Seid ihr da?

Ein Pro & Contra zum Thema Anwesenheitspflicht in Vorlesungen.
Von Liza Marie Niesmak und Sophie Schriever

Immer wieder wird das Thema Anwesenheitspflicht an Universitäten diskutiert – zuletzt zum Beispiel an der Uni Gießen. Dort müssen die Studierenden sich nun weiterhin in Listen eintragen, um zur Klausur zugelassen zu werden. In Deutschland ist die Anwesenheitspflicht in jedem Bundesland anders geregelt, manchmal sogar von Uni zu Uni. Auch bei uns in der Redaktion gibt es unterschiedliche Meinungen zum Thema.

Collage Jessy Asmus

Unsere Autorin Sophie hat schon besser ihre Zeit verschwendet als in schlechten Vorlesungen. Hier schreibt sie, warum sie gegen eine Anwesenheitspflicht ist:

Ich muss meine Zeit nicht damit verschwenden, in schlechten Vorlesungen auf Treppenstufen zu sitzen.

Zehn Minuten vor Vorlesungsbeginn stolpere ich in den vollgestopften Hörsaal. Während meine Augen sich an das Dämmerlicht gewöhnen, bestätigt sich mein erster Eindruck: Kein einziger Platz ist mehr frei, ich muss also neben den anderen nicht Überpünktlichen eineinhalb Stunden mit meinem Collegeblock auf den Knien auf den Treppenstufen kauern. Unser ganzer Jahrgang belegt die Veranstaltung, allerdings gibt es mehr Studierende als Sitzplätze. Doch die Regel lautet: „Three strikes and you’re out“. Zweimal darf ich pro Semester fehlen. Beim dritten Mal wird mir der Kurs nicht angerechnet.

Wenigstens fallen mir in dieser unbequemen Position nicht die Augen zu, während ich lausche wie der Professor seine Power-Point-Folien Wort für Wort vorliest. Mitzuschreiben brauche ich nicht, die Folien werden später auf einer Online-Plattform hochgeladen. Natürlich werden die Befürworter einer Anwesenheitspflicht nun sagen, dass ein Dozent aus Fleisch und Blut den Stoff weit besser vermitteln kann, als Power-Point-Präsentationen im Netz. Das ist natürlich richtig. Vorausgesetzt der Professor gestaltet seine Vorlesung spannend und anschaulich. Wenn eine Vorlesung einen wirklichen Mehrwert schafft, dann wird sie auch besucht. Wenn der einzige Erkenntnisgewinn außerhalb der Folien aber darin besteht, dass der lehrende Professor Werder-Bremen-Fan ist, dann läuft in der Vorlesung einiges falsch. In dem Fall ist nicht eine Anwesenheitsliste die richtige Lösung, sondern ein Überdenken des Lehrkonzepts. Denn wenn die Hörsäle leer bleiben, sind das Problem nicht die Studierenden sondern die Qualität der Vorlesung.

Im Gegensatz zum Schulunterricht soll das Studium ja meine Entscheidung sein: Ich studiere, was ich will, selbständig und eigenverantwortlich. Dazu gehört auch, dass es meine eigene Aufgabe ist, mich morgens aus dem Bett zu quälen und in die Vorlesung zu setzen. Mir ist schon klar, dass viele Studenten es eben nicht schaffen zu erscheinen, wenn sie nicht dazu gezwungen werden. Aber die Klausurphasenpanik, die nächstes-Semester-fang-ich-früher-an-Erkenntnis und auch die bewusste Entscheidung, ob mich eine Vorlesung überhaupt weiterbringt und wie ich am besten lerne, gehören zum Lernprozess im Studium. Die Erfahrung, eine Klausur so richtig in den Sand zu setzten, weil man nie in der Vorlesung war, lehrt einen vielleicht mehr als die Vorlesung selbst.

Wenn die Uni den Studierenden vermittelt, dass körperliche Anwesenheit schon eine Leistung ist, ist das ein Impuls in die falsche Richtung. Denn unmotivierte Studenten, die in der Reihe hinter mir das letzte Partywochenende besprechen, brauche ich nicht im Hörsaal. Sie bekommen vom Stoff genau so wenig mit, als würden sie einen Kaffee auf dem Campus trinken. Ich aber durchaus weniger.

Am Ende der Vorlesung hat die Anwesenheitsliste es nicht durch den Raum geschafft, zusammen mit dem hinteren Drittel des Hörsaals stehe ich also noch mal in der Schlange, um meinen Namen und meine Matrikelnummer auf dem Papier unterzubringen. Noch ein bisschen mehr Zeit, die ich sinnvoller verbringen könnte. 

Unsere Autorin Liza Marie ist der Meinung, dass sich der innere Schweinehund nur mit einer Anwesenheitspflicht erfolgreich bekämpfen lässt. Hier schreibt sie, warum das so ist:

Die Anwesenheitspflicht erspart uns ziemlich viel Selbstdisziplin, die wir eh nicht besitzen. 

Du als freiheitsliebender Anwesenheitspflicht-Gegner wirst jetzt auf Eigenverantwortung pochen und argumentieren, dass man sich mithilfe von Leselisten, Skripten, Vorlesungen via Live-Stream und überhaupt dem Internet alles selber beibringen kann. Doch machst du das wirklich? Sitzt du wirklich zu Hause und ziehst dir das Uni-Zeug rein, nur weil die Vorlesung zu früh, der Hörsaal zu voll, die Kommilitonin zu geschwätzig oder der Prof ein Taugenichts ist?

 

Ich glaube nicht. Ich glaube zu wissen, dass der Mensch (besonders der junge studentische Mensch) faul ist und aus eigener Erfahrung kann ich bestätigen, dass sich die nächstes-Semester-fang-ich-früher-an-Erkenntnis ganz einfach in den Semesterferien im Mittelmeersand vergraben lässt. Und dass sie meist erst wieder auftaucht, wenn der Kalender bereits die Einträge „Hausarbeit abgeben“ und „Klausurenphase“ meldet. Kurz gesagt: Der Stress kommt ohne Anwesenheitspflicht zwar erst zum Schluss, aber er kommt. 

 

Davon, wie gut selbstständiges lernen funktioniert, kann ich übrigens ein Lied singen. Die Bücher auf meiner Leseliste geraten ähnlich schnell in Vergessenheit, wie die Links, die ich in der „Gespeichert“-Leiste auf Facebook gesichert habe. Schaffe ich es wirklich, mir das Video vom Statistik-Kurs online reinzuziehen, wenn ich noch nicht mal die neue House of Cards-Staffel zu Ende geguckt habe? Nein. Und diese kommentarlosen Powerpoint-Folien, die der Dozent in irgendeinem Forum (wie waren da noch die Zugangsdaten?!) hochgeladen hat, finde ich genauso aufschlussreich wie ein dadaistisches Gedicht.

 

Was eindeutig für die Anwesenheitspflicht spricht: Wer nicht da ist, der bekommt nichts mit. Der weiß nicht, bei welchen Kapiteln er Sticky Notes in die Lernbücher kleben muss, welche Themen in der Klausur drankommen und welche Position der Professor zum Thema xy vertritt.

 

Das Einzige, was hingegen das System „keine Anwesenheitspflicht“ am Leben hält, ist das Schnorrertum: So wie man damals fünf Minuten vor Unterrichtsbeginn Hausaufgaben gegen Kaugummikugeln eintauschte, versucht man sich am Ende eines jeden Semesters in etablierte Lerngruppen einzuzecken, terrorisiert seine Kommilitonen bei Whatsapp mit Fragen nach „Prüfungsrelevantem“ und muss sich einen gewaltigen Biervorrat anlegen, um für Mitschriften zu bezahlen. 

 

Ob die fleißigen Kommilitonen sich dann noch auf ein Bier einlassen, ist wohl mehr als fraglich. Man kennt ja nicht mal ihre Namen.

 

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