Verdammt, wie machst du das nur?

Wenn unser Autor ein Bild aufhängt, kann das in einer mittleren Katastrophe enden. Sein Mitbewohner Michi ist ein handwerkliches Genie - und trotzdem neidisch auf ihn. Über zwei gegensätzliche Talente auf 80 Quadratmetern.
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Illustration: Julia Schubert



JAN, 28, IST LINKSHÄNDER. ABER SO WAS VON.

Eine meiner größten Ängste ist der Atomkrieg. Unsere schöne Zivilisation, zurückgeknipst ins Mittelalter! Hätte natürlich zahlreiche unangenehme Folgen, aber eines macht mir dabei am meisten Sorgen: Ich könnte dann keinen Cent Geld mehr verdienen, denn ich habe null Mittelalter-Skills. Ich weiß nicht, wie man ein Feld bestellt oder eine Wunde näht, ich kann kein Dach decken und keinen Stuhl zimmern. Ich verdiene mein Geld damit, verträumt in die Welt zu gucken und mir Gedanken zu machen, die ich dann in Texte gieße. Bräuchte nach einem Atomkrieg kein Mensch. Dann bräuchte man nur noch Menschen wie Michi, meinen Mitbewohner.

Ich habe einen hohen Anspruch an Ästhetik. Ich bemale Wände in Hellgrau, weil dann die Farben der Buchrücken im Regal schöner leuchten. Ich bekomme Kopfschmerzen, wenn eine Gardinenstange schief hängt. Blöd ist nur, dass sich dieser Anspruch paart mit einer extremen Ungeschicktheit, was Handarbeit angeht.

Eines Abends kam Besuch, und ich wollte unsere WG-Küche ein wenig dekorieren. Seit Monaten lehnte dieser rot-weiße Rettungsring an der Wand im Flur, Michi hatte ihn aus Schweden mitgebracht, aber wir hatten ihn aus Faulheit nie aufgehängt. Jetzt also. Ich griff nach Michis Werkzeugkasten. Ich nahm einen Nagel, der so dick wie ein Bleistift war und ungefähr genauso lang. Der würde halten.

Mein Besuch war an jenem Abend ganz begeistert von dem Rettungsring über dem Tisch. Mein Stolz wurde erst später geknickt, als Michi nach Hause kam. Er bat mich unauffällig in sein Zimmer. Dort lagen ein paar Bücher auf dem Boden, überall Staub und zerbröselter Gips. Der Nagel, mit dem ich den Rettungsring aufgehängt hatte – er war auf der anderen Seite der Wand herausgekommen und ragte jetzt in sein Bücherregal. Michi ist das passgenaue Gegenteil von mir: Er ist breitschultrig und muskulös, er ist Ingenieur. Ein Macher. Wenn Michi auf einem Fotoblog ein Fixie-Rad mit einer seltenen Rostlackierung sieht, passiert Folgendes: Zwei Wochen bringt der Paketbote jeden Tag drei kleine Päckchen, mit allen 39 Einzelteilen, die Michi über Ebay bei zwölf verschiedenen Zwischenhändlern zwischen Bozen und Antwerpen gekauft hat. Einen originalgetreuen Stahlrahmen findet er bei einem Trödler, und dann besorgt er sich über dubiose Kanäle Salzsäure, um den Stahl schön rostig zu machen. Vier Wochen und 800 Euro später steht das fertige Fixie in unserem Flur. So einer ist Michi.

Wenn ich ein Fahrrad will, durchsuche ich zwei Nachmittage lang die Ebay-Kleinanzeigen und kaufe dann das Rad, dessen Besitzer als Erster ans Telefon geht und der am nächsten zu meiner Wohnung wohnt. Auch wenn Michi mir noch per SMS schreibt, das Ding sei „für diese japanischen Billigkomponenten viel zu teuer“, er habe da was gehört von einer Lagerauflösung mit schönen original Enik-Rädern irgendwo im Wendland …

Ich will mein Rad fahren, er will seines basteln. Wir sind Yin und Yang, und zwar bei fast allem. Beispiel Essen: Ich koche ungern, aber gar nicht schlecht. Die meisten Gerichte habe ich vor zehn Jahren von meiner Mutter gelernt und koche sie seitdem dankbar und unverändert weiter. Ich weiß genau, wo im Supermarkt die Zutaten dafür stehen – Nahrungsmittel, die ich noch nie verwendet habe, umschiffe ich. Michi hingegen hat in der Küche den Ehrgeiz eines spanischen Entdeckers. An einem Samstagnachmittag kann es vorkommen, dass er mit zwei vollen Tüten vom Großmarkt kommt und dann drei Stunden in der Küche steht, um Coq au Vin zu kochen. Einfach so, für sich selbst, weil er ein neues Rezept ausprobieren will, das angeblich mit besonders wenig Hitze funktioniert. 

Ich habe keinen Bock auf Basteln, ich glaube, das ist es. Ich bin Linkshänder, ich kann nicht mal mit der Schere einen Bogen Geschenkpapier gerade schneiden. Aber natürlich ist es vor allem Desinteresse. Ich habe die Dinge gern schnell fertig und funktionsbereit, ohne mich mit dem genauen Grund für ihre Funktionalität aufzuhalten. Das Zeug soll laufen, damit ich die Zeit habe, über andere Sachen nachzudenken. Das ist für mich Luxus.

Auf der nächsten Seite erklärt Michi seine Leidenschaft fürs Basteln. Und worum er Jan beneidet.




MICHI, 30 IST SCHLOSSER UND DIPLOM-INGENIEUR. UND TÜFTELSÜCHTIG

Manche können das nicht glauben, aber manchmal frage ich mich, wofür man mich eigentlich bezahlt. Dinge anzuschauen und sich zu überlegen, wie sie funktionieren, ist doch keine Herausforderung! Dann sehe ich wieder Leute wie Jan, die einen 20 Zentimeter langen Zimmermannsnagel in eine 15 Zentimeter dicke Wand schlagen, und ahne, dass mein Gehalt doch eine Berechtigung hat.

Egal, was ich sehe, eine Brücke, eine Fernbedienung, eine Anhängerkupplung: Zuerst frage ich mich, wie das funktioniert. Heute zum Beispiel. Ich hab mir so ein überteuertes Designer-Schlüsselbrett aus Holz gekauft. Vorn ist eine tiefe Einkerbung, in die man seine Schlüssel steckt, sodass sie nach unten hängen. Ich hab das Teil gesehen und mich sofort gefragt: Was macht das Ding so teuer? Ist es diese tiefe Kerbung? Haben sie die mit einem Langlochfräser gemacht? Nee, kann nicht sein, dann müsste man an den Seitenrändern einen kleinen Radius sehen, also eine runde Ausbuchtung. Tut man aber nicht. Die müssen das also mit einem Scheibenfräser gemacht haben – also doch überteuert!

Ich glaube, als Ingenieur brauchst du diesen Blick fürs Detail. Ich frage mich ständig, ob ich Dinge wie dieses Schlüsselbrett nicht auch selbst herstellen könnte.

Dieser Drang zu verstehen, wie etwas funktioniert, zieht sich durch alle Bereiche. Ob das der Schaltkreis einer Spülmaschine ist oder die perfekte Schweinebratenkruste. Beim Kochen geht’s mir manchmal wie mit einem der Schlösser, die ich in der Arbeit konstruiere. So eine Kruste ist ja kein Hokus-pokus, sondern das Ergebnis einer klar berechenbaren Kombination aus Fett, Flüssigkeit und Oberhitze. Und wenn du eine Säge vernünftig halten kannst, weißt du eben auch, wie du einen Kohl entkernst oder Kartoffeln schneidest.

Schwierigkeiten habe ich damit, klare Ansagen zu machen. Als Bastler willst du eben immer alles perfekt und fertig machen. Mal irgendwas schriftlich zu fixieren, mit Abgabedatum und Stempel, kommt einem da eher selten in den Sinn. In meiner Küche hab ich mich so verkünstelt, dass ich zwei Wochen in einer Baustelle kochen musste. Neulich war ich in Hamburg auf Montage und wollte unbedingt, dass das funktioniert. Ich hab also eine Nacht durchgeschraubt und trotzdem meinen Rückflug verpasst.

Es gibt aber schon etwas, um das ich Jan beneide. Er kann formulieren. Basteltalent hin oder her: Man muss im Leben doch auch mal Leute um den Finger wickeln, überzeugen, manipulieren. Ich verstehe zwar schnell, wie etwas funktioniert – aber ich kann das nur schwer in Worte packen. Meine Diplomarbeit war ein Horror. Jan als Schreiberling verfügt da über eine Macht, die ich nie hatte. Klar, wenn ein Atomkrieg ausbricht, hat er vielleicht ein Problem, aber das haben wir dann sowieso alle. Und er hat ja keine filigranen Hände, er würde bestimmt einen ordentlichen Handwerker abgeben. Aber klar, er müsste halt wollen.

Text: jan-stremmel - Foto: Schmott

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