Alle wollen "Obama Reloaded" sehen

Der digitale Bundestagswahlkampf 2009 erschöpft sich im ständigen Vergleich mit der Kampagne Barack Obamas - und übersieht dabei die Chancen, die Politik im Internet hätte
tobias-moorstedt

Drei Männer und eine Frau sitzen auf einer Bühne in Köln, sie haben nur wenig Zeit, ihre Telefone klingeln häufig, auf den Visitenkarten, die sie gerne verteilen, stehen Worte wie "Wahlkampfleiter" und "Bundesgeschäftsführer", daneben leuchten - rot, gelb, blau und grün - die Farben der politischen Parteien. Die Politik-Profis stecken mitten im Wahlkampf, sind für den großen Medien-Kongress extra aus Berlin angereist, müssen nun aber erst einmal schweigen. Der Star-Gast aus Amerika erhält das Wort, der, wie der Moderator fast ehrfürchtig sagt, "Internet-Berater von Barack Obama". Er hätte auch sagen können: der Außerirdische mit den Superkräften. Der Obama-Berater also zeigt eine unverschämt witzige und gleichzeitig inspirierende Powerpoint-Präsentation zum Thema "Von Obama das Siegen lernen". Die mächtigsten Wahlkämpfer des Landes sitzen auf der abgedunkelten Bühne wie Studenten in der Einführungsvorlesung. 30 Minuten später streiten sich die deutschen Wahlkampfleiter - die bunten Bilder und großen Worte hallen noch im Raum - darüber, wer im Vergleich zu Obama am wenigsten peinlich ist. Man hätte sich kaum eine bessere Szene ausdenken können, um den Kleinmut und die Provinzialität des deutschen Wahlkampfes zu illustrieren. Denn genau das ist das Urteil, das sich deutsche Medien und Politik-Beobachter schon zwei Monate vor Ende der Wahl über die Online-Bemühungen der Politik gebildet haben: "Parteien blamieren sich im Internet", "140 Zeichen heiße Luft", "Obamas Funke zündet nicht im deutschen Internet". Barack Obama hatte 2008 im Wahlkampf den perfekten Sturm im Internet entfacht, eine Revolution angezettelt, eine neue Ära begonnen, er hatte Street Credibility, Popstars und Dollar-Millionen, er war so gut, dass sogar die Europäer am liebsten mitgewählt hätten - und auch zehn Monate später immer noch über seine Kampagne reden und schreiben. 500 Millionen Dollar, 13 Millionen Mail-Adressen, zwei Millionen Netz-Aktivisten, ein paar Milliarden Klicks - die großen Zahlen waren vor einem halben Jahr noch eine Inspiration für Menschen, die auf einen dynamischen, neuartigen Wahlkampf hofften. Nun sind sie zu einer Belastung geworden. Obama ist kein Messias mehr, sondern eine Nemesis. Manchmal fragt man sich, wie sich die Wahlkampfleiter der deutschen Parteien fühlen, wenn sie wieder hören "aber Obama hat doch . . ."? Wollen sie sich dann auf den Boden schmeißen, die Ohren zuhalten und schreien? Natürlich nicht. Sie müssen die Fassade aufrecht halten, über "gute Ideen" und "verheißungsvolle Anfänge" sprechen, denn im Wahlkampf sind Pessimismus und Resignation verboten, die Zukunft ist gut (vorausgesetzt man wählt Partei X). Ein Mitglied der Wahlkampfleitung der Grünen meint beispielsweise, dass "viele Journalisten und Netz-Experten mit vollkommen überzogenen Erwartungen gestartet sind. Die Enttäuschung war vorprogrammiert". Auch der Online-Experte und Politologe Christoph Bieber kritisiert die "eindimensionale Vergleichsdebatte, Obama hier, Obama da", auf welche der Politik 2.0-Diskurs in Deutschland reduziert werde.

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Illustration: Julia Schubert

Obama, spielend, offline. Neben dem Online-Riesen Obama wirken selbst virtuelle Volksparteien wie Zwerge. Obama war ohne Zweifel ein einzigartiger Kandidat, der ein gutes Gespür für das neue Medium aufwies, er konnte in seiner zwei Jahre langen Kampagne aber auch auf dem Bodensatz der US-Blogosphäre aufbauen, sowie auf eine breite, soziale Bewegung gegen George W. Bush und die republikanische Partei. Den Quellcode einer Kampagne kann man nicht mit Strg C und Strg V über den Atlantik kopieren. Wer im deutschen Wahlkampf den Blockbuster "Obama Reloaded" erwartet hatte, verhält sich etwa wie ein naiver Tourist, der sich darüber beschwert, dass es im Emsland nicht so aussieht wie am Grand Canyon, oder, weil das auch schon wieder so blöd klingt: der vergisst, dass Deutschland ein eigener Raum mit eigenen Gesetzen ist. Und ja, einige dieser nationalen und kulturellen Eigenheiten sind sicherlich mit dafür verantwortlich, dass sich im deutschen Netz bislang keine kräftige Politik-Bewegung gebildet hat. Politisches Engagement wird in Deutschland traditionell an die Parteien und Verbände ausgelagert. "Die Organisationslage der Parteien ist starr und wenig durchlässig", sagt Christoph Bieber, "viele Leute wollen in vielen Gremien und Landesverbänden mitreden, und verhindern so, dass neue Leute mitmachen." Die Tatsache, dass die Regierungsparteien das Internet zwar gerne als Wahlkampfmaschine nutzen würden, aber gleichzeitig bei Fragen der "digital policy" so konservativ agieren (Vorratsdatenspeicherung, Netzsperren, Killerspiele), hat die kleine Szene der digital-politischen Aktivisten gründlich entfremdet. Christoph Bieber beobachtet Twitter, Facebook und Mail-Kampagnen trotzdem mit großem Interesse: "Die Parteien probieren viel aus. Wir befinden uns in einer Experimentierphase. Auch Misserfolg ist interessant." Auch in Deutschland hat das Internet die klassischen Medien als Quelle für politische Information überholt, fand kürzlich eine Studie der University of Management and Communication Potsdam heraus (die Studie wurde übrigens von Google Deutschland in Auftrag gegeben). Aber was bedeutet politische Nutzung eigentlich? Dass man ein paar Arbeitsstunden auf Nachrichten-Websites und Tech-Blogs verschwendet, dass man mit Klicks und Mails versucht, seine Interessen zu vertreten (oder irgendwas dazwischen). Laut einer Studie der Web-Demoskopen von Fittkau&Maaß informieren sich mehr als 50 Prozent der Internet-Nutzer auf den Webseiten von Zeitungen und Zeitschriften, zehn Prozent gehen auf Parteien-Seiten und nur knapp fünf Prozent auf Foren und in soziale Netzwerke. (In den USA, nur so ein letzter Vergleich, waren das übrigens auch nur zehn Prozent.) Die Parteien haben nun die virtuellen Parteizentralen verlassen und gehen in die virtuellen Fußgängerzonen und auf die Sommerwiesen von Facebook und MeinVZ. Sie bauen dort einen Info-Stand auf, mit Plakaten, Sonnenschirmen und Bistrotischen. In der realen Fußgängerzone wie im Netz gehen die Menschen zwar lieber Plateauschuhe und Flachbildschirme kaufen, als sich über Sozialgesetzgebung zu informieren. Aber manche bleiben dann doch stehen. Angela Merkel konnte die Zahl ihrer Kontakte auf StudiVZ in den letzten drei Monaten immerhin mehr als verfünffachen (60.000), und auf Facebook finden sich Gruppen wie "Für einen Green New Deal" (4000 Mitglieder). Entscheidend ist, was die Kandidaten und Parteien den Leuten sagen, die sich um ihren virtuellen Info-Stand herum sammeln. Entscheidend ist, dass sie ihnen auch etwas zu tun geben. Die Grünen schickten vergangene Woche eine Nachricht an alle Anhänger, in der sie einen "Urlaub in Sachsen" anbieten (und so um Freiwillige für die Landtagswahl werben). Mit der Aktion "MeinPlakat", bei der man ein Großflächenplakat spenden kann, hat die Partei einen sechsstelligen Betrag eingenommen. "Zum ersten Mal hat der Online-Wahlkampf einen realen und zählbaren Effekt auf die reale Kampagne", meint das Mitglied der grünen Wahlkampfleitung. Diese kleinen Erfolgsgeschichten seien umso wichtiger, damit "das Internet nicht durch die Enttäuschung und Obama-Vergleiche diskreditiert und als Kommunikationsmedium weiterhin ernst genommen wird." Wer immer über den Atlantik guckt, übersieht vielleicht das zarte Pflänzchen, das sich hier aus dem kargen Nährboden wagt. Die Zukunft der politischen Kommunikation wäre sonst vorbei, bevor sie überhaupt begonnen hat. Der Autor hat das Buch "Jeffersons Erben - Wie die digitalen Medien die Politik verändern" geschrieben und muss auf Podien immer die Frage beantworten, warum Obama so viel besser mit dem Netz umgehen kann als deutsche Politiker. Hast du eine Antwort?

Text: tobias-moorstedt - Foto: ap

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