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Nachruf zur Ausstellung „Amrita Sher-Gil – Eine indische Künstlerfamilie im 20. Jahrhundert“ im Haus der Kunst, München

Text: iunx
Der Versuch einer Zusammenfassung für alle, die an bildender Kunst interessiert sind und diese wunderbare Ausstellung verpasst haben.



Samstagnachmittag, vorletzter Tag der Ausstellung über die indisch-ungarische Malerin Amrita Sher-Gil: Hochbetrieb im Haus der Kunst. Es scheint sich herumgesprochen zu haben, daß diese Ausstellung etwas ganz Besonderes zu bieten hat. Alle Altersklassen sind vertreten. Im Foyer der Ausstellungsräume wird ein etwa 30-minütiger Dokumentarfilm über die Künstlerin gezeigt und gleichzeitig an die Wand projiziert; ein Sitzplatz läßt sich nur mit Mühe ergattern, und die Mehrzahl der Anwesenden steht auf der Treppe und starrt auf die Wand.



Schon im Vorraum wird klar: Diese Ausstellung ist mehr als One-Man-Schow und Weltpremiere in einem; sie ist die Auseinandersetzung der Nachfahren Amritas mit einem äußerst kostbaren Erbe. Die Dokumentation selbst ist ein Werk der Nichte der Künstlerin; sie zeigt und kommentiert nicht nur das Leben und Werk einer herausragenden und selbstbewußten Persönlichkeit ihrer Zeit, sondern ist zugleich objektiver Ausdruck des Schmerzes und der schwierigen, bis in die Gegenwart reichenden Vergangenheitsbewältigung, die der frühe Tod Amritas in ihrer Familie auslöste.



Amrita Sher-Gil, geboren 1913 in Ungarn, war eine Grenzgängerin der ersten Klasse. Aufgewachsen in Budapest und Punjab, zog es sie nach ihrem Studium an der École des Beaux Arts in Paris 1934 zurück in ihre zweite Heimat Indien, von der sie sich beinahe magisch angezogen fühlte und wo sie ihr Talent vollends zu entfalten gedachte.



Tochter einer Konzertpianistin und eines indischen Philosophen, Künstlers und Fotographen, Umrao Singh Sher-gil, wuchs Amrita mit ihrer ebenso hochbegabten musischen Schwester Indira in einem höchst intellektuellen, künstlerischen und dazu kosmopolitischen Umfeld auf, welches die Talente der beiden Mädchen von Anfang an in angemessener Weise förderte und ganz auf deren positive Entwicklung abgestimmt war. Die Familienmitglieder inspirierten sich gegenseitig, der Zusammenhalt und das Einbeziehen des anderen in die eigene Arbeit waren deutlich ausgeprägt. Schon früh posierte und inszenierte sich Amrita vor der Kamera ihres Vaters, der sie in allen Phasen ihres Lebens mehrfach ablichtete und so der Nachwelt ein einmaliges Dokument der Vielfarbigkeit ihrer einzigartigen Erscheinung hinterließ.



Dementsprechend freizügig war der Lebensstil Amritas. Sie fand sich scheinbar in jedem Milieu, welches die intellektuelle Szene der Pariser Bohème der 30er Jahre ihr bot, zurecht und nahm ausgiebig am öffentlichen Leben teil. Aus ihrer Bisexualität machte sie keinen Hehl und setzte sich offen darüber in ihren zahlreichen Briefen an die Eltern und Schwester auseinander.



Amrita Sher-Gil malte durchwegs gegenständlich. In Paris bestimmten vorwiegend Portraits, Akte und Stilleben ihre Arbeit, die sich durch einen eigensinnigen, wenn auch eher akademischen Realismus auszeichnete, vergleichbar etwa mit dem frühen Picasso. Ihre „indische Phase“ war geprägt von einer unaufdringlichen, auffällig melancholischen Betrachtung des sie umgebenden Lebens und seiner Farben und erinnert an die karibischen Sujets von Gaugin. Zudem wand sich Amrita verstärkt der frühen indischen Kunst zu, die sie faszinierte.



Amrita stand dem Kunstausdruck ihrer Zeit äußerst kritisch gegenüber und verfasste eine für ihr junges Alter beträchtliche Anzahl von Schriften, in denen sie sich wortgewandt und kennerhaft über Kunst allgemein und die Auseinandersetzung mit derselben, über den indischen Film und über ihr eigenes Werk ausließ.



Ihrem so produktiven Schaffen wurde durch ihren plötzlichen Tod im Alter von nur 28 Jahren ein unerwartet frühes Ende gesetzt. Die Familie kam über den Verlust der so geliebten Tochter und Schwester nicht hinweg; die Mutter wählte einige Jahre später den Freitod, den der Vater um nicht viel länger überlebte, und auch Indira verkraftete die Geschehnisse bis an ihr eigenes Lebensende nicht.



In der Ausstellung wurden eine Vielzahl, wenn nicht alle, der Gemälde, die Amrita Sher-Gil shuf, gezeigt, wodurch ein breiter Überblick über Sujets, Entwicklung und Stil der Künstlerin gewährleistet war. Begleitend standen Zitate aus den Briefen Amritas an die Familienmitglieder den Gemälden gegenüber. Auf eine Interpretation oder Beschreibung von außen wurde dankenswerterweise verzichtet. So war die Ausstellung einzig von der Wirkung und Ausstrahlung sowohl der Werke, als auch der Persönlichkeit Amritas selbst bestimmt. Letztere spiegelte sich in den phantastischen Aufnahmen ihres Vaters sowie den digitalen Fotomontagen und Installationen ihres Neffen Vivan Sundaram (geb. 1943) wider, der sich, selbst ein bedeutender indischer Künstler der Gegenwart, gewissenhaft und verantwortungsbewußt der Hinterlassenschaften seiner direkten Vorfahren annahm und sich von ihnen inspirieren ließ.




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