War ich auch so?

Erst bist du an der Uni und zuckst die Schultern, wenn sich der Dozent vorn abmüht. Dann kommst du als Dozent wieder und kannst nicht fassen, dass die Studenten die Schultern zucken.
anne-koehler

Vor mir ragt das Uni-Hauptgebäude auf. Seit meinem Diplom vor sechs Jahren bin ich nicht mehr hier gewesen. Damals erschien mir die Uni wie eine beschützende, aber auch eitle Miniaturwelt, abgeschirmt von der „rich­tigen“ Welt. Dass diese mit dem Abschluss eines geisteswissenschaftlichen Studiums nicht rosig aussah, hatte man uns zum Ende der Studienzeit immer häufiger gesagt. Vielleicht sind deshalb einige meiner Kommilitonen direkt an der Uni geblieben, um zu promovieren. Ich wollte raus.

„Draußen“ ging es schnell nicht mehr darum, den perfekten Beruf zu finden, sondern überhaupt eine Arbeit. Begriffe wie Jobcenter, Krankenkasse und Sozialversicherung drängelten sich in den Vordergrund. Die Frei­heit, die ich ungeduldig erwartet hatte, war voller Sorgen. An manchem Abend in meiner karg eingerichteten Einzimmerwohnung ha­be ich mich zurück in den Schutz der Universität gesehnt.

Das Hauptgebäude der Uni wirkt heute weniger erhaben. Es ist Samstag, die Flure sind verlassen. Ich soll ein kulturwissenschaftliches Seminar mit Exkursion nach Berlin leiten. Die Studenten werden Texte zur Stadt verfassen, die wir später gemeinsam redigieren. Ich möchte unterschiedliche Textformate beleuchten: Wie erfasst man einen Ort? Wie beschreibt man Atmosphäre oder ein bestimmtes Phänomen? Wie verknüpft man Einzeltexte zu einer zusammenhängenden Reihe? Zusätzlich der Ortsbezug: Was gibt es in Berlin heute noch zu entdecken?

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Illustration: Julia Schubert



Ich bin ein wenig nervös, aber auch neugierig, welche Charaktere und Ideen mich erwarten. Eine halbe Stunde später sitze ich zwanzig Studenten gegenüber. Im Schnitt sind sie zehn Jahre jünger als ich. Sie duzen mich, was mir ein wohliges Gefühl der Zugehörigkeit verleiht. Thematisch seien sie bei der Gestaltung ihrer Texte frei, sage ich. Egal, ob jemand zur Recherche in ein Architekturbüro möchte oder in eine U-Bahn-Fahrerkabine, ich werde sie bei allem unterstützen. Doch es bleibt still. Ein paar Studenten gucken mich mit großen Augen an, andere aus dem Fenster, einer starrt auf seinen Laptop. Als ich ihn bitte, den Computer zuzuklappen, komme ich mir plötzlich uralt vor. Ich frage ihn, was ihn an dem Seminar und an Berlin reizt. „Gar nichts“, sagt er, „ich habe keine Lust auf das Seminar, und ich hasse Berlin, brauche aber unbedingt den Schein.“

Mein Enthusiasmus verpufft. Vor zehn Jahren hätte ich vielleicht schweigend zwischen ihnen gesessen. Jetzt stehe ich ihnen gegenüber und denke: Wenn ich noch einmal eure Möglichkeiten hätte! Erschrocken schiebe ich den verstaubten Satz weit weg. Wie oft hat man das zu mir gesagt?

Als ich die erste Textaufgabe stelle und den Abgabetermin auf zehn Tage später festlege, sagt einer: „Das ist aber ganz schön knapp.“ Wieder verspüre ich Ärger. So viel Zeit wie jetzt werdet ihr nie wieder haben, denke ich und erinnere mich an die Arbeit in einem Verlag, wo ich einmal zum Feierabend zwei neue Bücher auf den Tisch gelegt bekam und bis zum nächsten Mittag fertige Pressetexte abgeben sollte. Erstaunt über meine Unnachgiebigkeit, antworte ich: „Später könnt ihr auch nicht dauernd Deadlines verschieben. Sonst arbeitet irgendwann keiner mehr mit euch zusammen.“

Ein paar Wochen später stehe ich am Eingang zum ehemaligen Flughafengelände Tempelhofer Freiheit und warte. Ich will den Studenten einen Architekturentwurf für die Neubebauung des riesigen Geländes vorstellen. Kaum einer von ihnen ist pünktlich. Sie rufen an oder schreiben eine SMS, fast eine Stunde dauert es, bis alle da sind. Ein Student kommt gar nicht, dabei sollte er ein Kurzreferat halten. Später erzählt er mir lapidar etwas von einem „unangenehmen Zwischenfall“. Keine Entschuldigung, dass er nicht angerufen hat.

Als die Studenten sich in alle Himmelsrichtungen zerstreut haben auf der Suche nach den Themen für ihre Texte, gehe ich in die Mitte der Tempelhofer Freiheit und bin froh, dass dort alle Menschen weit weg zu sein scheinen. Verhalten sich die Studenten in anderen Seminaren genauso? Oder bin ich einfach zu lasch?

Als nach der Exkursionswoche der Abgabetermin der Textmappe näher rückt, trudeln die ersten Mails ein mit der Bitte um Aufschub. Jeder nennt Gründe, warum er den Termin nicht einhalten kann. Eine Studentin hat die Notizen in Berlin vergessen, und nun hängen sie in der Post fest. Einer ist gerade im Ausland und hat seine Texte zum Arbeiten gar nicht erst mitgenommen. Ein Dritter schreibt, er komme nicht zur Abschlussveranstaltung, weil er auf ein Festival fahre. Als ich diese Mail gelesen habe, schreibe ich allen und bestehe ausnahmslos auf der Einhaltung des Abgabetermins.

Zum letzten Treffen erscheinen etwa zwei Drittel der Seminarteilnehmer. Die Besprechung der Texte kommt in Schwung, es sind einige gute dabei. Als eine Studentin mit zwei Stunden Verspätung auftaucht, ohne sich zu entschuldigen, fällt es mir schwer, das nicht persönlich zu nehmen. Aber ich habe keine Lust mehr, meine Energie durch Wut zu verschwenden. Ich konzentriere mich auf die Studenten, die Engagement zeigen. Schließlich bin ich kein Animateur.

Die Uni ist eine Miniaturwelt, in der die Studenten für die „richtige“ Welt üben und sich rüsten, denke ich. Später im Beruf wird ihnen auch niemand hinterherrennen, damit sie ihre Aufgaben erledigen. Ihre Chefs werden weniger nachsichtig mit ihnen sein – sollten sie das im Seminar gezeigte Verhalten wiederholen, haben sie vielleicht plötzlich wieder sehr viel Zeit. Wie oft hat man mir das gesagt?

Text: anne-koehler - Illustration: Gabriel Holzner

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