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Als Nilz klein war, wollte er Schauspieler werden. In einer Kolumne erzählt er, warum das Leben wie ein Einkauf bei Ikea ist.
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Wenn ich zu Ikea fahre, ist es jedes Mal das Gleiche: Ich fahre nur wegen eines Regals hin, nehme am Ende aber noch ganz viel anderes Zeug mit, das auf den Wegen durch die Möbelausstellung um meine Aufmerksamkeit buhlt. Wenn ich über meinen beruflichen Werdegang nachdenke, merke ich: Dieses Prinzip gibt es auch im Arbeitsleben.
Als ich klein war, war es mein größter Wunsch, Schauspieler zu werden. Ich wollte in Filmen mitspielen und mich auf der großen Leinwand sehen. Ich spielte schon in der Grundschule in allen Stücken mit und später an einem „richtigen“ Theater. Ich hatte ein Buch, das die Ausbildung zum Schauspieler erklärte, inklusive eines großen Serviceteils über alle Schauspielschulen in Deutschland und ihre Anforderungen. Das Buch war meine Bibel. Ich habe es abends im Bett so oft durchgeblättert, Seiten markiert und Text unterstrichen, dass es schon fast auseinanderfiel. Mein Weg war klar. Die Schauspielerei war mein Ikea-Regal.

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Illustration: Julia Schubert


Sein oder Nichtsein - das ist und bleibt Nilz' große Frage

Mit 17 kam ich von meinem direkten Weg in Richtung Regalabteilung ab. Ich bog ab zum Fernsehen, wurde Moderator bei Viva, später beim DSF. Moderieren erfordert andere Skills als die Schauspielerei: frei sprechen, mit der Kamera spielen, Interviews führen. Aber meine Erfahrung mit Bühnen und Publikum, die ich in der Schauspielzeit mitgenommen hatte, kam mir dabei zugute.
Nach mehreren Jahren und verschiedenen Sendern brauchte ich wieder einen Schnitt: Immer nur DJ Bobo ansagen oder Surfer interviewen, das konnte nicht alles sein. Den Traum, beim Film zu arbeiten, hatte ich zwar noch, aber ich hatte zu meiner Viva-Zeit hier und da Nebenrollen in Fernsehfilmen spielen dürfen und dabei festgestellt: Ich kann das gar nicht mehr, schauspielern. Und ich wollte nicht mehr, meine Wunschposition hatte sich geändert. Ich wollte die Geschichte erzählen, ich wollte bestimmen, wie sie aussieht. Ich habe kein Abitur, durfte aber trotzdem studieren, weil man an der Filmhochschule auch zugelassen wird, wenn man mehr als dreieinhalb Jahre Berufs-erfahrung in den Medien mitbringt. Die Zeit als Moderator hat sich also noch auf eine an-dere, unvorhergesehene Art gelohnt. Und jetzt hieß das Ikea-Regal, zu dem ich unterwegs war, eben Regie.
Aber, Überraschung, auf dem Weg dorthin wurde ich wieder abgelenkt. Ich entdeckte das Schreiben. Ob es nun Kurzfilmdrehbücher oder Studienarbeiten waren, der Schreibprozess hat mir unglaublich viel Spaß gemacht. Ich begann zu bloggen, hing jede freie Minute an der Tastatur. Menschen wurden darauf aufmerksam, die Texte besser und ich souveräner. Irgendwann wurde ich auch fürs Schreiben bezahlt.
Vom Schauspieler zum Moderator zum Autor - das hätte nie funktioniert, wenn ich auf meinem Werdegang nicht wie bei Ikea auch in den Abteilungen zugegriffen hätte, an denen ich ursprünglich achtlos vorbeigehen wollte. Und wenn ich nicht aus jeder Phase ein paar wichtige Erfahrungen in den neuen Job hinübergerettet hätte.
Ich habe immer irgendein Ziel gehabt. Nur habe ich auf dem Weg zu diesem Ziel immer wieder etwas anderes entdeckt, das ich spannend fand, und es einfach auch noch mitgenommen, obwohl ich das anfangs nie vorgehabt hatte. Wie beim Ikea-Einkauf eben. Nur ohne Köttbullar.

Nilz Bokelberg, 35, wollte lange Zeit unbedingt Schauspieler werden. Daraus wurde zwar nichts, aber sein Drang, sich ausdrücken zu müssen, fand andere Kanäle. Die meiste Zeit schreibt er Texte, in seiner Küche in Berlin.

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