erdscheibe
Illustration: Katharina Bitzl

"Cae sar" nennt er sich. Er glaubt an die "Flache Erde". Und ist bereit zu einem Interview via Skype. Anonym natürlich. "Das fängt ja im Kindergarten schon an", sagt er in dem Interview dann zum Beispiel: "Dass einem die Eltern einen Globus vorhalten. Und man daran glauben muss." 

Cae sar ist nicht alleine. Seine Videos haben auf Youtube über eine Million Views, Dutzende Facebook-Gruppen findet zum Thema, wer einfach "Flache Erde" eingibt. Ja, im Ernst: Es gibt tatsächlich Menschen, die glauben, dass die Erde nicht rund, sondern flach ist. Das ist kein Scherz.

Und zunächst mal auch kein Problem. Denn in Deutschland gilt die Meinungsfreiheit. Und die Glaubensfreiheit. Man darf also glauben und meinen, was man will. Für sich und öffentlich. Zum Beispiel, dass die Erde aussieht wie ein Pizza. Mit einem die Ozeane einschließenden Eisring darum, den man uns als Antarktis verkauft. Und vielleicht einer Glaskuppel darüber. Das wissen sie aber noch nicht genau.

That said, will man natürlich erst recht wissen, was das für Leute sind, die sich vor allem auf Youtube und in geschlossenen Facebook-Gruppen organisieren. Dort tauschen sie Bilder vom (flachen) Himmel, entlarven vermeintlich gefälschte Nasa-Aufnahmen von der runden Erde und spekulieren, wozu diese "größte Lüge der Menschheit" (Zitat Flacherdler Manuel Heine) überhaupt gut sein soll. Vorläufiges Ergebnis: Auch das weiß man nicht.

Dabei ist die Theorie der flachen Erde eine sehr, sagen wir mal, interaktive Verschwörungstheorie. Die Eingeweihten halten einander an, selbst nach der Wahrheit zu suchen ("Der Kluge forscht nach, der Dumme kommentiert nur"). Und die gewonnenen Erkenntnisse mit der Welt zu teilen. Nur so könne der positive Trend aufrechterhalten – in Sachen Youtube-Suchbegriffen überflügelte "Flat Earth" im vergangenen Jahr erstmals die verwandten Verschwörungstheorien der "Chemtrails" und "Reptiloiden" – und die ganze Welt zum wahren Glauben bekehrt werden.

Deshalb postet Cae sar jeden Sonntag ein Video, zuletzt: "‪Der Urknall – Theorie, Mythos, Glaube, Konfession oder Fakt der Wissenschaft?" Eine gewisse Mainstream-Bekanntheit erlangte die verschworene Szene kürzlich, als der eingangs zitierte Manuel Heine, ein 30 Jahre alter arbeitsloser Koch aus Potsdam, in der Call-In-Show von Jürgen Domian im WDR  anrief, um seine Theorien in die nächtliche Welt zu bringen. Das Video des ansonsten stur emphatischen TV-Seelsorgers, der sich "verarscht" vorkam, ging sofort viral.

Konsequenterweise lud das für fantasievolle Themen immer offene Sat1-Frühstücksfernsehen den jungen Mann ein. Und ließ ihn einige Minuten lang unwidersprochen über die flache Erde und weniger harmlose Verschwörungstheorien fantasieren. Zum Beispiel, Achtung: die Unterwanderung der Menschheit durch eine reptilienhafte Alien-Rasse ("Hillary Clinton ist sicher eine ihrer Puppen, Angela Merkel vielleicht"), den "Inside Job 9/11" ("dass die Türme gesprengt wurden, weiß ja jeder") und die Bilderberger und Rothschilds, reiche (jüdische) Eliten, die angeblich die Welt kontrollieren. Seit Jahrhunderten dienen solche Verschwörungstheorien als Schmiermittel für Antisemitismus.

Die "seriöseren" Flacherdler um Cae sar, der allerdings Manuel prompt selbst auf Youtube interviewte, nahmen die ungewohnte Prominenz ihrer Idee gemischt auf. Die einen beglückwünschten Manuel zu der unverhofften Öffentlichkeit ("Endlich einer, der spricht, mehr Menschen werden davon wissen, aber sich nicht trauen darüber zu reden"), die anderen witterten schnell eine, nun ja, "Verschwörung" und bezeichneten Manuel als "Desinformant".

Dass Manuel auf seiner Facebook-Seite angegeben hatte, er sei von Beruf neben Koch auch Schauspieler, was vermutlich eine Angeberei nach einem Jahre zurückliegenden Statistenauftritt bei "Gute Zeiten, schlechte Zeiten" war, reichte vielen der ansonsten so grundskeptischen Flacherdler als Beweis: Hier war ein bezahlter Doppelagent zu einer False-Flag-Operation eingesetzt worden, vielleicht sogar selbst ein Reptiloid, wer weiß. Gut, dass man ihn enttarnt hatte.

Leichtgläubige nennen die Flacherdler nur "Globuskopf"

Für ein Interview kontaktiert, verlangte Manuel Heine Geld, nicht nur für sich und um seine Ausrüstung zu verbessern, sondern um es "für Obdachlose zu spenden". Man könne ihn, sagte er, gerne bei seinen nächtlichen Beobachtungen begleiten, mit dem Teleskop Sterne analysieren, "die für mich keine Sterne sind." Wenn das nicht ginge, wolle er wenigstens "etwas zu essen". Später behauptet er aufgeregt, ein Sondereinsatzkommando (SEK) hätte ihn mit "internationalem Haftbefehl" festgenommen und dafür seine Tür aufgebrochen. Sogar Bilder schickte er von dem Schaden. Um kurz darauf ein gut gelauntes Profilbild bei Facebook einzustellen und munter weiter zu posten, was alles gelogen sei in der Welt.

Spinnen also, fragt spätestens jetzt der "Globuskopf" (so nennen die Flacherdler uns Leichtgläubige), diese Menschen alle völlig?

Sicherlich nicht. Manche Akteure zeigen wie Manuel ein, nun ja, auffälliges Verhalten. Andere jedoch geben sich gebildet, drücken sich gewählt aus und scheinen ziemlich klar zu denken. Der einzige merkbare Unterschied: Sie glauben eben an eine andere Form unseres Heimatplaneten. Und sie lassen sich partout nicht davon abbringen. Cae sar zum Beispiel, der einem geregelten Beruf nachgeht, sagt: "Ich will eigentlich nur, dass die Menschen neugierig sind."

Zu neugierig dürfen sie jedoch nicht sein, wenn es nach den Administratoren der Facebookgruppen wie "Flache Erde" oder "Flache Erde Wissensgemeinschaft" geht. Wer dort zu viele Fragen stellt – zum Beispiel nach handfesten Beweisen – oder gar grundsätzlich zweifelt, wird sofort entfernt. "Wer so dämliche Fragen stellt, kann nur ein dämlicher Troll sein", heißt es dann. Was wiederum Cae sar als gemäßigter Vertreter überhaupt nicht gut findet. "Von mir aus kann jeder glauben, was er will." Er glaube zwar auch an eine andere Version von 9/11, aber er wisse ja auch nicht, wer hinter allem stecke.

Das beruhigt: Im Gegensatz zu den Rassisten und Antisemiten etwa von Compact oder dem Kopp-Verlag, die rechtsradikale Ideologie in ewig gestrige Verschwörungstheorien vom Volksschädling (heute die Moslems) und den Illuminaten gießen, sind sich die Flacherdler beruhigend uneinig, wer genau der Feind ist. Und relativ entspannt, was die Missionierung angeht. "Irgendwann werden sie es schon verstehen", schreibt eine zu der Diskussion bei Facebook, wie man mit renitenten Familienmitgliedern umgehen soll. Wie sie nachts schlafen könnten, Angesicht der immensen Lüge, die die Welt regiert? "Ich weiß ja, was ich weiß. Das ist das wichtigste", findet eine andere.

Ist das also auch die Entwarnung? Sollen sie glauben, was sie wollen, jedenfalls diejenigen, die nicht doch wieder den Juden an sich, sondern allein der Nasa die Schuld geben? Ist es also angesichts der weitgehenden Harmlosigkeit der Botschaft von der flachen Erde angebracht, sich "arme Irre" zu denken, ihre Bewegung als aushaltbare Turbulenz einer pluralistischen Gesellschaft abzutun und, seufz, sich wieder den echten Problemen der Welt zu widmen, die diese Leute scheinbar nicht kennen?

"Verschwörungstheoretiker", sagt Professor Michael Butter, der an der Universität Tübingen zu solch "alternativem Wissen" forscht, "sind die wahren Optimisten. Sie glauben noch daran, dass Menschen etwas bewirken können. Dass die Welt von einzelnen oder einer Gruppe im großen Stil beeinflussbar ist. Wo sie doch in Wirklichkeit einfach chaotisch und kontingent ist."

Ihre "Forschung" ist so produktiv für einen echten Erkenntnisgewinn wie der Kaufladen eines Grundschülers für das Bruttosozialprodukt

Denn wenn die Verschwörer etwas Schlechtes tun können, eine Lüge inszenieren zum Beispiel, dann könnte man diese böse Kraft ja auch umkehren. Eine Theorie wie die flache Erde ist also ein fantastischer Ausweg aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit? Und dazu identitätsstiftendes Hobby, dem man mit Gleichgesinnten nachgehen kann, so wie Sterne beobachten eben oder Amateurfunk?

Oder ist es doch eher Vorbote eines im Netz um sich greifenden Wahnsinns?

"Verschwörungstheorien haben nicht zugenommen, sie sind nur sichtbarer", glaubt Butter. Und auch steigende Bildung kann sie nicht ausmerzen. Im Gegenteil. Die Anhänger der flachen Erde haben durchaus Bildung, die sich in relativ fehlerfreier Orthographie und hinreichend höflichen Umgangsformen (sogar auf Facebook) niederschlägt. Sie überschätzen sie jedoch vor allem in Sachen Physik grandios. Indem sie denken, mit laienhaften Instrumenten Geophysik betreiben zu können, wirken sie wie postmoderne Don Quichottes. Im Kampf gegen die vermeintlichen Windmühlen – hier die Lügen der Eliten.

Denn was die Flacherdler nicht verstehen, nicht verstehen wollen, ist: Ihre "Forschung" ist so produktiv für einen echten Erkenntnisgewinn wie der Kaufladen eines Grundschülers für das Bruttosozialprodukt.

 

Es ist eine Spielerei jenseits von allem, was wir wissenschaftlich nennen. "Diese Theorie fußt auf einem grundlegenden Missverständnis von logischer Wissensfindung", sagt deshalb Dr. Jakob Nordin, Astrophysiker an der Humboldt Universität Berlin. Fragt man jemanden wie ihn ernsthaft, ob die Erde rund oder flach ist, kann er zwar aus dem Handgelenk mehrere, teilweise leicht nachprüfbare Herleitungen nennen. Wie beispielsweise den runden Schatten auf dem Mond, der auf einen runden Körper, sprich einen Erdball hindeutet. "Aber all diese Erklärungen können mit einer Konter-Erklärung neutralisiert werden." Was eine physikalische Theorie jedoch ausmacht, ist ihr Funktionieren in einem System von Theorien, ihre Verlässlichkeit, wenn man andere Annahmen trifft. "Wäre die Erde nicht rund", so Nordin, "funktionierten sehr viele Dinge unseres Alltages nicht. Beispielsweise Flugzeuge und Handys. Wer eine andere Theorie favorisiert, müsste auch erklären, warum sich so viel Beobachtbares konträr dazu verhält."

Die Flacherdler verteilen ihre Skepsis also sehr unterschiedlich. Alles, was auf eine runde Erde hindeutet, versuchen sie umzudeuten oder grundsätzlich unglaubwürdig zu machen. Aber alles, was auf eine flache Erde hindeutet, wie das Foto eines flachen Horizontes, nehmen sie als unumstößlichen Beweis.

 

Mögen sie noch so sehr aufklärerisch tun: Die Flacherdler haben längst entschieden, was sie glauben wollen. Aber sie wissen dabei zu schätzen, dass sie in einer Zeit und in einem Land leben, wo genau das ihr gutes Recht ist. Zumindest die allermeisten von ihnen. Und das ist, in diesen unruhigen Zeiten, in denen viele Menschen an viel schlimmere Dinge glauben, doch immerhin etwas.

(Dieser Text entstand in Zusammenarbeit mit Jäger&Sammler, einem Format von funk) 

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