Richtungswechsel

Manchmal lenkt das Leben einen auf unerwartete Bahnen. Das muss nicht schlecht sein. Auch auf Umwegen kann man zum Abschluss kommen - und jede Menge dabei lernen.
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Illustration: Julia Schubert



Timo, 33, Architekt.
Während meines ersten Studiums habe ich ziemlich viele Drogen genommen und bin sehr schnell abgerutscht. Irgendwann war ich total kaputt, sah keine Perspektive mehr und habe Tankstellen überfallen. Nach dem dritten Raub hat mich die Polizei geschnappt. Als ich in Handschellen im Auto saß, dachte ich: Das kann es doch nicht gewesen sein. Im Gefängnis habe ich mit meinem Anwalt besprochen, welche Mög-lichkeiten es für mich gibt. Wir haben erwirkt, dass ich in den Maßregelvollzug gehe, mit dem festen Entschluss, alles dafür zu tun, schnell wieder rauszukommen. Ich habe entzogen, jede Therapie mitgemacht und mir überlegt, was ich machen will. Schon nach der Schule wollte ich gern Architektur studieren, bin aber damals durch die Eignungsprüfung gefallen. In der Klinik habe ich viel geübt, Zeichnungen und Skizzen angefertigt. Im Zuge meiner Wiedereingliederung habe ich mein Vorpraktikum gemacht, den Test mit besonderer Eignung bestanden und einen Studienplatz bekommen. Deshalb hat der Richter mich rausgelassen, nach zweieinhalb Jahren, 14 Tage bevor die früheste Entlassung möglich gewesen wäre. Das Studium hat mir unglaublich viel Spaß gemacht. Ich habe als Hilfskraft in einem Architekturbüro gearbeitet, ein eigenes Projekt entwickelt und nach dem Diplom eine Vollzeitstelle bekommen. Jetzt mache ich mich gerade selbstständig. Ich bereue an der Geschichte nichts, denn ohne sie wäre ich ja nicht der, der ich bin. Ich habe vor allem gelernt, demütig zu sein und mich nie über jemand anderen zu stellen. Und auch, dass ein Charaktertyp zu sein wahrscheinlich mehr wert ist als ein Studienabschluss.

Sarah, 27, schreibt gerade ihre Diplomarbeit in Psychologie.
Die ersten acht Schuljahre war ich auf der Waldorfschule, dann auf einer integrativen Gesamtschule. Nach der neunten Klasse bin ich nach Belgien gezogen, war dort auf einem staatlichen Gymnasium und die letzten zwei Jahre auf einem katholischen Gymnasium. Mein Zeugnis in der neunten Klasse hätte in Deutschland nicht für das Gymnasium gereicht, in Belgien kommen aber einfach alle erst mal aufs Gymnasium. Doch die vielen Wechsel waren nicht einfach. Ich hatte immer riesengroße Lücken, die ich nur schwer füllen konnte, weil jede Schule einen anderen Schwerpunkt hatte. Zudem war ich eine ziemlich chaotische Schülerin. Meine Noten waren dementsprechend relativ schlecht. Ich dachte, ich könnte nicht gut lernen, und zweifelte daran, studieren zu können. Also habe ich nach dem Abitur erst mal gejobbt und war im Ausland. Eigentlich hätte mich Psychologie interessiert, mit meinem Abischnitt hätte ich aber keine Chance auf einen Platz gehabt. Ich habe mich dann in Soziologie, Politik und Ethnologie eingeschrieben. Nach den ersten Prüfungen wurde ich selbstsicherer, und nach dem ersten Semester war mir klar, dass ich definitiv Psychologie studieren will. Ich habe an der ZVS vorbei einen Studienplatz an der Uni Luxemburg bekommen. Nach dem Bachelor musste ich mich um einen Masterplatz bewerben, und die waren da noch rar gesät. Letztlich konnte ich in einen auslaufenden Diplomstudiengang wechseln. Es hat sich immer ein bisschen angefühlt, als hätte ich mich reingemogelt. Das ist lange geblieben, und ich hatte das Gefühl, beweisen zu müssen, dass ich da sein darf, wo ich bin. Heute bin ich damit eigentlich ganz entspannt. Ich habe begriffen, dass man sich nicht entmutigen lassen sollte, wenn man aus
irgendeinem Grund nicht ins Schema passt und Umwege gehen muss.

Daniel, 36, Gymnasiallehrer für Deutsch und Latein.
Obwohl ich nach der Grundschule aufs Gymnasium hätte gehen können, wollte ich wie die meisten in meiner Klasse lieber auf die Hauptschule. Am Gymnasium hätte mich niemand unterstützen können - mein Vater ist Maurer, meine Mutter Friseurin -, und ich hatte nicht das Selbstvertrauen, es trotzdem zu versuchen. An der Hauptschule bin ich nicht gut zurechtgekommen, der Umgangston war ziemlich hart. Aber ich war fasziniert von meiner Englischlehrerin, und mir kam die Idee, Lehrer zu werden. Nach der siebten Klasse bin ich an die Realschule gewechselt und wollte dann anschließend das Abitur machen. Aber meine Eltern meinten, es wäre besser, eine Ausbildung zu machen. Also habe ich Verwaltungsfachangestellter gelernt. Ich dachte, ich würde mir meinen Berufswunsch nie erfüllen. Nach der Ausbildung, einem halben Jahr im Job und meinem Zivildienst habe ich an der Berufsoberschule doch noch das Abitur gemacht. Es ist etwas ganz anderes, wenn man sich mit Anfang 20 nochmals für die Schule entscheidet: Man lernt vor allem für sich selbst. Ich wollte mein Wissen noch weiter vergrößern und habe nach dem Abi Latein und Deutsch auf Lehramt studiert. Ich erinnere mich noch genau, wie ich stolz in der U-Bahn saß und dachte, jeder müsse mir ansehen, dass ich jetzt Student bin. Heute bin ich Gymnasiallehrer und überzeugt, den richtigen Weg gegangen zu sein. Obwohl ich meinen Eltern damals wegen der Ausbildung ein wenig böse war, hat sich dieser Umweg als wertvoll erwiesen. Ich konnte leicht mein Studium finanzieren, weil mir die Berufserfahrung bei den Nebenjobs geholfen hat, und heute kann ich als Lehrer in Elterngesprächen am eigenen Beispiel zeigen, dass viele Wege ans Ziel führen.


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Illustration: Julia Schubert


Susanne, 43, Projektleiterin bei Siemens.
Ich habe nach dem Abi Tiermedizin studiert und anschließend promoviert. Fünf Tage nach Abgabe meiner Doktorarbeit sind mein Mann und ich nach Singapur ausgereist, weil er dorthin versetzt wurde. Das war 1997, als gerade die erste Asienkrise, also die dortige Wirtschaftskrise, einsetzte. Ich wollte unbedingt arbeiten, habe jedoch wegen der schlechten Wirtschaftslage keine Stelle gefunden. Also stand ich ohne etwas da und dachte nach einem Jahr, ich würde so langsam durchdrehen. Ich habe entschieden, noch mal zu studieren: Informatik über die Fernuni. Dann kamen meine Tochter und mein erster Sohn zur Welt, wieder in Deutschland der zweite Sohn. Ich habe eineinhalb Jahre Kinderpause gemacht, danach richtig weiterstudiert und 2008 mit Diplom abgeschlossen. Als 40-jährige Absolventin habe ich zu Beginn der Wirtschaftskrise erst einmal nichts gefunden. Das war sehr bitter. Dann habe ich glücklicherweise eine Stelle als Software-Entwicklerin bei Siemens bekommen und bin mittlerweile Projektleiterin. Ich bereue an diesem Werdegang eigentlich nichts. Klar hätten manche Dinge anders laufen sollen, aber neben meinen Kindern hat mich nichts so sehr bereichert wie unsere Zeit in Singapur. Es gibt da immer noch eine gewisse Bitterkeit, dass ich nicht Tierärztin für Großtiere geworden bin, denn das war ja mein Traumberuf. Aber da hast du wegen der Notfälle nie geregelte Arbeitszeiten - das hätte mit Kindern nicht funktioniert. Ich habe gelernt, aus einer ungünstigen Situation etwas Vernünftiges zu machen, und habe mir einen unerschütter-lichen Optimismus angeeignet. Durch das Fernstudium mit drei Kindern habe ich hohe Effizienz, minutiöse Zeitein-teilung und eiserne Disziplin gelernt. Wie viel ein Abschluss am Ende wert ist, hängt meiner Meinung nach viel von Geschlecht und Alter ab. Ich hatte oftmals das Gefühl, dass die Personaler im Lebenslauf „Frau jenseits der 40, drei Kinder“ sehen und dann gar nicht mehr weiterlesen.

David, 30, Hat gerade sein Medizinstudium abgeschlossen.
Je länger ich auf dem Gymnasium war, desto weniger konnten die Schule und ich miteinander anfangen. Nach der zehnten Klasse war mir klar, dass ich nicht bleiben wollte, und ich bin auf die Fachoberschule gewechselt. Das war aber auch nicht mein Ding, und ich habe abgebrochen. Vorher hatte ich schon ein Praktikum in einer Auto- und Radiowerkstatt gemacht, das hat mir gefallen. Darüber bin ich an den Verkauf technischer Geräte und später von Telefonanlagen geraten und habe irgendwann einen Callcenter-Job im gleichen Unternehmen angenommen. Ich habe mich da ganz wohlgefühlt, aber dann wurde dieser Unternehmensteil ausgegliedert. Mein damaliger Chef hat mir seinen Job angeboten. In diesem Moment habe ich gemerkt, dass ich mit 30 in diesem Job alles erreicht haben würde. Darum habe ich stattdessen einen 400-Euro-Job angenommen und in Münster mein Abi nachgeholt. Auf einmal hatte ich Spaß an der Schule, vor allem am Bio-Leistungskurs. Ich wusste ja jetzt, wofür ich mein Abi mache. Hätte ich mich mit 18 dazu gezwungen, wäre es schlecht geworden. Ich habe mit 1,2 abgeschlossen, und ein Freund schlug mir vor, mit ihm Medizin zu studieren. Ich bin dann extrem motiviert ins Studium gegangen und gerade damit fertig geworden. Im Februar habe ich mit dem praktischen Jahr begonnen. Darauf habe ich mich gefreut, denn in Medizin soll das Studium ja laut Approbationsordnung zur Ausübung des Arzt-berufs befähigen - aber so richtig lernt man den Beruf erst nach dem Examen, in der Praxis.

Christian, 36, Programmierer.
Ich habe spinale Muskelatrophie und kam deshalb auf eine Sonderschule für körperbehinderte Menschen. Dort konnte ich nur den Hauptschulabschluss machen, Sonderschulen mit Abitur waren noch extrem selten. Um studieren zu können, wollte ich auf der Handelsschule die mittlere Reife und dann auf dem Wirtschaftsgymnasium das Abitur machen. Aber die Schule wollte mich nicht annehmen - die Lehrer konnten sich nicht vorstellen, mich samt mitgebrachtem Assistenten zu unterrichten. Stattdessen sollte ich auf einer weiteren Sonderschule meine Ausbildung als Bürokaufmann machen - das ist sozusagen die Standardausbildung für körperbehinderte Menschen. Ich habe weitergekämpft, und es gab eine tribunalartige Anhörung vor einem inoffiziellen Entscheidungsgremium. Die zuständige Bezirksregierung hat ein Treffen einberufen, um die Sachlage zu klären. Dabei waren Vertreter der Schule, auf die ich kommen sollte, Vertreter der alten Schule, meine Eltern, Vertreter der Bezirksregierung und ich. Ich habe diese Anhörung gewonnen. Rückblickend ärgert es mich, dass ich für den Besuch einer Regelschule so kämpfen musste. Aber ich habe dadurch auch gelernt, mich für meine Belange einzusetzen. Nach meinem Abitur habe ich an der TU Kaiserslautern Informatik studiert. Da ist man mit meiner Behinderung sehr entspannt umgegangen und hat für Probleme kreative Lösungen gefunden. Der Hochschulabschluss ist für meinen beruflichen Werdegang und auch für mich persönlich enorm wichtig. Programmieren ist meine Leidenschaft.


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Illustration: Julia Schubert


Frithjof, 29, Student der Sozialökonomie.
Ich bin als Jugendlicher mit Ach und Krach der Sonderschule entkommen, habe meinen Realschulabschluss und eine Ausbildung zum Flugzeugbauer gemacht. Anschließend habe ich meine Fachhochschulreife nachgeholt, sodass mir ein Studium an einer FH offenstand. Ich habe aber erst mal meinen Zivi gemacht und hatte anschließend unzählige verschiedene Aushilfsjobs. Dann ein Umzug nach Leipzig: erstes Studium, Maschinenbau. Reinfall! Zurück nach Hamburg: zweites Studium, Wirtschaftsingenieurwesen. Wieder ein Reinfall! Ich hatte nach diesem zweiten abgebrochenen Versuch große Zweifel an meinem Platz in der Gesellschaft. Es folgte ein Quasi-Burn-out in einer Unternehmensberatung. Diesen Job hatte ich gleich-zeitig mit meinem Studium begonnen - Wirtschaftsingenieurwesen passte dazu ideal, und ich war von dem Weg überzeugt und wollte Karriere machen. Die Arbeit war existenziell für mich, denn ich habe keine Unterstützung von meiner Familie bekommen, weil ich einen Weg gegangen bin, der für mich nicht vorbestimmt war. Ich bin damit nicht zurechtgekommen und hatte finanzielle Sorgen. Ich habe dann einen Cut gemacht: den völligen Rückzug nach Tansania auf eine Kaffeefarm. Bei meiner Rückkehr nach Hamburg hatte ich den totalen Kulturschock und musste mich komplett neu orientieren. Ich habe dann eine große Herausforderung angenommen: die Aufnahmeprüfung zur Zulassung zum Studium an der Uni Hamburg ohne allgemeine Hochschulreife. Jetzt studiere ich am Fachbereich Sozialökonomie. Ich bin seit zwei Jahren sehr zufrieden damit, aber es ist kein Zuckerschlecken, weil ich keine Unterstützung bekomme. Ich arbeite drei Tage die Woche und versuche, alles irgendwie unter einen Hut zu kriegen. Ich habe meinen Weg mühsam per trial and error gefunden - und das ist das, was mich stark macht und meinen Werdegang von so manchem „straighten“ Weg zum Akademiker unterscheidet.

Jasmin, 31, Mutter einer 5-jährigen Tochter und Studentin der Kulturwissenschaften an der Fernuni.
Mein Magisterstudium lief schlecht. Ich habe die unangenehmen Seminare vor mir hergeschoben und viel gejobbt. Ich war auch ein bisschen stolz, mein Studium einigermaßen selbst finanzieren zu können. Nur dumm, dass für dieses Studium dadurch immer weniger Zeit blieb. Dann wurde ich schwanger und habe schnell gemerkt, wie unsicher diese Jobs sind. Mein wichtigster Arbeitgeber hat mir gekündigt, und ich konnte plötzlich mein Leben nicht mehr finanzieren. Also habe ich mich exmatrikuliert und eine Alternative gefunden: Während eines Teilzeitstudiums an der Fernuni kann man nämlich Arbeitslosengeld beziehen. Natürlich bin ich dadurch auch verpflichtet, dem Arbeitsmarkt zur Verfügung zu stehen. Das hat meine Studienplanung schon mehrmals durcheinandergebracht. Aber jetzt sieht es endlich so aus, als könne nichts mehr zwischen mich und meinen Bachelor kommen: Im Herbst will ich das Abschlussmodul angehen. Die Entscheidung, das Magisterstudium abzubrechen und ein Fernstudium zu machen, bereue ich nicht. Es gab keine andere Möglichkeit, in meiner Situation doch noch zu einem Hochschulabschluss zu kommen, und ohne den findet man meist nur schlecht
bezahlte Jobs. Aber ich bedaure die Naivität, mit der ich nach der Schule das Studium angegangen bin: Es hätte mir klar sein sollen, dass ein selbst finanziertes Studium kein Ponyhof ist. Dafür habe ich gelernt, geduldig zu sein. Mein Ziel, den Bachelor, werde ich schon noch erreichen, auch wenn sich andere Bereiche meines Lebens häufig nach vorn drängeln. Die Zeit, die ich mit meiner Tochter oder in meinen Jobs verbringe, ist gut angelegt - schließlich lebe ich jetzt und nicht erst mit Bachelor.


Mario, 34, Doktorand.
Ich habe die Hauptschule gerade so mit 4,0 bestanden und dann eine dreijährige Lehre zum Maurer gemacht. Auf den Baustellen war die Arbeit sehr hart, besonders im Winter. Irgendwann ist mir bewusst geworden, dass ich das noch einige Jahrzehnte machen müsste, wenn ich nichts ändere. Viele der Arbeiter waren schon mit 40 Jahren körperlich fertig, das wollte ich auf keinen Fall. Darum habe ich meine mittlere Reife am Berufskolleg nachgeholt - dank guter Noten in nur einem Jahr - und dann das Fachabi in Bautechnik gemacht. Nach dem Zivildienst habe ich an der FH Bauingenieurwesen studiert, acht Semester, weil man dadurch automatisch die allgemeine Hochschulreife bekommt und ich so Mechanik studieren konnte. Allerdings ist mir dabei doch etwas die Lust am Lernen vergangen, weil ich bis zu meinem 27. Lebensjahr eigentlich nur die Schulbank gedrückt habe. Ich habe zwei Semester länger gebraucht, weil ich mich einfach nicht aufraffen konnte. Ich hätte mir vor dem Studium eine Auszeit nehmen müssen. Gerade arbeite ich an meiner Promotion und habe nebenbei noch ein Weiterbildungsstudium zum Patentingenieur gemacht. Ingesamt habe ich gelernt, dass mir eigentlich niemand etwas beibringen kann - nur ich selbst. Der Schulunterricht und die Vorlesungen haben mir nichts gebracht, ich habe mir immer viele Bücher besorgt und Selbststudium betrieben. Vor allem weiß ich jetzt aber auch, dass es sich lohnt, ein paar Jahre hart zu arbeiten und zu lernen, wenn man es dann für den Rest seines Lebens leichter haben möchte.

Text: nadja-schlueter - Illustration: Jenny Mörtsell

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