Felix Oberholzer-Gee: „Piraterie schadet nicht“

Felix Oberholzer-Gee ist Associate Professor an der Harvard Business School. Dort hat er sich – gemeinsam mit seinem Kollegen Koleman Strumpf von der University of North Carolina – wissenschaftlich mit Online-Tauschbörsen beschäftigt. Dieses Gespräch gehört in die Reihe der Interviews auf der jetzt.de-Zeitungsseite zum Thema "Digitale Musik". Auf der Seite, die am Montag in der Süddeutschen Zeitung erscheint, gibt es ein Gespräch mit dem Rechtsanwalt Till Kreutzer, der die rechtlichen Grundlagen von Musik im Netz erläutert. Außerdem: Gunther Buskies von tapete-records beschreibt den Weg, den sein Label gehen wird. Und Jochen Strube von der TU Darmstadt erklärt, warum 99 Cent für einen Song im Netz zu teuer sind.
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Sie haben die wirtschaftlichen Folgen von Tauschbörsen für die Musikindustrie untersucht . . . . . . als bisher – glaube ich – weltweit einzige Studie, haben wir uns angeschaut: Was tun die Leute eigentlich mit den so genannten Tauschbörsen? Wir haben die Logfiles von Millionen von Downloads untersucht. Daran kann man sehen, wer sich wann einloggt, wonach gesucht wird und was tatsächlich runtergeladen wird. Diese Art von Information haben wir ausgewertet in Bezug auf die Frage: Gibt es einen Zusammenhang zwischen der Häufigkeit, mit der ein bestimmtes Lied bei einer Tauschbörse runtergeladen wurde und mit seinen Verkaufszahlen?

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Illustration: Julia Schubert

Und gibt es einen Zusammenhang? Nein, den gibt es nicht. Wir haben 700 Platten ausgewertet, die in den Billboard-Charts waren. Dabei haben wir bewusst Musik gewählt, die kommerziellen Erfolg hat. Dann haben wir uns angeschaut, ob es irgendeinen Effekt in den Verkaufszahlen gibt, wenn ein Lied sehr oft runtergeladen wird. Und da haben wir zu unserer großen Überraschung festgestellt: Es gibt da überhaupt keinen Zusammenhang. Es ist einfach nicht so, dass die Verkaufszahlen in einer Verbindung dazu stehen, wie populär der Song in einer Tauschbörse ist. Man kann nicht belegen, dass die so genannte Piraterie einen Schaden anrichtet. Haben Sie eine Erklärung, woran die Krise der Musikindustrie stattdessen liegt? Es gibt einfach viel mehr Konkurrenz. Wieviel mehr geben junge Leute heute für DVDs oder Videospiele aus? Diese beiden Bereiche sind groß genug um den Rückgang der Musikkäufe zu erklären. Hinzu kommt der ganze Bereich der Handys und des Mobilfunks. Das gab es früher alles nicht. Und es ist ja nicht so, dass Schüler heute plötzlich viel mehr Geld haben als noch vor vier oder fünf Jahren. Das heißt, wenn die Musikindustrie gegen Nutzer von Tauschbörsen vorgeht, ist das eigentlich nur ein Schattenboxen? Jedes Mal wenn die Industrie gegen die Börsen vorgegangen ist, hat sich die Situation aus ihrer Sicht verschlechtert: Das begann mit Napster. Als Napster dann illegal war, gab es neue Tauschbörse, bei denen man gar nichts mehr über die Nutzer wusste. Vom Unternehmensstandpunkt aus ist das natürlich schlecht, weil man dann keine Werbung mehr schicken, die Leute nicht ermuntern kann, Konzerte zu besuchen und so weiter. All diese Möglichkeiten hat man verloren, weil man die Nutzer der Tauschbörsen immer als Gegner gesehen hat. Dabei sind es potenzielle Kunden. Das ist richtig. Und genau das kann man jetzt bei YouTube sehen. Vom rechtlichen Standpunkt aus gesehen, ist YouTube viel schlimmer als es Napster oder Kazaa je waren. Bei YouTube liegen die Files auf einem Server, man könnte die Leute belangen. Aber niemand käme auf die Idee, YouTube so zu bekämpfen, wie man das mit Napster gemacht hat. Gibt es ein Umdenken? Ich denke schon, das kann man auch historisch sehen. Die Industrie hat sich mit Händen und Füßen gegen die Einführung des Radios gewehrt. Damals hat man gesagt: Wenn man den ganzen Tag Musik hören kann, ohne zu bezahlen, wird niemand mehr Platten kaufen. Natürlich hat sich herausgestellt, dass das Radio das Beste war, was der Industrie je passiert ist. Dann haben sie sich mit Händen und Füßen gegne den Videorekorder gewehrt. Heute kommen 60 bis 70 Prozent der Einnahmen aus dem Video- und DVD-Bereich. Das heißt es gibt eigentlich keine Krise der Musikindustrie? Mit Unterhaltung wird doch nicht weniger Geld verdient als früher. Nur wie man Geld verdient, ist heute ganz anders als vor zehn Jahren. Die Leute kaufen nur noch einzelne Songs und nicht mehr das ganze Album. Aber dafür sind sie an T-Shirts und Konzerten interessiert. Deshalb sind die Ticket-Preise doch so hoch: Oder nehmen Sie Apple: Kennen Sie jemanden, der sich 10 000 Lieder kauft? Natürlich nicht. Trotzdem gibt es ein Produkt - den iPod - mit dem man 10 000 Lieder speichern kann. Apple ist eine der Firmen, die Millionen von Dollar verdient, weil es Tauschbörsen gibt. Nur die Plattenfirmen haben bisher keinen Weg gefunden, darauf angemessen zu reagieren. Weil es so kompliziert ist? Was befähigt Leute wie Jay-Z, einen großen Musikkonzern wie Def Jam zu führen? Oder was befähigt Tom Cruise, United Artist zu leiten? Man glaubt, weil sie erfolgreiche Künstler sind, hätten sie irgendeinen Einblick in die Präferenzen des Publikums. Die Unternhemen der Unterhaltungsindustrie werden oft von Leuten geleitet, die irgendwann vor zwanzig Jahren mal eine berühmte Band entdeckt haben: Das sind keine Geschäftsleute wie zum Beispiel bei Apple. Deshalb tun sie sich so schwer mit den Veränderungen und wissen sich oft nicht anders zu helfen, als nach Anwälten zu rufen.

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Illustration: Julia Schubert

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