Love in Translation

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In meiner Kehle sitzt ein kleiner Horst Schlemmer, der in besonderen Momenten den Hebel ansetzt. Wenn mein Zeh mit dem Türrahmen tauchen übt, entwischt mir deshalb manchmal ein „Boah nä!“ oder auch ein herzhaftes „Wat is dat denn?!“ Seit einem halben Jahr lebe ich in England. Wenn sich meine Porridge-Packung mit einem zufriedenen „Pffscht“ auf britische Schachbrettfliesen entleert, kommentiere ich das auf Ruhrpottdeutsch. Der Mann, der neben mir auf ebendiesen Fliesen steht und sich irritiert an seine Kaffeetasse klammert, kennt weder Horst Schlemmer noch Bottrop: mein Freund. Er spricht kein Deutsch. Und gerade von ihm wünsche ich mir doch, dass er mich bis in die hinterste Pottfaser versteht.

Dialekt ist nur ein kleiner Teil von dem, was in einer Fremdsprache verloren geht: Lieblingsworte oder Humor, Streiten oder Liebesfloskeln, all das funktioniert in einer anderen Sprache anders. Das kann spannend sein, legt aber einen alten Dauerbrenner der Paarkommunikation neu auf: Wir verstehen uns nicht. Sprache ist das Medium, über das sich individuelle und kulturelle Eigenarten begegnen. Kann Liebe zwischen Menschen mit unterschiedlicher Muttersprache dann überhaupt funktionieren? Zunächst ist die Sprachbarriere nicht Quelle von Frust, sondern Teil der Anziehungskraft, erklärt die Sprachwissenschaftlerin Ingrid Piller, die seit zwei Jahrzehnten zu bilingualen Partnerschaften forscht: „Die positiven Stereotypen, die man mit anderen Sprachen und Kulturen verbindet, projiziert man auch auf den Partner. Das kann sicherlich dazu beitragen, dass man sich verliebt.“ Das Klischee, dass Liebe alle Differenzen überbrücken kann, stellt junge Paare in Zeiten von Erasmus, Auslandspraktika und Work and Travel besonders auf die Probe. Dass Liebe zwischen den Welten funktionieren kann, zeigt, dass „sich verstehen“ mehrere Ebenen hat: „Mit der Zeit werden die Kultur- oder Sprachunterschiede immer weniger wichtig, da man sich im Alltag gemeinsam zurechtfinden muss. Dann geht es um gemeinsame Interessen und individuelle Charakteristika“, sagt Ingrid Piller. Wenn die erste Phase grenzdebilen Anschmachtens vorbei ist, machen bilinguale Paare also genau das, was andere Paare auch machen: Sie versuchen, ihre eigene Sprache zu finden. Und zu lernen, dass man sich trotzdem nicht immer versteht. So is dat.

Auf den nächsten Seiten liest du: Protokolle von Paaren mit unterschiedlicher Muttersprache.



ALBERTO, 23 UND GAETAN, 30, ITALIENER UND SCHWEIZER,
LEBEN IN CAMBRIDGE UND SPRECHEN DREI SPRACHEN MITEINANDER.


ALBERTO
Gaetan stammt aus der französischen Schweiz, ich komme aus Italien. Gaetan hat eine Zeit lang in Italien gelebt, ich habe Französisch studiert. Obwohl wir uns in England kennengelernt haben, könnten wir also drei Sprachen sprechen. Es gibt Sätze wie „I love you“, die auf Englisch einfach weniger Bedeutung haben. Mit Italienisch und Französisch können wir vieles auf einer tieferen Ebene ausdrücken. Ich habe definitiv das Gefühl, dass ohne die anderen Sprachen etwas fehlen würde. Wenn ich mit Engländern zusammen war, war ich immer sprachlich unterlegen. Mit Gaetan ist es egal, wenn ich Fehler mache. Wir kennen beide die Schwierigkeiten, aber auch die Vorteile, zwischen mehreren Ländern zu leben, und können uns darüber austauschen. Es ist nicht gerade alltäglich, dass man drei Sprachen teilt. Ich fühle mich ihm dadurch noch mehr verbunden. Man verliert zwar ein Stück, wenn man nicht die gleiche Sprache spricht, aber man gewinnt auch was dazu. Ich finde es schön, weil ich weiß, dass wir am Ende mehr teilen können. Wir haben vielleicht nicht eine Kultur, dafür aber von vielen etwas.



GAETAN
Ich finde es wichtig, dass Alberto und ich uns beide gleich sicher auf Englisch fühlen. Würden wir Französisch oder Italienisch sprechen, dann wäre immer einer im Vorteil. Englisch ist für uns beide eine Fremdsprache, ein neutraler Raum. Im Streit kann das gut sein, man reagiert nicht so überhitzt und denkt mehr nach. Jede Sprache, auch die eigene, schränkt ein. Dadurch, dass wir noch zwei weitere Sprachen sprechen, haben wir viel mehr Möglichkeiten, Dinge auszudrücken und uns zu erklären. Je emotionaler ich werde, desto mehr falle ich ins Französische zurück. Alberto kann mich dann trotzdem verstehen. Ich bin in der Schweiz zwischen verschiedenen Kulturen aufgewachsen und will auf jeden Fall mit jemandem zusammen sein, dem das auch wichtig ist. Das habe ich an Alberto sofort anziehend gefunden. Ich glaube nicht, dass uns die verschiedenen Hintergründe voneinander distanzieren oder ich ihn nicht als ihn selbst erlebe. Ich weiß nicht, ob man seinen Partner überhaupt jemals zu einhundert Prozent kennen kann. Sprache ist nur ein kleiner Teil davon.



KIT, 24, und ISABEL, 25, AUSTRALIER UND DEUTSCHE, WOHNEN ZUSAMMEN IN BRIGHTON UND SPRECHEN ENGLISCH MITEINANDER.


KIT
Isabel und ich haben uns vor vier Jahren auf Reisen in Südamerika kennengelernt. Dass sie aus einem anderen Land kam, fand ich am Anfang auf jeden Fall sehr anziehend.
Sie hatte erst Angst, dass ich sie vielleicht nur mag, weil sie einen süßen Akzent hat. Sie hat es gehasst, dass wir nicht auf Deutsch streiten konnten, weil sie es unfair fand. Mittlerweile ist ihr Englisch aber so gut, dass sie fast immer gewinnt. Ich denke, am Anfang einer Beziehung sieht man sowieso alles rosarot, das richtige Kennenlernen kommt erst später. Die Sprache macht dann weniger Probleme, sondern eher kulturelle Unterschiede. Ich habe nach einiger Zeit angefangen, Deutsch zu lernen. Ich finde es wichtig, dass ich mit ihrer Familie und ihren Freunden kommunizieren kann. Für uns als Paar ist das nicht so wichtig, wir haben Missverständnisse meistens mit Humor überbrückt, daraus sind dann Insider geworden. Zum Beispiel „creaming myself“ für „eincremen“ oder „all the best“ für „alles Gute“ – das hat sie mir am Anfang unserer Beziehung zum Geburtstag auf die Facebook-Wall geschrieben. Auf Englisch heißt das aber eher „auf Nimmerwiedersehen“. Ich dachte, die macht jetzt mit mir Schluss! Mittlerweile kennen wir uns so gut, dass die Sprache eigentlich keine Rolle spielt.



ISABEL
Als Kit und ich uns kennengelernt haben, konnte ich mich auf Englisch noch nicht richtig ausdrücken und kam mir schon manchmal dämlich vor. Ich bin beeindruckt, wie viel Geduld er mit mir hatte. Er lernt gerade Deutsch, und ich bin schnell genervt davon, ihm alles zu erklären. Bei ihm ist es mir trotzdem wichtig. Er soll nicht das Gefühl haben, dass er an meinem Rockzipfel hängt, wenn wir irgendwann in Deutschland leben. Mit jemandem aus einem anderen Land  zusammen zu sein erweitert den Horizont, aber es gibt auch negative Seiten. Wenn wir irgendwann Kinder haben, gibt es da einen Teil, den wir nicht zusammen vermitteln können, das macht mich ein bisschen traurig. Als wir noch eine Fernbeziehung hatten, habe ich ihm über Skype „Ronja Räubertochter“ auf Englisch vorgelesen und er mir englische Kindergeschichten zum Einschlafen. Dass er sich Mühe gibt, meine Kultur zu verstehen, ist wichtig für mich. Ich glaube schon, dass wir auch der Sprachunterschiede wegen viel mehr in die Beziehung investiert haben. Wir mussten uns schon viel mehr aufeinander einlassen. Dadurch würde ich die Beziehung nicht mehr so schnell aufgeben. Es hat eine andere Tiefe. Man muss in jeder Hinsicht genau hinhören.



JASPER, 26, UND LUCIA, 23, DEUTSCH-NIEDERLÄNDER UND DEUTSCHE, STUDIEREN IN LONDON UND OXFORD UND SPRECHEN ENGLISCH UND DEUTSCH MITEINANDER.


JASPER
Mein Vater ist Deutscher, meine Mutter Niederländerin, ich bin in England aufgewachsen. Ein bisschen teilen Lucia und ich also unsere Kultur. Es war beides, das mich an ihr angezogen hat, das Fremde und das Vertraute. Als ich sie während des Studiums in Amsterdam kennengelernt habe, konnte sie schon ziemlich gut Englisch. Mit ausländischen Exfreundinnen hatte ich teilweise sehr große Verständnisprobleme, das hat auch zur Trennung beigetragen. Ich habe am Anfang schon mehr darauf geachtet, wie ich mich ausdrücke. Ich hatte aber immer das Gefühl, dass sie auch auf Englisch sie selbst war. Später hat sie mir gestanden, dass sie mich gar nicht immer verstanden hat. Als ich sie dann zum ersten Mal mit ihren deutschen Freunden gesehen habe, war sie schon anders. Sie hat auf einmal wahnsinnig schnell geredet, das kannte ich auf Englisch gar nicht. Ich denke, man ist generell mit Freunden anders als mit dem Partner.



LUCIA
Dass Jasper und ich uns wenig missverstehen, liegt dran, dass wir generell viel kommunizieren. Ich glaube, mir fällt es leichter, auf Englisch über Beziehungsdinge zu reden, weil ich mehr Abstand zur Sprache habe. Er hatte Angst, dass „Ich liebe dich“ für mich auf Englisch nicht das Gleiche bedeutet. Es ist schon etwas anders, aber mit ihm hat es sich trotzdem total intensiv angefühlt. Ich finde es schön, dass er derjenige ist, der die Sprache komplett beherrscht, und ich von ihm lernen kann. Ich wollte anfangs trotzdem nicht, dass er alle meine Fehler hört. Er fand es total süß und hat manchmal extra nichts gesagt oder Dinge falsch ausgesprochen, damit ich sie beibehalte, zum Beispiel „bisquit“ statt „biskit“. Das wurden dann auch unsere Wörter, unsere eigene Sprache. Manche Dinge sagen wir auf Deutsch, so zum Beispiel „Geborgenheit“, „Vorführeffekt“ oder „Asi“. Man hat eine ganz andere Ebene von Spaß und Kommunikation durch das, was aus den Sprachen entsteht. Es ist eigentlich keine Barriere, sondern eine Bereicherung.

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