Wer bin ich?

Nur wenn du dich selbst okay findest, wirst du zufrieden werden. Eine Kolumne
michalis-pantelouris

Es wird einfacher. Das ist die gute Nachricht. Irgendwann ist die Schulzeit vorbei, und dann wird es einfacher zu sein, wer man ist. Die schlechte Nachricht ist aber auch: Das geschieht nicht automatisch. Man kann etwas dafür tun, und man muss es auch. Der Klassenclown, das stille Mäuschen, der Streber, der Idiot – wenn man lange zusammen ist, zum Beispiel im Jahrgang einer Schule, dann ist es schwer, aus seiner Rolle herauszukommen, wenn man sich in ihr nicht wohlfühlt. Wir sind alle viel abhängiger von dem, was andere über uns denken, als gut für uns ist.

Und wenn dann da am Ende des Tunnels das Licht aufscheint, dass man noch einmal anfangen kann – in einer Umgebung, in der einen keiner kennt –, dann wirkt das wie eine Verheißung. Aber die Wahrheit ist auch: Die meisten von uns werden sich nicht los. Wir haben uns dabei, und wenn wir wollen, dass etwas anders wird, müssen wir es anders machen. Wir rutschen nur zum Teil zufällig oder wegen der anderen in unsere Rollen. Zu einem großen Teil sind wir wegen uns selbst in den jeweiligen Rollen. Es ist kein Geheimnis, warum das so ist, aber wir reden nicht darüber, weil es zum Schmerzhaftesten gehört, das wir kennen. Wir reden nicht darüber, weil wir über etwas reden müssten, woran wir nicht einmal denken wollen: Demütigungen. Denn Demütigungen – oder die Angst vor ihnen – sind heimlich, still und leise zur größten Triebkraft überhaupt geworden. Leider nicht nur in der Schule, sondern auch im Berufsleben. Überhaupt im Leben. Nur als Beispiel: Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass du dir Sorgen über die Zukunft machst und darüber, welchen Beruf du ausüben wirst; ob du überhaupt je einen Job findest, von dem man leben kann. Ob etwas aus dir wird.

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Illustration: Julia Schubert


Dabei wissen wir alle: Verhungern wirst du nicht, weil man in diesem Land nicht verhungert. Du hast ein Grundrecht auf Leben, und Leben heißt in diesem Fall Teilhabe. In der Theorie könntest du es dir auch bequem machen. Aber wir machen es nicht. Wir wollen viel mehr, und das ist gut so. Damit das Ganze hier einen Sinn hat, suchen wir nach mehr. Nach etwas, das uns erfüllt. Das muss nicht Arbeit sein, aber bei den meisten von uns ist es doch so. Wir wollen die Stunden des Tages mit etwas füllen, das uns glücklich macht, und wir haben die Chance, es zu tun. Du, ich, wir alle. Nicht in jeder Minute an jedem Tag, aber grundsätzlich schon. Eigentlich sollten wir mit den Hufen scharren und uns darauf freuen. Aber gleichzeitig haben wir auch Angst, dass es nicht klappt. Nur machen wir uns wenige Gedanken darüber, was eigentlich konkret nicht klappen könnte. Die Angst hat wenig mit Glück zu tun. Sondern diffus damit, „es nicht zu schaffen“, was eigentlich heißt: ein Versager zu sein. (Was auch immer das ist.) Gedemütigt zu sein. Dagegen wappnen wir uns, wenn wir Rollen spielen – gegen etwas, das uns völlig egal sein sollte. Wir alle tun in unseren Jobs Dinge, von denen wir glauben, dass sie sinnlos sind, und wir tun sie nur, weil irgendein Chef oder Kunde gesagt hat, dass wir sie so machen sollen. Es fällt schwer, weil wir uns ein Leben lang so sehr gegen Demütigungen gewappnet haben, dass wir es manchmal schon als eine Demütigung begreifen, wenn jemand unsere Ideen nicht mag, an denen wir lange gearbeitet haben.  Natürlich ist das Quatsch. Irgendeiner ist immer stärker als wir, und irgendeiner ist immer schwächer. Man muss sein Leben nicht mit dem Quatsch anderer Leute vergeuden. Und das tun wir, wenn wir Rollen spielen, in denen wir uns nicht wohlfühlen: Anstatt uns darum zu kümmern, was uns selbst erfüllt, reagieren wir auf das, was andere vielleicht von uns denken. Vielleicht ist der Klassenclown tatsächlich einfach witzig. Aber wahrscheinlich ist er sich vor allem unsicher, ob er auf einem anderen Weg als über Klamauk die Zustimmung bekommt, die er sich wünscht. Dabei ist die wichtigste Zustimmung, die wir kriegen können, unsere eigene. Wenn wir uns okay finden, kann uns niemand mehr demütigen. Dann ist plötzlich tatsächlich alles leichter. Und so soll es sein.

Der Text stammt aus dem Heft jetzt Uni&Job

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