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1. Der Verrückte

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert



So verhält er sich: Der Verrückte ist zum Unglück seiner Untergebenen unberechenbar. Mal gefällt er sich in der Pose des Unruhestifters, mal will er mit seinem brillanten Mutterwitz punkten und wird dabei unverschämt. Aus Routinemeetings macht er im Alleingang unvergessliche Momente der Konzerngeschichte. Wenn dabei mal eine Glastüre zu Bruch geht, dann ficht das diesen Menschen wenig an. Schließlich hat er eines im Überfluss: Selbstbewusstsein. Dass er angesichts seiner geistigen Verfassung überhaupt noch einigermaßen funktioniert, hat er allein seiner kampferprobten Assistentin zu verdanken.

Der übliche Satz: „Wissen Sie, wie sehr mich der Anblick Ihrer grauen Gesichter anödet? Ja? Warum tun Sie dann nichts dagegen?“

So isst er zu Mittag: Da sich der Verrückte nicht ganz zu Unrecht im Lauf der Jahre einen Verfolgungswahn zugelegt hat, beschränkt er sich bei der Nahrungsaufnahme auf luftdicht abgepackte Sandwiches, die er am Rechner sitzend verdrückt, während er sich beinahe erfolgreich davon abzuhalten versucht, seine Lieblingswebsites erotischer Natur abzusurfen.

Warum macht der das? Der Verrückte war nicht immer so. Vermutlich galt er seinen Vorgesetzten eine Zeit lang als grenzwertig ins Geniale spielend, als noch niemand so genau merkte, dass seine Furchtlosigkeit sehr viel mit seinen Wahnzuständen und ganz wenig mit echtem Mut zu tun hat.

Kann man da was machen? Man muss auf die Vernunft der Oberbosse hoffen, denen man durchaus auch mal einen Wink geben kann. Die allergrößte Pflicht bei einem verrückten Chef ist es aber, ihn und seine Anweisungen keinesfalls ernst oder gar anzunehmen und Aufträge immer nur nach Rücksprache mit der zweiten Reihe anzunehmen. Denn die sonst so verhassten Hierarchien im Job haben immerhin einen Vorteil: Sie gleichen eine ganze Weile auch solche Totalausfälle aus. Bis es den Untergebenen zu bunt wird und sie eine Revolution anzetteln.  

Auf der nächsten Seite: der Ehrgeizling




2. Der Ehrgeizling

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert



So verhält er sich: Der Ehrgeizling ist nicht zufällig auf diesen Posten gepurzelt. Es war sein Plan. Er hat in der Mittelstufe das Double Feature Wall Street und American Psycho gesehen und am Tag darauf seinen Schulranzen gegen eine Aktentasche getauscht und sich Hosenträger zugelegt. Er versteht nicht, wie andere Menschen ihr Leben vertändeln, pünktlich Feierabend machen und womöglich einen Betriebsrat gründen wollen – ein Ansinnen, das ihm ähnlich absurd erscheint wie das Konzept des bedingungslosen Grundeinkommens. Er ist um acht Uhr der Erste am Schreibtisch und zwölf Stunden später der Letzte, der vom Pförtner verabschiedet wird. Er bringt unter der Woche volle Leistung, und am Wochenende widmet er sich aktiv seiner attraktiven Frau und den beiden wohlgeratenen Kleinkindern.

Der übliche Satz: „Die gute Nachricht: Die Zahlen sind da, und sie sind im Vergleich zum Vorjahresquartal um das Fünffache gestiegen. Die schlechte Nachricht: Das reicht mir nicht.“

So isst er zu Mittag: Der Ehrgeizling könnte gut ohne Mittagessen auskommen, schließlich hat er seine Diät fast ganz ohne Nebenwirkungen auf Multivitamin-Shakes und Muskelaufbaupräparate umgestellt. Aber Networking ist nicht weniger wichtig als eine ansehnliche Figur, also verabredet er sich täglich mit abteilungsfremden Entscheidungsträgern, die ihm eines Tages nützlich werden könnten. Dazu gibt es dann saisonalen Salat oder eine klare Suppe, das belastet den Körper nicht.

Warum macht der das? Der Ehrgeizling will etwas erreichen, denn das Sein an sich reicht ihm nicht. Dieses „Etwas“ kann er zwar jetzt auch nicht auf Anhieb definieren – aber muss er das denn? Manchmal hat er das Gefühl, einfach schneller zu leben als alle anderen. Und manchmal glaubt er, ihm fehle einfach nur so etwas wie der Sinn seines Lebens. Aber dann nimmt er eine Schlaftablette und vertagt diese fragwürdigen Gedanken auf nach der Rente. 

Kann man da was machen? Selten, aber hin und wieder kommt es zu einer großartigen Verquickung, und der Ehrgeizling stellt sich als guter Chef heraus – als einer, der seine Mitarbeiter motivieren kann und neben seinem eigenen Fortkommen auch das seines Teams im Blick hat. Die große Mehrheit der Chefs mit Ehrgeiz ist allerdings fast ausschließlich an der eigenen Karriere interessiert. Also muss der Angestellte schauen, wo er bleibt – mithilfe exzessiver Eigenwerbung und der gewissenhaften Imitation der Chef-Verhaltensweisen. Wem das zu anstrengend ist, der kann versuchen, sich so lange unauffällig zu verhalten, bis der Ehrgeizling wegbefördert wurde.  

Lachen im Büro? Mit dem witzigen Chef!





3. Der Witzige

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert



So verhält er sich: Der Witzige ist nicht ganz freiwillig Chef geworden und weiß bisweilen immer noch nicht, was er da jetzt soll – an diesem Schreibtisch im Einzelbüro. Lieber bringt er das Betriebsklima auf Temperatur, streift über den Gang und verteilt gute Laune.

Der übliche Satz: Besteht aus einem kommentarlos per Mail gesandten Link auf ein sehr niedliches Babytier-fällt-aus-Versehen-in-Erdloch-Video.

So isst er zu Mittag: Der Witzige mag es am liebsten, wenn was los ist. Also begibt sich die ganze Abteilung im Rudel zu Tisch. Dort wird dann gnadenlos alles kommentiert: die Wahl der Speisen, das Essenstempo, die Kleidung der Kollegen und selbstverständlich auch die aller anderen Kantinenbesucher.

Warum macht der das? Wenn der witzige Chef auf eines keine Lust hat, dann sind das Konflikte. Die hasst er, seitdem seine Eltern ihm die unbeschwerten Schweden-Sommerferien mit ihrem Gestreite versaut haben. Also versucht er, jegliches Konfliktpotenzial im Keim zu ersticken. Seine Waffe dabei sind der nie enden wollende Strom witziger Anekdoten aus seiner Adoleszenz und der unbedingte Wille, die Augen ganz fest vor allem zu verschließen, was nach Ärger aussehen könnte.

 Kann man da was machen? Solange du deine Arbeit machen kannst und die Konfliktvermeidungsstrategie deines Chefs dich nicht daran hindert – muss man da überhaupt etwas machen?  

Der Chef, der nie isst? Der Versager auf der nächsten Seite




 4. Der Versager

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert



So verhält er sich: Der Versager kann keine klaren Ansagen machen, er hat keinerlei Visionen für die Zukunft, und Mitarbeiterführung hält er immer noch für eine Erfindung amerikanischer Businessgurus. Aber nur weil er es nicht kann, heißt das für ihn noch lange nicht, dass er es nicht doch immer wieder von Neuem versuchen wird. Also borgt er sich jeden Monat eine neue Idee von einem seiner Mitarbeiter, verkauft sie als seine eigene und verdreht sie so lange, bis sie vollkommen unbrauchbar geworden ist.  

Der übliche Satz: „Ich will Ideen sehen, wie wir den Karren wieder aus dem Dreck ziehen. Dafür erwarte ich von jedem fünf Lösungsansätze bis 15 Uhr auf meinem Schreibtisch.“

So isst er zu Mittag: Der Versager ist so mit der Rettung seines Hinterns beschäftigt, dass er das Essen immer fast vergisst. Dann schleicht er kurz vor Küchenschluss schnell allein in die Kantine und würgt ein obszön großes Stück Braten in Rekordzeit in sich rein. Ein ausgesprochen trauriger Anblick, wenn man das nötige Mitleid erübrigen könnte. 

Warum macht der das? Der Versager dachte einst, wie 99 Prozent der Deutschen auch, dass Chefsein ja gar so schwer nicht sein kann. Dass es so leicht dann doch nicht ist, merkt er erst, als es schon zu spät ist. Seitdem betreibt er Schadensbegrenzung und die Absicherung der eigenen Existenz. Das strengt ihn so sehr an, dass er sich auf seine eigentliche Arbeit gar nicht mehr konzentrieren kann.  

Kann man da was machen? Der Versager ist der anstrengendste aller Chefs, weil er deine Arbeit boykottiert. Für den Umgang mit ihm musst du auf deinen gesunden Menschenverstand hören: nicht unterkriegen lassen, nichts persönlich nehmen und kündigen, bevor dir das Arbeitsklima die Laune vollends verdirbt.  

Der beste Chef, den man sich wünschen kann. Auf der nächsten Seite




5. Der Ausgleicher

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert



So verhält er sich: Die oberste Maxime des Ausgleicher-Chefs ist, dass nur dort Ideen und Projekte gedeihen können, wo eine fruchtbare Atmosphäre herrscht. Also beschäftigt er sich vornehmlich mit den Launen und Zipperlein seiner Untergebenen, verhandelt nach oben und vermittelt nach unten. Und vergisst bisweilen über all diesen anstrengenden Tätigkeiten, sich auch mal um sich selbst zu kümmern. Wer ihm zuschaut, wie er versucht, in den alltäglichen Mist so etwas wie Sinn und Ordnung zu bringen, der beneidet ihn kaum um den mickrigen Firmenwagen, der ihm als Ausgleich für sorgenbedingte Geheimratsecken zugeteilt wurde. Der Ausgleicher ist ein Menschenfreund, der immer nur das Beste in seinem Mitmenschen vermutet. Und in den meisten Fällen findet er dort auch Gutes. Aber selbstverständlich gibt es immer den einen Deppen, der Freundlichkeit mit Schwäche gleichsetzt und sich auf Kosten des Chefs einen schönen Lenz macht. Und auf diesen Anblick haben wiederum die ebenfalls leidtragenden Kollegen keine Lust, was in der Regel zumindest zeitweise zur Totalverweigerung ganzer Abteilungen führt. Zumindest so lange, bis der Ausgleicher wieder ausgleichend eingreift.

Der übliche Satz: „Ich weiß selbst, dass diese Ansage ein ziemlicher Affront ist, aber die Chefetage will es so. Also lasst uns versuchen, das möglichst schnell und unbeschadet hinter uns zu bringen. Ich weiß, dass wir das schaffen!“

So isst er zu Mittag: Der Ausgleicher arbeitet auch in der Mittagspause. Dann nimmt er sich immer einen direkten Vorgesetzten oder Untergebenen zum Lunch unter vier Augen mit in die Kantine und versucht rauszukriegen, wo der Schuh drückt: Ist es ein privates Problem, das ihn seit Wochen zu spät zur Arbeit kommen lässt? Oder ein beruflicher Rückschlag, der ihn so ungenießbar werden ließ?

Warum macht der das? Der Ausgleicher glaubt an Gerechtigkeit. Und an das Gute im Menschen. Das haben ihm seine Eltern vorgelebt. Er will Gerechtigkeit herstellen und dafür Hierarchien so flach wie möglich gestalten. Dass er dabei immer wieder enttäuscht wird, nimmt er billigend in Kauf. Denn blöd ist er nicht. Nur nett. 

Kann man da was machen? Wer einen Ausgleicher-Chef hat, der sollte sich glücklich schätzen.

Der Text stammt aus dem Heft jetzt Uni&Job, das am Montag, 9. Mai der Süddeutschen Zeitung beiliegt.



Text: christina-waechter - Illustration: Katharina Bitzl

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