With a little help from my friends

Im Freundeskreis findet man Menschen, die man beneidet. Weil sie die schönsten Wohnungen bekommen, sich nie stressen lassen oder ein spannendes Globetrotterleben führen. Wie machen die das nur?
juliane-frisse

Die Liste an Dingen, die man im eigenen Leben gern mal besser oder überhaupt hinbekommen möchte, ist bei vielen Menschen sehr lang. Bei mir auch. Sie beginnt bei A wie Auslandsaufenthalt (länger als einen Monat) und endet bei W wie Wohnen (schöner). Ich bin in keiner dieser Disziplinen ein Vollversager. Ich halte mich für fähig, ein Visum zu beantragen, und meinen Flur habe ich in einem sanften Türkiston gestrichen, für den ich in schmeichelnder Regelmäßigkeit Komplimente ernte. Aber es gibt Optimierungspotenzial, wahrscheinlich auch noch in Angelegenheiten, die unter X, Y, Z eingeordnet würden.

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Illustration: Julia Schubert



Um zu diesem Schluss zu gelangen, muss ich keine Hollywood-Maßstäbe anlegen – die Messlatte Freundeskreis ist ausreichend: So schön wohnen wie Philipp, mit verwegen, aber gut kombinierten alten Kinosesseln, modernem Schreibtisch und gründerzeitlichem Kleiderschrank! So viel in der Welt herumkommen wie Jan! Stress so entspannt wegstecken wie Patrizia! Dass sie es hinbekommen, macht meinen Wunsch nach Optimierung meines Lebens umso drängender. Denn ich halte meine Freunde zwar allesamt für vorzügliche Menschen, aber sie sind eben auch mit fordernden Jobs oder Studiengängen beschäftigt und mit Cellulite, Waschbärbauch oder Sehschwäche gesegnet, also: stinknormal, ohne unendliches Zeit- und Finanzbudget. Wenn sie das alles können, müsste ich es dann nicht auch schaffen?

Schon klar, das Gras ist auf der anderen Seite des Zauns immer grüner. Diese Erkenntnis lässt das unangenehme Gefühl aber nicht verschwinden. Der Mensch ist kompetitiv veranlagt – und am allerbesten kann er sich mit Leuten aus dem Freundeskreis vergleichen, erklärt mir der Münchner Psychologe Bernd Reuschenbach: „Die Grenzen zwischen Bewunderung und Neid sind fließend.“ Und Neid, den blende man in einer Freundschaft lieber aus. Unterschwellig bestehe aber oft eine Konkurrenzbeziehung, auch zwischen den besten Freunden.  

Könnte man dieses unschöne Gefühl nicht ins Positive wenden? Ich will es versuchen. Ich will meinen Freunden sagen, wofür ich sie bewundere – und offen fragen: Wie machst du das? Wir lernen schließlich nicht nur durch Konditionierung, sodass bei uns wie bei einem pawlowschen Hund der Speichel fließt, wenn ein Glöckchen klingelt. Wir lernen auch am Modell, wie mir die Pädagogikprofessorin Wil­trud Gieseke von der Berliner Humboldt-Universität erklärt: „Durch Abschauen und Nachmachen.“

Als ich meine Bewunderungsattacke starte, bin ich doch etwas besorgt, wie Patrizia, Philipp und die anderen darauf reagieren werden. Was, wenn sie mich von nun an für von Neid zerfressen halten? Oder Angst haben, dass ich sie kopieren will? Tatsächlich reagieren sie sehr geschmeichelt. Manchem war schon bewusst, dass er oder sie etwas besonders gut kann. Andere waren überrascht. Wie mein guter Freund René.

Er ist der galanteste Mensch, den ich kenne, und schafft es, in jeder Situation den richtigen Ton zu treffen. Meine Mutter schwärmt heute noch von dem „charmanten jungen Mann“, seit sie René vor ein paar Jahren kennengelernt hat. Und als wir beide als Hiwis am gleichen Lehrstuhl arbeiteten, gelang es René, mit einem Witz unseren Professor milde zu stimmen, nachdem wir eine uns übertragene Aufgabe immer noch nicht abgeschlossen hatten. René scheint immer genau zu spüren, wie er sich in einer Situation am besten verhält.

Dass das eine besondere Kunst ist, schien ihm selbst nicht klar gewesen zu sein. „Selbst wenn du recht damit hättest, dass ich es schaffe, regelmäßig Souveränität vorzugaukeln – ich weiß ehrlich gesagt nicht, was ich dir raten soll“, sagt er, als ich ihn auf seinen außergewöhn­lichen Takt und seinen Charme anspreche. Pädagogikprofessorin Gieseke wundert das nicht: „Wenn Menschen ein Talent haben oder schon ihr Leben lang auf einem Gebiet gut sind, dann halten sie ihr Talent oft für selbstverständlich.“

Können Freunde denn dann gute Ratgeber sein? Ja – sogar viel bessere als jeder Ratgeber zwischen zwei Buchdeckeln, sagt Gieseke. Sie kennen mein Leben, und wenn sie mir einen Rat geben, können sie ihn auf mich abstimmen. Es macht auch nichts, dass meine Freunde in der Regel keine Profis auf ihrem Gebiet sind, sondern über das ver­fügen, was Experten „Erfahrungswissen“ nennen. Was ihnen besser gelingt als mir und den meisten anderen Menschen, die ich kenne, das haben meine Freunde vom Leben gelernt. Was das heißt, erfahre ich nun: Wie meine Freundin Conny nach der Methode „Versuch und Fehler“ ihren Kleidungsstil fand, indem sie sich als Teenie in sehr seltsamen Kostümierungen auf die Straße begab. Oder wie viel Energie und Mühe sie investieren – und gleichzeitig auf manches verzichten müssen. Jan hat schon viel von der Welt gesehen, doch seine Freundschaften leiden unter seinem Globetrotter-Dasein. Patrizia fühlt sich kaum noch gestresst, muss sich aber zwingen, nicht mehr bei jeder spannenden Aufgabe „Hier! Ich!“ zu schreien.

Freunde können also die allerbesten Lehrer sein. Die Entscheidung, ob man bereit ist, den gleichen Preis wie sie zu zahlen, können sie einem aber nicht abnehmen. Da hilft am Ende nur, nicht auf die anderen, sondern auf sich selbst zu schauen. Den anstrengenden Weg, sich weiterzuentwickeln, den muss man allein gehen. Aber man wird sich wohl seltener verirren, wenn einem die Freunde eine Karte mitgeben, auf der sie Tipps von ihrer Tour notiert haben.

Auf den nächsten Seiten kannst du nachlesen, was Julianes Freunde ihr geraten haben. Als erstes erzählt Marie von ihrem Erfolgsrezept für eine Langzeitbeziehung.



Marie, 29, ist seit 13 Jahren mit ihrer ersten großen Liebe zusammen. Sie und Bernd führen eine glückliche, stabile Beziehung.
„Als Bernd und ich zusammengekommen sind, haben uns meine Freundinnen keine gute Prognose ausgestellt: Bernd war Inline-Skater! Ziemlich uncool, wir standen damals alle auf echte Skater. Natürlich war der Coolness-Faktor nicht entscheidend - und heute ist es sowieso umgekehrt: Bernd arbeitet als DJ, ich bin wissenschaftliche Mitarbeiterin. Andere fragen häufig: Habt ihr nicht das Gefühl, etwas zu verpassen? Ich glaube, dass man im Leben zwangsläufig Dinge verpasst, weil man ständig Entscheidungen treffen muss. Gekriselt hat es bei uns immer dann, wenn wir die Beziehung hintangestellt haben und jeder sich auf seine eigenen Bedürfnisse konzentriert hat: als ich ein Jahr zum Studieren in Frankreich war oder als Bernd für seine Diplomarbeit in Aachen lebte. Die Rücksichtnahme versuchen wir auch im Kleinen zu üben: Wenn Bernd für uns kocht, komme ich nicht allzu spät aus der Uni zurück. Wenn er auflegt, geht er auch mal um drei statt um acht nach Hause."

Das hat mir Marie geraten
- Nicht versuchen, mit jemandem glücklich zu werden, von dem man spürt, dass er nicht wirklich zu einem passt - weil er andere Erwartungen an eine Partnerschaft stellt oder Lebenspläne hat, die mit den eigenen nicht vereinbar sind.
- Mit den Schwächen des Partners nachsichtig umgehen. Sich klarmachen, dass ein neuer Partner vielleicht nicht so chaotisch ist, aber womöglich zu einer ruppigen Art neigt. Man selbst wird schließlich auch nie perfekt sein.
- Der Beziehung Priorität einräumen: Natürlich sollte man nicht alle eigenen Pläne denen des Partners unterordnen. Aber bei manchen Entscheidungen, etwa für oder gegen den Job in einer anderen Stadt, tut es der Beziehung gut, wenn man bereit ist, auch einmal Abstriche zu machen.
- Wenn man in einer Langzeitbeziehung Angst bekommt, etwas zu verpassen, sich fragen: Fühle ich das wirklich - oder denke ich das nur, weil andere Leute meinen, man müsse dieses Gefühl entwickeln?

Wie du die perfekte Wohnung findest, erfährst du auf der nächsten Seite.

Philipp, 28, hat zwar bisher nicht im Palast gewohnt, allerdings schon in vielen schön eingerichteten und stets bezahlbaren Wohnungen.
„Ich bin in einem Architektenhaushalt groß geworden und habe Architektur studiert. Ich habe natürlich nicht zu Schulzeiten angefangen, Designklassiker zu sammeln, aber mich schon immer intensiv mit dem Wohnen beschäftigt. Ich nehme Räume daher wohl anders wahr als viele andere, achte stärker auf Details. Ich weiß, was zu welchem Budget möglich ist, und gebe mich deshalb nicht mit Kompromissen zufrieden, sondern versuche beharrlich, das Beste herauszuholen. In Berlin habe ich das Glück, dass es einen großen Bestand an bezahlbaren, schönen Altbauwohnungen gibt. Wie man die dann einrichtet? Ich würde mir niemals Staubfänger kaufen, die keine Funktion erfüllen. Ansonsten mag ich persönlich Stücke, die eine Geschichte haben: Am liebsten suche ich die bei Ebay. Das auf Flohmärkten notwendige Feilschen liegt mir nicht. Und für die manchmal hoch emotionalen Wohnungsauflösungen muss man hartgesotten sein.“

Das hat mir Philipp geraten
- Wir alle sind kleine Messies und sammeln zu viel Zeug an. Viele schöne Wohnungen kommen deshalb nicht zur Geltung, sondern wirken wie eine Box mit Fenster. Also: Verzichten lernen und auch einst geliebte Möbel wieder abstoßen.  
- Wenn man auf Ebay nach schönen gebrauchten Möbeln sucht, ist es hilfreich, sich ein bisschen mit Designklassikern und -epochen zu befassen: Wer hat diesen Tisch entworfen? Für welche Zeit ist dieser Stuhl typisch?
- Was oft übersehen wird: Raum und Einrichtung müssen harmonieren. Dasselbe Möbelstück wirkt im Neubau völlig anders als im Altbau, in einem großen Zimmer anders als in einem kleinen.  
- Die besten Wohnungen werden unter der Hand verschachert. Deshalb immer intensiv im Freundes- und Bekanntenkreis umhören.
- Bei den Annoncen nicht wie viele andere von schlechten Fotos und hässlicher Einrichtung abschrecken lassen. Möbel bringt man mit, Wände kann man streichen. Entscheidend ist die Substanz der Wohnung.

Du wärst gerne ausgeglichener? Julianes Freundin Patrizia verrät dir wie.


Patrizia, 26, lässt sich nicht stressen - sie ist immer beneidenswert aus-geglichen. Wie das geht, hat sie allerdings schmerzhaft lernen müssen.  
„Als Perfektionistin habe ich früher niemals meine Grenzen akzeptiert: Das Bachelorstudium habe ich durchgepowert, auch die Semesterferien mit Praktika vollgepackt, in denen ich mich voll reingehängt habe. Essen? Kann warten. Schlaf? Brauch ich nicht. Bis ich darüber zusammengebrochen bin. Da ist mir klar geworden, dass Stress nicht nur, aber ganz wesentlich eine Frage der Einstellung ist: Niemand außer mir selbst erwartet, dass ich überall Spitzenleistungen bringe. Sollte ich mal eine Prüfung nicht bestehen, wäre das ärgerlich, aber kein Weltuntergang. Ich habe mich gezwungen, meine Ansprüche runterzuschrauben. Das war nicht einfach, für mich funktioniert es ganz gut mit der Faustregel: 70 Prozent meiner Erwartungen reichen dicke. Auf diese Weise verheize ich mich nicht mehr. Ich mache seitdem - ziemlich klischeehaft - auch fast täglich Yoga, um Stress gar nicht erst aufkommen zu lassen. Kommt er doch, stelle ich mich unter eine Bahnunterführung, während ein Zug durchrauscht, und schreie mir die Anspannung von der Seele. Instant-Stressabbau!“

Das hat mir Patrizia geraten
- Die eigenen Ansprüche ernsthaft hinterfragen. Sich vorstellen, was passiert, wenn man ihnen nicht gerecht wird. Meistens ist das gar nicht so schlimm.  
- Sich nur ein realistisches Arbeitspensum auf-erlegen. Realistisch heißt, es muss möglich sein, regelmäßig eine Pause einzulegen. Und weil man da auch mit den Erwartungen anderer kämpfen muss: Nein sagen lernen und, wenn das nicht geht, um Unterstützung bitten.
- Auch in stressigen Zeiten jeden Tag mindestens eine schöne Aktivität einplanen, sie wie die Ver-pflichtungen in den Terminkalender eintragen und genauso ernst nehmen.
- Niemals auf Kosten der eigenen Gesundheit leben, sondern auf ausreichend Schlaf, regel-mäßige Bewegung und eine ausgewogene Ernährung achten.  
- Sich aber auch keinen übertriebenen Gesundheitsstress machen. Zwei dick bestrichene Nutella-brote und eine Tasse Kaffee sind manchmal gut für die Seele.

Einfach mal den Rucksack packen und die Welt entdecken? Kein Problem für Jan.

Jan, 25, führt ein Globetrotter Leben. Nach Stationen zwischen Tallinn und Toronto ist er im Moment in Berlin - nach seinem Master würde er gern wieder einen neuen Ort entdecken.
„In der elften Klasse ein Auslandsjahr in Lyon, nach dem Abi Freiwilligendienst in Tal-linn, ein Semester in Basel, eins in Toronto - das waren die großen Stationen. Ich habe auch viele kürzere Reisen gemacht, war fast überall in Europa, im Nahen Osten, in Nordafrika, in Russland. Früher wollte ich rumkommen, Freiheit spüren, neue Menschen treffen und alles Neue aufsaugen. Heute möchte ich vor allem im Alltag ankommen: mein Café finden, in dem ich für die Uni lerne, irgendwann das Schlagloch auf meiner täglichen Fahrradroute kennen. Immer wieder woanders neu anzufangen ist toll - so toll, dass es süchtig macht. Nicht nur, weil es Neugier befriedigt. Als Globetrotter bist du für alle der offene, tolerante Kosmopolit, ein Image, in dem man sich nur allzu gern sonnt. Klar bin ich oft kulturellen Unterschieden begegnet, aber ich beobachte an mir nicht, dass es mich toleranter als meine Freunde gemacht hätte. Überhaupt, die Freunde: Auch wenn man mit Skype und E-Mails Kontakte in die ganze Welt pflegt, Beziehungen leiden darunter, wenn man nicht einfach mal spontan vorbeischauen kann.“

Das hat mir Jan geraten
- Die Fremde ist nicht mehr so fremd, wenn man Vertrautes mitnimmt - das kann die Wohlfühlmusik auf dem MP3-Player sein, ein Hobby oder Routinen im Tagesablauf.
- Es ist keine Frage des Geldes, viel von der Welt zu sehen. Gerade wenn man jung ist, gibt es unglaublich viele Fördermöglichkeiten. Wenn man beim Reisen Netzwerke wie Couchsurfing nutzt, bleiben die zusätzlichen Kosten zum Leben daheim überschaubar.
- Sich keinen Druck machen, ins Ausland zu gehen. Wenn man sich zwingen muss, ist es wohl zumindest im Moment nicht das Richtige für
einen selbst. Ein bisschen Aufregung und Angst vor einem Auslandsaufenthalt sind aber normal.
- Sich unterwegs auch erlauben, zur Ruhe zu kommen. Auch am spannendsten Ort der Welt ist es okay, mehrere Tage nur im Hostelzimmer rumzuhängen.

Text: juliane-frisse - Illustration: Joanna Swistowski

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