Sie haben George W. Bush an 9/11 ein Buch vorgelesen

Als er die Nachricht von den Terroranschlägen bekam. Chantal und Mariah erinnern sich an den historischen Moment.
Von Nadja Schlüter

Mariah (l.) und Chantal heute – und als Zweitklässlerinnen im Jahr 2001. Das Bild entstand am 11. September bei George W. Bushs Besuch in der Grundschule.

Fotos: oH; Collage: Veronika Günther

Es gibt nicht viele Tage, zu denen man diese Frage gestellt bekommt, und sie dann auch ganz genau beantworten kann. Der 11. September ist so ein Tag. „Wo warst du, als 9/11 passiert ist?“, fragen wir uns seit 15 Jahren gegenseitig, und dann kann jeder seine – meist sehr banale – Geschichte erzählen: Kam grade aus der Schule. Wollte grade zum Fußball. Saß in Papas Auto und das Radio lief. Als der erste Turm einstürzte. Als der zweite Turm einstürzte. Und dann wurde sogar auf MTV nur noch ein Schwarzbild gezeigt.

Auch Chantal Guerrero und Mariah Williams wissen noch sehr genau, wo sie waren. Mit dem Unterschied, dass wir es ebenfalls wissen: Chantal und Mariah waren zwei der Schülerinnen, in deren Klasse der damalige US-Präsident George W. Bush am 11. September 2001 zu Besuch war. Sie saßen ihm in einem Klassenraum der Emma. E. Booker Elementary School in Sarasota, Florida gegenüber, als sein Büroleiter Andrew Card ihm „A second plane hit the second tower – America is under attack“ ins Ohr flüsterte

Dieses Bild ging um die Welt: Bush Büroleiter Andrew Card flüstert dem Präsidenten "America is under attack" ins Ohr.

Foto: Reuters

Chantal und Mariah waren damals sieben Jahre alt, heute sind sie 22. Chantal studiert in Mount Berry, Georgia, Öffentlichkeitsarbeit und Musik und arbeitet den Sommer über als Betreuerin in einem Jugendcamp. Zum Skypen hat sie sich in eine ruhigere Ecke eines Aufenthaltsraums zurückgezogen. Sie hat ein freundliches, offenes Gesicht und ein strahlendes Lächeln, bei dem sich ihre Nase kräuselt. Mariah wirkt dagegen eher ernst, fast pragmatisch. Sie lebt nach wie vor in Sarasota, arbeitet als Fitnesstrainerin und für eine Organisation, die die Bildung und Ausbildung sozial benachteiligter Kinder fördert. Sie läuft während des Facetime-Gesprächs in einem rosafarbenen Pulli ihrer Universität draußen herum, über ihrem Kopf sieht man Palmenzweige. Beide erinnern sich an den Morgen, der in New York mit strahlend blauem Himmel begann, in Sarasota hingegen diesig und schwül:

Chantal: Ich wusste, dass George W. Bush uns besuchen würde, weil unsere Klasse so gut im Lesen abgeschnitten hatte. Und ich wusste, dass er berühmt ist. In der Schule mussten wir alle durch einen Security Check, das ist natürlich sehr aufregend, wenn du sieben Jahre alt bist. In der Klasse saß ich in der ersten Reihe. Ich weiß noch, dass wir uns nicht umdrehen durften, weil hinter uns der ganze Raum voller Kameras war. 

"Es war, als hätte sich sein Charakter verändert"

Dann kam er rein und ich war erstmal wie gelähmt: Es war unglaublich und echt cool, dass der Präsident da ist. Ein Mädchen hat sogar nach Luft geschnappt und gesagt: „Er ist wirklich hier!“ Er hat sich dann vorgestellt, ein paar Hände geschüttelt und sich hingesetzt. Er war total nett und süß, sehr aufmerksam. Dann haben wir ihm gezeigt, dass wir lesen können, haben Wörter vorgelesen, die unsere Lehrerin buchstabiert hat, und sollten danach unsere Bücher rausholen. Und während wir das gemacht haben, kam ein Mann rein und hat Bush etwas ins Ohr geflüstert. Danach war er viel abwesender, ruhiger und in sich gekehrt. Es war, als hätte sich sein Charakter verändert.

Mariah: Das Klassenzimmer war voller Sicherheitsleute und Journalisten. Bush kam rein, hat uns die Hand gegeben und mit uns gesprochen. Dann haben wir eine Geschichte gelesen und währenddessen kam ein Mann rein und sagte ihm, was passiert ist. Seine ganze Art hat sich schlagartig verändert. Er hatte auf einmal diesen ganz leeren Gesichtsausdruck. Und er wurde ein bisschen rot.

Die Kinder wussten zu diesem Zeitpunkt natürlich noch nicht, was eigentlich los war – und auch ihre Lehrerin nicht. Erst, als das Buch ausgelesen war, stand Bush auf. Er entschuldigte sich, sagte, dass er gehen müsse, und verließ den Raum.

In diesem Interview erinnert sich George W. Bush an 9/11. In den ersten sieben Minuten erzählt er vom Morgen in der Emma E. Booker Elementary School. Mariah und Chantal saßen in der ersten Reihe (2. u. 3. v. l.).

Chantal: Unsere Lehrerin wurde zu ihm rübergerufen. Dann kam sie wieder zu uns und hat versucht, uns zu erklären, was passiert ist. Warum Bush nicht bleiben konnte. Dass er einen Job hat und Verpflichtungen.

 

Mariah:  Die Lehrerin hat einen Fernseher in unsere Klasse geholt, um uns zu zeigen, was passiert war. Einige dachten bei den Bildern, die wir dann gesehen haben, es wäre ein Film. Andere bekamen Angst. Wir waren ja noch so klein, es war einfach schwer zu begreifen.

 

Chantal: Ich war geschockt, weil das im Fernsehen kein Film war. Und es war das erste Mal in meinem Leben, dass ich damit konfrontiert wurde und realisiert habe, dass die Welt, in der ich lebe, sehr, sehr groß ist. Viel größer als ich, und dass Menschen schlimme Dinge tun können. Und das Ganze fühlte sich besonders bedeutend für mich an, weil der Mensch, der jetzt entscheiden musste, was zu tun war, direkt nebenan war.

 

Zu tun war: eine Ansprache an die Nation. Bush hielt sie noch in der Emma E. Booker School, in der Bibliothek. Chantal und Mariah waren nicht im Raum, dafür einige ältere Schüler, viele der Lehrer – und Chantals Mutter, die direkt hinter dem Präsidenten stand.

 

"Wegen 9/11 verbinde ich den größten Teil meiner Kindheit damit, dass Amerika sich im Krieg befindet."

 

Mariah und Chantal sind sich einig darin, dass dieser Tag etwas Besonderes für sie ist. Dass sie Teil eines historischen Moments waren, der sie sonst, als Zweitklässlerinnen, vielleicht weniger berührt hätte. Dass sie damals erst sieben Jahre alt waren, bedeutet nicht nur, dass sie eigentlich noch zu klein waren, um begreifen zu können, was passiert war – sondern auch, dass sie in einem Amerika nach 9/11 aufgewachsen sind. In einem anderen Amerika als ihre Eltern.

 

Chantal: Wegen 9/11 verbinde ich den größten Teil meiner Kindheit damit, dass Amerika sich im Krieg befindet. Ich erinnere mich nicht, was und wie Amerika vorher war. Und Patriotismus war für meine Generation immer eine große Sache: die Liebe zu Amerika und der Stolz auf das Land. 9/11 hatte auf jeden Fall einen Einfluss darauf, wie ich das Land sehe, in dem ich geboren wurde und in dem ich lebe.

 

Wenn man an 9/11 an einem so wichtigen Ort war, ist dann auch der 15. Jahrestag der Anschläge ein besonderes Tag? Chantal sagt, dass sie am 11. September nichts Spezielles machen werde: an der Uni sein, daran denken, was damals passiert ist, und sich fragen, ob sie ihr Leben und die Menschen um sich herum genug wertschätzt. Mariah sagt, dass zu den großen Jahrestagen immer Journalisten kommen und sie fragen, an was sie sich erinnert. Sogar nach dem Tod von Osama Bin Laden sei sie interviewt wurden. Sie wirkt fast ein bisschen genervt davon – aber auf die Entschuldigung hin, dass ihr das jetzt schon wieder passiert, grinst sie nur und sagt: „Das ist schon okay.“

 

Keine acht Wochen nach dem Jahrestag steht allerdings schon der nächste wichtige Termin an: die Präsidentschaftswahl. Weder Chantal noch Mariah wissen, wen sie wählen werden. Und auf die Frage, was sie heute, 15 Jahre nach 9/11 und kurz vor dieser Wahl, die schon jetzt schwerwiegender, das Land spaltender wirkt als alle, an die sie sich erinnern können, über die USA denken, sagt Mariah: „Das ist eine schwere Frage.“ Dann denkt sie lange nach. Und Chantal setzt drei Mal neu an, bevor sie darauf antwortet.

 

Mariah: Gerade passiert wahnsinnig viel auf der Welt. Alles spielt irgendwie verrückt, die verschiedensten Situationen müssten geregelt werden. Ich hoffe einfach nur, dass wir tun werden, was das Beste für unser Land ist. Diese Wahl ist eine der… interessantesten bisher…

 

Chantal: Ich glaube, dass die Vereinigten Staaten eines der großartigsten Länder der Welt sind. Weil dieses Land für seine Menschen kämpft und weil es sich hier lohnt, für andere einzustehen. Ob das so bleibt, werden die nächsten Monate zeigen. Manchmal muss ja auch etwas schiefgehen, um dann wieder besser zu werden – aber ich hoffe, dass das diesmal nicht der Fall sein wird.

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