusste ich, dass ich mir davon als Allererstes etwas zum Anziehen kaufen möchte, irgendetwas Klassisches für offizielle Anlässe. Denn die, wusste ich, würden ja jetzt mehr werden. Ich ging also zum Kaufhaus Konen in München und kaufte mir für 600 Euro dieses kleine Schwarze. Ich habe es gleich ganz stolz zur Weihnachtsfeier des Stadtrats ausgeführt. So richtig oft habe ich es danach dann aber doch nicht mehr getragen, denn irgendwann wurde mir klar, dass ich nicht zu jedem offiziellen Anlass immer wieder dasselbe Kleid anziehen kann. Mittlerweile habe ich also einige Kleider mehr.


Stefan, 29, arbeitet in einer Marketingagentur

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Illustration: Julia Schubert



Dieser schöne, große Fernseher war das Erste, was ich mir damals mit 26 Jahren von meinem ersten richtigen Gehalt gekauft habe. Ich hatte das nicht sehr lange geplant, das war eher so ein zufälliger Spontankauf. Ich stand in einem Elektronikmarkt und dachte: Wieso kaufe ich mir jetzt eigentlich nicht einfach mal einen großen Fernseher, das wäre doch ganz cool.

Ich gucke nämlich sehr gerne Filme – wohlgemerkt: nie Fernsehen, nur Filme! – und habe daher auch viele DVDs. Und da war das eben so ein Luxus, der jetzt auf einmal drin war. Ich habe mich danach aber recht schnell dran gewöhnt, mehr Geld zu haben, die monatlichen Kosten problemlos decken zu können und obendrauf immer noch etwas Spielraum für Dinge übrig zu haben, die ich mir vorher nicht leisten konnte.


Viktoria, 25, Managing Assistant in einer Markenagentur

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Illustration: Julia Schubert



Mein Studium habe ich mir immer durch Nebenjobs und BaföG finanziert. Als ich im April vergangenen Jahres dann endlich mein erstes Gehalt bekam, stand es für mich vor allem für den Beginn einer neuen Etappe: nie wieder Unistress, nie wieder Praktika, nie wieder jobben. Ich habe schon immer gewusst: Von meinem ersten Gehalt will ich mir eine schöne Lederhandtasche leisten. Das klingt vielleicht ein bisschen oberflächlich, aber Wunsch ist Wunsch.

Also habe ich dann tatsächlich in eine Handtasche von Céline, einer französischen Designermarke, investiert. Ich erinnere mich noch genau an den Tag: Ich war in Berlin, habe die Tasche im KaDeWe gesehen und zugeschlagen. In Bordeauxrot sieht man sie nämlich gar nicht mal so häufig. Seitdem trage ich sie sehr oft und gerne. Besonders beim Ausgehen und Reisen hat sie sich aufgrund ihrer Größe schon als ziemlich praktisch erwiesen. Langsam bekommt sie auch eine richtige Patina und wird immer mehr zum Träger vieler Erinnerun-gen – eine Investition fürs Leben, finde ich.


Kilian, 32, Landschaftsarchitekt

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Illustration: Julia Schubert



Von meinem ersten Gehalt in einem Architekturbüro habe ich meine Eltern zum Essen eingeladen. Einfach so, als symbolischer Cut, um „Danke“ zu sagen für die jahrelange Finanzierung und um zu sagen: So Leute, jetzt ist mal Schluss. Ich habe ja neben der Uni eigentlich auch immer gejobbt und mein eigenes Geld verdient, aber sie haben mich trotzdem unterstützt. Und ohne diese Unterstützung wäre meine Studienzeit deutlich stressiger gewesen. Es war ein ziemlich teurer Laden, in den ich sie da ausgeführt habe.

Und erst, als wir das Restaurant gemeinsam betreten hatten, haben meine Eltern, glaube ich, überhaupt geschnallt, dass ich sie hier gerade offiziell ausführe und nicht einfach mal so nebenbei mit ihnen essen gehe. Es gab ein Drei-Gänge-Menü und eine Menge Wein. Nach der dritten Flasche sind sie allerdings eingeschritten und haben gesagt: Jetzt reicht es aber, die Nächste zahlen wir! Das Restaurant gibt es heute nicht mehr, und ich weiß auch gar nicht, ob meine Eltern sich noch so eindrücklich an den Abend erinnern wie ich. Aber für mich war es eine wichtige Geste der Abnabelung.


Mai-Phuong, 26, Softwaretesterin

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Illustration: Julia Schubert



Bevor ich im März dieses Jahres meinen Job als Softwaretesterin bekommen habe, habe ich wirklich am Existenzminimum gewirtschaftet. Noch im Februar habe ich nach Zahlung der Miete von gefühlt 50 Euro gelebt. Als das erste Gehalt dann endlich auf dem Konto war, bin ich zum Uhrmacher gegangen und habe endlich eine alte Uhr reparieren lassen. Sie ist ein altes Familienerbstück, ich habe sie von meiner Tante geschenkt bekommen, die sie einst schon von ihrer Oma geerbt hat. Die Uhr lag schon mehr als zwei Jahre beim Uhrmacher, ich habe sie nach dem Kostenvoranschlag von 100 Euro bis auf Weiteres dort gelassen, weil ich mir die Reparatur nie hatte leisten können.

Umso befriedigender war es, als ich nach all den Monaten endlich sagen konnte: Jetzt aber! Ich merke, dass ich mich schon etwas dran gewöhne, endlich Geld zu haben. Ich lebe einfach viel unbesorgter, kaufe öfter Klamotten, gehe häufiger essen und mit Freunden aus. Das nächste große Ziel ist es, endlich mal wieder in den Urlaub zu fahren. Und zu sparen natürlich, ich muss mich nun natürlich auch endlich mal um eine gute erwachsene Sparstrategie kümmern.

Text: mercedes-lauenstein - Protokolle: Mercedes Lauenstein, Fotos: Juri Gottschall

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