Martialisches Mashup: Kubrick vs. Scorsese

Ein brasilianischer Blogger lässt die beiden Regie-Titanen mit ihren besten Szenen gegeneinander antreten
julian-jochmaring

Kubrick vs Scorsese from Leandro Copperfield on Vimeo. 25 Tage hat sich der 21-jährige Cineast und Blogger Leandro Copperfield aus Rio de Janeiro Zeit genommen, um 34 Filme seiner Regie-Helden Stanley Kubrick und Martin Scorsese anzuschauen. Dabei hat er etwa 500 Szenen ausgewählt und in mühevoller Frickelarbeit zu einem Mashup montiert. Der Clash beginnt noch relativ gemächlich mit einer Szene aus Kubricks „Clockwork Orange“, in der Hauptdarsteller Alex eine Kassette von Beethovens Neunter Symphonie in die Stereoanlage seines Jugendzimmers schiebt. Nach einem Schnitt sehen wir Daniel Day-Lewis als brutalen Schlächter William Cutting aus Scorseses „Gangs Of New York“, ihm gegenüber erscheint „Taxi Driver“ Robert de Niro mit Irokesenschnitt, Fliegersonnenbrille und abgeranztem Armee-Parka. Die folgenden sieben Minuten sind ein genial-martialischer Höllenritt durch fast sechzig Jahre Kinogeschichte von den frühen Fünfziger-Jahren bis heute. Legendäre Ausschnitte wie die „Red Rum“-Szene aus „The Shining“ oder der Knochenwurf aus „2001“ werden völlig neu kontextualisiert, ohne ihre hypnotische Wirkung zu verlieren. Dem Zuschauer bleibt freigestellt, ob er sich einfach dem Sog der Bilder hingibt oder sich von dem Mashup zu einer Analyse der Gemeinsamkeiten und Unterschiede der beiden Film-Titanen inspirieren lässt. Auf Sekundenlänge gekürzt wirken Kubricks surreale Umgebungen mit ihren knalligen, kontrastreichen Farben oft eindrucksvoller. Scorseses Filme funktionieren dagegen meistens erst über die volle Länge. Seine Milieustudien aus der Unterwelt bedienen sich einer zurückhaltenden Bildsprache: gedeckte Farben, schummeriges Licht und weniger symbolische Anspielungen. Während Kubrick seine Filme zu kompromisslosen Gesamtkunstwerken ausbaut, ist Scorsese eher der traditionelle Geschichtenerzähler. Gemeinsam ist beiden aber die explizite Darstellung von körperlicher Gewalt. Explosionen tauchen nur selten und im Vergleich zu den monströsen Pixelorgien des gegenwärtigen Hollywood-Actionkinos eher auf Tischfeuerwerk-Niveau auf. Gewalt erscheint bei Kubrick und Scorsese nicht abstrakt und automatisiert, sondern als triebgesteuerter Ausbruch eines in der Regel männlichen Protagonisten. Es wimmelt nur so vor Messerstichen, Knüppel- und Faustschlägen, direkten Eins-zu-Eins-Konfrontationen und realistisch spritzendem Blut. Frauen treten dagegen fast immer in der Opferrolle auf, als Handelnde bleiben sie auf das Stereotyp der gefährlichen Verführerin reduziert, wie Nicole Kidman in Kubricks letztem Werk „Eyes Wide Shut“ oder Michelle Pfeiffer in „Zeit der Unschuld.“ Das Kubrick vs. Scorsese-Mashup ist nicht Leander Copperfields erste Videomontage. Auf seinem Blog finden sich noch weitere, darunter ein ähnlich herausragender Tarantino vs. Coen-Brothers-Mash. Copperfield bittet die Zuschauer sogar, ihm neue Duelle vorzuschlagen. Auf baldigen Nachschub darf man also schon jetzt gespannt sein.

  • teilen
  • schließen