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Diese seltsame Leere

Text: einweggedanken
Schaue ich abends in den Spiegel, so erkenne ich immer wieder diese seltsame Leere. Sie zu beschreiben fällt mir schwer - schließlich ist da nichts in jenen Momenten. Sie stülpt sich ungefragt nach außen. Zeigt, was da nicht ist. Was fehlt. Verdrängt jede Mimik. Ein kalter ruhiger Blick bohrt sich gerade durch. Ich bleibe standhaft und erwidere ihn. Frage nach seinem Wunsch. Nach seinem Verlangen, das er mir mitteilen möchte. An manchen Tage mag ich diese Leere. Brauche diese Leere. Doch heute überfordert sie mich. Unerwartet bringt sie Abläufe aus ihrer Bahn. Bewegungen aus dem Takt.

Ich sehne mich nach einer Melodie, die diese Stille flutet und mich ein paar Schritte begleitet. Oder einer Stimme aus dem Off. Sie gibt mir Anweisungen in klarem Ton. Verrät den nächsten Schritt, die nächste Bewegung und den richtigen Augenblick, der dich mir näher bringt. „Weshalb schaust du immer so traurig?“ fragen mich lachende Gesichter zwischen Zigarettenrauch und Erdnüssen auf dem Boden. Sie verstehen nicht. Es ist keine Traurigkeit. Es ist kein Schmerz und keine Verzweiflung. Da ist einfach nichts in diesem Moment. Und das ist schön, denn das heißt Platz. Raum für Neues. Raum für kleine und große Wünsche. Denn auch die sind wichtig. Sie schubsen mich. Lassen Worte und Tränen fließen. Lassen mich meinen Weg zurücklegen. Abstand gewinnen. Entdecken. 

Du sitzt neben mir. Hast dich in deinem Lieblingspullover verschanzt. Meine Hand liegt auf deinem Knie und ich erzähle dir von meinen Träumen. Du hast danach gefragt. Aber nicht nach den großen Träumen mit Familie, Haus und Hund. Sondern den kleinen Groben. Die Nachts zu Besuch kommen. Gegen die Tür schlagen und sich hineindrängen. Ich erzähle dir davon und du hörst zu. Mehr brauche ich nicht. Lange Sätze, in denen ich manchmal zu Atmen vergesse. Dann zuckt es in deinen Augen. Und ich höre auf zu erzählen, weil ich dir kein schlechtes Gewissen geben möchte.

Gehst du nach Hause, gehe ich nach Hause. Kopfhörer in den Ohren, die Musik aber schon aus. Mir ist kalt. Meine Tür einen Spalt geöffnet verrät den erneuten Besuch. Ich gehe ins Bad. Stehe vor dem großen Spiegel und blicke ziellos mir selbst entgegen. Da ist sie. Diese seltsame Leere. Ich akzeptiere sie. Sie und ihren Raum, den sie in mir schafft. Den sie sich ungefragt nimmt und eigensinnig verteilt. Für Ängste und Sorgen. Für Freude, Glück und Strahlen. Wünsche mir, dass auch du sie irgendwann akzeptierst. Diese seltsame Leere. Und die sich ändernden Gäste. 

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