Geschenke gegen Tauschbörsen: Warum die französische Musikkarte kontraproduktiv ist

Die französische Regierung schlägt jungen Netznutzern einen Deal vor, um Urheberrechtsverletzungen einzudämmen. Profitieren werden davon aber keineswegs Künstler oder Bands - sondern in erster Linie ohnehin schon erfolgreiche Medienunternehmen
dirk-vongehlen

Bei Apple wird man sich freuen. Der Konzern, der am stärksten profitiert von der Krise der Musikindustrie, wird auch der größte Nutznießer eines Programms sein, das in dieser Woche in Frankreich gestartet wurde. Mit der so genannten Musikkarte will der französische Kulturminister Frédéric Mitterrand junge Franzosen im Alter von 12 bis 25 Jahren davon überzeugen, ihre Musik künftig doch bei iTunes (und ein paar anderen Anbietern) zu kaufen. Der Minister schlägt der Netzjugend dabei einen Deal vor, den man auch auf Seiten wie Groupon oder DailyDeal finden könnte, die derzeit als das nächste große Ding im Internet gelten: Kaufe für 50 Euro Musik, zahle aber nur 25 Euro. Die Deal-Seiten machen solche Angebote, um Firmen wie Apple neue Kunden zuzuführen. Minister Mitterand hingegen lässt sich bei diesem Deal nicht von Apple (oder anderen Anbietern) bezahlen, er investiert im Gegenteil selber: 50 Millionen Euro soll die Musikkarte den französischen Staat in den nächsten zwei Jahren kosten. 50 Millionen Euro für Apple&Co um ein Ziel zu erreichen: jungen Franzosen die Tauschbörsen-Nutzung abzugewöhnen.

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Illustration: Julia Schubert

Die Musikkarte ist der Zuckerbrot-Teil der Peitschen-Strategie, mit der die konservative französische Regierung die Herausforderung Digitalisierung annehmen möchte (siehe dazu auch Godard unterstützt Downloader). Auf Anregung des Medienmanagers Denis Olivennes hatte die Regierung Sarkozy beschlossen, Urheberrechtsverletzungen im Internet hart zu bestrafen und Downloadern sogar den Zugang zum Web zu sperren. Dafür wurde die so genannten Hadopi-Behörde gegründet, die in diesem Herbst ihre Arbeit aufgenommen hat und seitdem versucht, Menschen zu verfolgen, die urheberrechtlich geschützte Werke aus dem Netz laden. Die Öffentlichkeit reagiert mit heftiger Kritik, mit geschickten Umgehungsstrategien und mit einer starken digitalen Bürgerrechtsbewegung. Mit der in dieser Woche gestarteten Musikkarte will Mitterand nun vordergründig auf die Netznutzer zugehen. Er bietet ihnen einen Deal an, von dem sie scheinbar profitieren. Er schenkt ihnen Musik im Wert von 25 Euro. Doch genau hier liegt das Hauptargument gegen diesen fragwürdigen Deal (neben der Frage, warum eigentlich echte Plattenläden ausgenommen sind von diesem Geschenk). Denn nicht die Nutzer profitieren von den insgesamt 50 Millionen Euro aus der Staatskasse, sondern diejenigen Shop-Anbieter, die online Musik verkaufen. Neben Apple ist das in Frankreich vor allem die Multimedienkette Fnac. Deren Präsident hieß übrigens bis vor kurzem Denis Olivennes. Dann übernahm er den Job, für Sarkozys Regierung Konzepte im Umgang mit der Digitalisierung zu entwickeln, deren jüngste Umsetzung die Musikkarte ist. Politisches Ziel dieser Karte ist die Bekämpfung der Piraterie im Netz. Sie soll helfen, Kunst und Kultur und deren (bisherige) Finanzierungsmodelle zu schützen. In Wahrheit werden Bands, Musiker und Künstler aber höchstens indirekt von den 50 Millionen Euro profitieren. Denn diese gehen zunächst an die ehemaligen Kollegen von Herrn Olivennes. Wieviel die dann an die über sie vermarkteten Künstler weiterreichen, wird durchaus kritisch diskutiert. Man will sich gar nicht ausmalen, was der Kulturminister alles hätte erreichen können, hätte er die 50 Millionen Euro nicht in die Musikkarte investiert, sondern in die Förderung neuer Modelle: Die so genannte Kulturflatrate ist dabei das bekannteste Beispiel für ein neues Denken. Dabei zahlt der Nutzer einen etwas höheren Betrag für den Netzzugang monatlich pauschal an seinen Provider, der dann an die Künstler und Musiker weitergegeben wird. In einem Interview sprach Volker Grasmuck von beispielsweise fünf Euro im Monat, die "die Provider an die Verwertungsgesellschaften weitergeben. Die schütten die Einnahmen an die Urheber aus. Jeder würde das Gleiche bezahlen, aber die Urheber würden nach der Zahl der Downloads entlohnt, die man, anders als bei Kopiermedien, technisch erfassen kann." Mit 50 Millionen Euro Minister-Unterstützung hätte man nicht nur ein Vorbild-Modell für die Kulturflatrate schaffen können, man hätte sogar den Zugang zu dieser Pauschale für alle 12- bis 25-jährigen Franzosen zahlen können. Das wäre mit Sicherheit besser gewesen als das Geld zur Unterstützung von Apple&Co zu verwenden. Mehr zum Thema Filesharing und Download in der Übersicht Urheberrecht auf jetzt.de: Dort unter anderem auch ein Interview mit amerikanischen Rechtsprofessor Lawrence Lessig, der mit den so genannte Creative-Commons-Lizenzen ebenfalls neue Wege geht.

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