Tollwood-Kolumne. Heute: Posen die die Welt bedeuten

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Münchner Bands rocken. Das hat nicht nur damit zu tun, dass sie offensichtlich alle Helden an ihren Instrumenten sind. Sondern auch damit, dass sie Posen auf der Bühne beherrschen wie die Könige. Wie zum Beispiel die Emil Bulls, die schon am ersten Tollwood-Tag alle paar Takte gleichzeitig ihre Instrumente gen Himmel rissen. Oder der Frontmann von Anna Zoitke, platziert auf dem obligatorischen Barhocker, der mit unübertroffenem Pathos das Rassel-Ei zum traurig-melodischen Gesang schüttelte. Und nun auch die zwölf jungen Bands auf dem Stadt-Land-Rock-Festival, die vier Tage lang über die Bühne im SZ-Zelt im GabiDom zappeln. Jeder Musikstil hat seine Pose. Punker reißen ihre Faust in die Luft. Indie-Band-Gitarristen drehen sich verschüchtert zum Verstärker um. Es gibt Posen, die so bekannt sind, dass sie ständig von anderen Musikern zitiert werden. Man denke nur an Michael Jacksons Griff in den Schritt. Oder die Kiss-Zunge. Manche Posen haben ihre begrenzte Zeit. Heute würde schließlich niemand mehr bei klarem Verstand auf die Idee kommen, wie einst Will Smith diesen Hip-Hop-Hoppelschritt auf der Bühne zu vollführen und dabei „Yo, yo, yo!“ rufen. Und es gibt Posen, ohne die würde die Musik gar nicht erst funktionieren. Dazu zählen das Moshen und das Headbangen. Das beweist sich einmal mehr, als die Metal-Band Q-Box auf dem Stadt-Land-Rock-Festival spielt. Nick, nick, nick, nick (Doublebass, drrrr, tam). Schüttel, schüttel, schüttel (Gitarrensolo). Das Publikum ist begeistert und schüttelt mit. Ob Q-Box das wohl im Proberaum üben? Ich warte vergebens darauf, dass der Sänger seine Arme über dem Kopf zu einem X kreuzt und „Straight Edge!!!“ ins Mikrofon röhrt. Offensichtlich noch kein Tofu-Alarm in der Hardcore-Szene an der Isar. Vielleicht sind die Bands hier auch so gut im Posen, weil sie schon sehr früh damit anfangen. Das ist mein erster Gedanke, als ich einen Tag später irritiert im Eingang vom SZ-Zelt stehen bleibe. Auf der Bühne eine 14-Jährige Punkgöre, die Gitarre hängt souverän fast unter den Knien. Die aufkeimende Wehmut über den viel zu schnellen Lauf der Zeit verfliegt schlagartig, als der Gitarrist von der Disco-Trash-Rock-Band Black Diamond sagt: „ Na ja, hat man nicht früher eher in Bands gespielt, weil man nicht so cool war, und das irgendwie kompensieren wollte? Als ich noch in der Schule war, standen alle auf Baggypants und Skateboards. Mit meiner Lederjacke und den Röhrenjeans konnte ich da überhaupt nicht punkten.“ Währenddessen schmeißt das Publikum Stoffbärchen auf die Bühne. Manchmal ist es eben doch gut, nicht mehr in der Pubertät zu sein. Ich werde nun für den Rest der Woche alte Blondie-Videos gucken und im Proberaum einen Spiegel anbringen. Meine Band ist genervt und schickt mich mit dem Spiegel wieder nach Hause. Sei gefälligst du selber auf der Bühne, sagen sie. Obwohl...so ein paar coole Moves mit dem Mikro wären vielleicht doch ganz nett – hinterm Rücken her schwingen über den Kopf werfen und dann auffangen zum Beispiel. Mein Mikro landet scheppernd auf dem Boden. Ich muss mir Posen von den Münchnern wohl noch mal erklären lassen.

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