Warum halten sich Urban Legends so hartnäckig?

Der Cousin von einem Freund hat ihm erzählt, warum uns bald wahrscheinlich wieder der urbane Humbug erreicht.
Interview: Jan Kawelke
collage urbanlegend
Collage Jessy Asmus

Die Formel ist einfach: ein entfernter Bekannter, eine haarsträubende Story und das verifizierende Todschlagargument: „Der hat mir das ja selbst erzählt“. Egal, ob der Triebtäter an der Tankstelle, Rattenzucht im Restaurant oder der Bombenleger auf der Wiesn – urbane Mythen funktionieren immer nach dem selben Muster und klingen meistens, als käme jeden Augenblick Jonathan Frakes, der Mystik-Onkel aus X-Factor, schlecht synchronisiert hinter einem Kerzenständer hervorgeschlendert. „Etwas ähnliches ist einem Trucker 1997 in South Dakota wiederfahren.“ Aber vermutlich hat sich jeder schon mal dabei erwischt, wie er eine urbane Legende geglaubt oder sogar weitererzählt hat.

Bernd Harder ist Pressesprecher der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP). Der Autor von „Das Lexikon der Großstadtmythen“ kennt die ganze Palette der Best-Of-Bullshit-Stories und bereitet uns schon mal vor, auf das, was da die nächsten Wochen in der Kippenpause vom Kollegen, von der Omma im Kettenbrief oder am Stammtisch erzählt wird. 

jetzt: Herr Harder, wie entstehen urbane Legenden?

Bernd Harder: Beim Sport bekam ich mal einen Ball ins Gesicht, was mir ein schickes Hämatom einbrachte. Eine Arbeitskollegin wollte wissen, was passiert ist. Ich hatte an dem Tag aber keine Zeit, groß was zu erklären, und sagte nichts. Am Abend wusste die ganze Firma, dass ich mich mit dem Freund unserer Sekretärin geprügelt hätte, weil ich schon lange in sie verliebt sei. Ich habe diese Story nie mehr aus der Welt gekriegt. Gerüchte und Urban Legends entstehen dort, wo sich Emotionen ansammeln, aber echte Informationen fehlen. Solche Geschichten entspringen also einer Art gefühlten Wahrheit. Sie sind nicht real, aber sie deuten die Realität, und zwar so, wie man sie selbst gerne glauben möchte.

Was brauchen urbane Mythen, um „erfolgreich“ zu sein?

Am hartnäckigsten verbreiten sich Wandersagen, die an unsere stärksten Emotionen appellieren: Angst, Ekel, Vorurteile. Die Katze in der Mikrowelle zum Beispiel drückt unser Unbehagen gegenüber neuen Technologien aus. Bei den zahllosen Gerüchten über Fast-Food-Restaurants geht es um Massenkultur und Kapitalismus. Anders als Märchen müssen Urban Legends zumindest vorstellbar sein und einen realen Anknüpfungspunkt haben.

Ähnlich ist es ja auch bei der Wiesn-Story. Eine Frau findet ein fremdes Portmonnaie, sie findet den Inhaber und bringt es zurück. Dieser ist Araber und gibt ihr aus Dankbarkeit den Tipp: „Gehen Sie dieses Jahr besser nicht auf die Wiesn. Es könnte etwas Schlimmes passieren“.

Diese Urban Legend begann ihren Siegeszug auf den Weihnachtsmärkten im Winter 2001 – und war damals schon leicht als erzählerische Reaktion auf den 11. September zu entlarven. Die Angst vor dem diffus Bedrohlichen ist seitdem aber nicht geringer geworden, ganz im Gegenteil: Die zahllosen tatsächlichen Ereignisse, Falschmeldungen, Halbwahrheiten, Gerüchte und Verschwörungstheorien um den Terror und dessen Verursacher sind in Gestalt des „dankbaren Arabers“ zu einem langlebigen Phantom geronnen, das unsere Furcht vor dem Unbekannten personifiziert.

Früher waren urbane Legenden unterhaltsam bis gruselig. Heute, in Zeiten von Terror, sind sie eher fahrlässig und gefährlich.

Die Bereitschaft, eine Geschichte blind zu glauben, wenn sie nur gut klingt, ist kein Problem bei den Urban Legends, die man kaum von Witzen abgrenzen kann. Die also nur skurril und unterhaltsam sind. Aber Urban Legends können auch Unheil anrichten, indem sie Vorurteile verstärken oder Verdächtigungen in die Welt setzen. Dafür gibt es ein relativ neues Synonym, nämlich „fiese Sagen“. Unter diesem Label tauchen verstärkt Storys auf, in denen üble Klischees verbreitet werden und Randgruppen ganz schlecht wegkommen. Nicht umsonst gibt es neue Internet-Portale, die nur über Flüchtlingsgerüchte aufklären.

Also entwickeln sich die Themen der urbanen Legenden mit der Gesellschaft. Gibt so sogar so etwas wie Trends?

Neben den Falschmeldungen über Geflüchtete, boomen auch Fehlinformationen im medizinischen Kontext. Aktuell haben wir es zum Beispiel mit zahlreichen Impf-Mythen zu tun, etwa dass Impfen Autismus verursacht oder mit dem Pieks Mikrochips zur Gedankenkontrolle injiziert werden. Der Trend dahinter ist durchaus besorgniserregend. Geglaubt wird zunehmend das, was sich gut anfühlt. „Wahr“ ist das, was wahr sein soll. Das ist wohl eine Reaktion auf die verstörende Komplexität der Welt.

Aber wo unterscheiden sich urbane Legenden dann von Verschwörungstheorien?

Die Erzählweise ist anders. Von einer Verschwörungstheorie sind die Leute meist selbst betroffen, weil sie sich von dunklen Mächten bedroht fühlen, und sie halten das für die reine Wahrheit. Urban Legends gegenüber bewahren wir trotz dem oben Gesagten mehr Distanz. Wir geben ja nur das wieder, was wir vom Schwager des Kumpels eines Arbeitskollegen gehört haben – ohne Gewähr.

Welche Rolle spielen Soziale Netzwerke bei der Verbreitung von Urbanen Legenden?

Gerade ist eine Studie erschienen, nach der mehr als die Hälfte der Twitter- und Facebook-User nur die Überschriften von Artikeln lesen – und sie dann sofort teilen, ohne zu wissen, was da überhaupt drinsteht. Das Internet und Urban Legends ergänzen sich mithin genial: Menschen, die das glauben, was sie glauben wollen, haben jetzt ein Medium, das nur noch die passenden Informationen durchlässt. Das Internet schafft die perfekte Filterblase für Gerüchte und Wandersagen jedweder Art.

Noch  mal zu der Oktoberfest-Story: Warum sollte der Terrorist plötzlich dankbar, fast geläutert sein? Sein blinder Hass auf Menschen verschont eine einzelne Person, weil sie ihm sein Portmonnaie zurückbringt. Die Logik scheint bei solchen Stories zweitrangig. Warum lassen sich doch so viele täuschen?

Wandersagen passieren mehr oder weniger ungefiltert den kritischen Verstand, weil sie sich an eine andere, überlegene Instanz richten: das Gefühl. Wenn wir im GWUP-Blog über Urban Legends schreiben, kommen immer Kommentare von Leuten, die darauf bestehen, dass genau die Geschichte, um die es geht, aber wirklich wahr sei. Das Hinterfragen des eigenen Standpunkts ist nicht sonderlich populär heutzutage.

Außerdem bekommt man Urban Legends häufig von potenziell zuverlässigen, glaubwürdigen Personen im unmittelbaren Umfeld erzählt, die man nicht kritisieren will. Ich selbst habe viele Urban Legends von meinem Fahrlehrer erzählt bekommen, unter andere die Schote, dass ein Führerscheinneuling, der die gerade eben bestandene Prüfung mit einem kräftigen Schluck gefeiert hat, in eine Polizeikontrolle gerät. Der Polizist sieht, dass der neue Führerschein noch nicht unterschrieben ist und reicht dem Fahrer einen Kugelschreiber. Der aber versucht hineinzublasen, woraufhin die Polizei einen Alkoholtest macht und der Lappen gleich wieder weg ist. Natürlich habe ich das geglaubt, wenn ein Fahrlehrer so etwas erzählt. Der muss es doch schließlich wissen.

Weiterer Aspekt: Je öfter man eine Geschichte hört, desto glaubhafter kommt sie einem vor. Und selbst wenn man weiß, dass die Geschichte, die einem gerade erzählt wird, falsch ist – wer gibt schon gerne den Spielverderber, der die Ente auffliegen lässt? Schließlich hat jeder gerne etwas zu erzählen.

Wie kommt es, dass solche Leute darauf bestehen, dass eine Geschichte tatsächlich so passiert ist?

Warum rücken Weltuntergangspropheten nie von ihren Prognosen ab, obwohl sie schon x-mal von der Realität eines Besseren belehrt worden sind? Statt den Irrtum einzugestehen, setzen sie sofort den nächsten Termin an. Das ist die Extremform eines psychologischen Effekts, den man kognitive Dissonanz nennt. Man ändert seine Weltanschauung nicht einfach so von heute auf morgen, sondern sucht nach allen möglichen Gründen, um trotz widersprüchlicher Erkenntnisse daran festhalten zu können.

Da Urban Legends stets einen Kern von Realistik enthalten, gehören sie für viele Leute zu ihrem Bild von Wirklichkeit, das man nur sehr ungern korrigiert. Ich selbst fand zum Beispiel diese Geschichte lange Zeit glaubhaft: Eine Babysitterin ruft übers Handy die Eltern des Kleinen im Theater an und fragt, ob sie die lebensgroße Clownsfigur im Fernsehzimmer wegschieben darf, weil der Anblick so gruselig ist. Natürlich gibt es gar keine Clown-Puppe in dem Haus – nur einen Einbrecher, der sich als Clown maskiert hat. Das hat mich angesprochen, weil ich Clowns noch nie lustig fand. Und hier fand mein Unbehagen die passende Bestätigung.

Was ist ihr "Lieblingsmythos"?

Jedesmal, wenn im Radio „Another Brick in the Wall“ von Pink Floyd läuft, höre ich im Kinderchor-Refrain die Textzeile „Hol ihn, hol ihn unters Dach“ statt „All in all it's just another brick in the wall“. Das ist angeblich eine Geisterstimme, die mit der tragischen Vergangenheit des Tontechnikers zusammenhängt, heißt es in einer Urban Legend dazu. Ich weiß, dass das Quatsch ist. Aber ich höre es trotzdem.

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