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Kack-Jusuf

Text: maar
Eine wahre Geschichte, die alle Genrekomponenten vereint: Liebe, Tragik, Thrill, Kunst und Krankheiten.

In memoriam perpetuam

(und für pinkcashmere).



Ich hatte einmal, damals, einen Klassenkameraden, Jusuf, von der fünften bis zur zehnten Klasse. Jusuf gehörte zu der Sorte Jugendlicher, die ihre Minderwertigkeitskomplexe damit kompensierten, alle minderwertigkeitskomplexbehafteten Mädchen (beispielsweise mich) zu hänseln, zu verprügeln, an den Haaren zu ziehen und mit Schnee einzuseifen.



Wie gesagt, ich hatte eine sehr schwere Kindheit.



Irgendwann jedoch änderte sich das mit Jusuf und mir. Er hörte auf, mich zu hänseln. Er hörte überhaupt gänzlich damit auf, irgendwelche Mädchen zu hänseln. Denn er hatte was Neues gefunden: Kacken. Und das ist mein Ernst.



Jusuf entwickelte also einen Kack-Fetisch, er hinterließ überall seine Häufchen. Heute weiß ich, dass an Koprophilie litt, oder besser gesagt (ich will hier ja um Himmels Willen nicht werten) der Koprophilie frönte.



Erst kackte er immer nur heimlich im Jungensklo daneben, also direkt auf die Brille. Nachdem sich diese unerhörten Vorfälle häuften, einigte sich die Schulleitung irgendwann auf einen Schulverweis gegen den heimlichen Scheißer, sollte er gefunden werden. Und da konnte Jusuf, stolz wie Oskar, nicht mehr schweigen. Er erzählte seiner Jungensclique von seinen krassen Aktionen, verlangte Stillschweigen und fing an, seine Kackaktionen auszuweiten. Er schiss die Mädchenklos und die Lehrerpulte zu, kackte der Darstellendes-Spiel-Lehrerin während der verhassten Theateraufführungen ins Drehbuch und: blieb dabei unentdeckt.

Jusuf hatte durchaus auch einen ästhetischen Anspruch an sich und seine Exkremente. Im Laufe der Zeit konnte er sogar Muster kacken, Ausschnitte berühmter Bilder von Picasso und da Vinci (ihr hättet mal seine Mona Lisa sehen sollen) und Skulpturen formen, seiner Kreativität schienen keine natürlichen Grenzen gesetzt. Höhepunkt seiner Karriere war ein gut platzierter Haufen direkt vor dem Schuleingang in Form eines Galgens, an dem der damalige Schuldirektor hing. Daraufhin setzte die Schulleitung das Kopfgeld hoch. Ein Halbjahreszeugnis voller Einsen war das Angebot, nur der Kunstlehrer Herr B. sprach sich gegen ein solches Vorgehen aus und wollte den Unbekannten ganz groß rausbringen. Leider musste Jusufs Freund Matthias, um das Abi machen zu können, unbedingt versetzt werden. Er verriet Jusuf und bekam sein Einserzeugnis. Freundschaften in dem Alter sind einfach nichts wert. Jusuf flog mit Karacho von der Schule.



Von dem Tag an hörte ich nichts mehr von Jusuf, nur ein einziges Mal ereilte mich eine Nachricht von ihm, er hätte auf die Sonnenbank des Sonnenstudios in unserem Stadtteil eine Sonne gekackt, weswegen er nun dort Hausverbot hatte.



Das ist alles über 10 Jahre her.



Vor ein paar Jahren träumte ich von ihm. Ich hatte einen unglaublich intensiven Traum, in dem ich mich über gefühlte Stunden, Tage, ja sogar Wochen in ihn verliebte. Es war so schlimm, dass ich die nächsten Tage meinem damaligen Freund nicht mehr ins Gesicht schauen konnte, weil ich das Gefühl hatte, ihn betrogen zu haben.



Auf diesen Traum hin versuchte ich, Kack-Jusuf ausfindig zu machen. Ich wollte ihn sehen, wollte herausfinden, ob er wirklich so sexy war, wie in meinem Traum. Wollte wissen, ob er seine Kackleidenschaft eingestellt und wir so die Chance auf einen gemeinsamen Lebensabend hatten.



Wochenlang versuchte ich, Information über seinen Aufenthaltsort zu bekommen. Ich fragte bei meinen alten Schulkollegen herum, bekam eine Nummer nach der nächsten, die mich näher an Jusuf, meinen Jusuf, heranführen sollte, aber er war einfach nicht aufzutreiben.



Bis ich endlich, bei einer Nummer, die mir gegeben worden war, etwas von Jusufs tragischem Schicksal erfuhr: Der Typ am Telefon erzählte mir, Jusuf sei ein Jahr zuvor dramatisch ums Leben gekommen, als er heimlich von einer Party im vierten Stock in den Innenhof verschwand um dort zu kacken. Die zurückgelassenen Partygäste kifften derweil auf dem Balkon, als auf einmal ein Balkonblumenkasten in Flammen aufging. Die völlig überforderte und zugedröhnte Partygemeinschaft stand regungslos daneben, starrte auf den Großbrand, die einzigen Kommentare waren "Ey, krass, was solln wir denn jetzt machen, öh?“ oder "Oah, das geht ja gar nicht“, bis einer allen Mut zusammen nahm und den Balkonkasten kurzer Hand aus dem vierten Stock in den Hinterhof stieß.



Jusuf war gerade hockender Weise am Scheißen und freute sich des Lebens, als ihn der Kasten traf.



Wenigstens starb er, als er dabei war, seine wirkliche Bestimmung, seine Leidenschaft auszuüben. Das kann nicht jeder von sich behaupten. Das großflächige Kunstwerk jedoch, das er gerade versucht hatte, zu vollenden, konnte man nicht mehr erkennen. Es war von der rohen Wucht des Blumenkastenaufpralls entstellt worden. Jusuf hinterließ eine rätselnde Welt. Noch heute, bei den jährlichen Klassentreffen, grübeln wir darüber, was sein letztes Werk hätte darstellen sollen.



Und auch heute noch gehört mein erster und letzter Gedanke am Tag Kack-Jusuf. Einsame Tränen rollen dann über meine Wangen in der Gewissheit, dass die Welt einen großartigen Künstler verloren hat und ich meine große Liebe.

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