Da ist die Dienstwagen-Affäre doch killefitz!

Ulla Schmidt steckt angeblich in einer Dienstwagen-Affäre - und im Sommerloch. Ein Rückblick auf die Julimonate der vergangenen zehn Jahre zeigt, dass Ullas Geschichte die belangloseste aller Sommerloch-Affären ist.
yvonne-gamringer

Der Bundesgesundheitsministerin ist ihr Dienstwagen im Urlaub abhanden gekommen und nun rechnen harte Kalkulatoren vor, dass die Präsenz des Wagens in Spanien gut 10.000 Euro an Kosten mit sich gebracht habe. Dass es Frau Ulla Schmidt mit dieser Lappalie auf die Titelseiten der Zeitungen bringt, ist erstaunlich. Dass aus dem Umstand eine "Affäre" wird, noch viel mehr. Das Sommerloch ist als Begründung für die hochgejazzte Berichterstattung berechtigterweise sehr schnell zur Hand. Wir haben uns im Archiv der Süddeutschen Zeitung umgetan und die Julimonate der vergangenen zehn Jahre nach dem Wort "Affäre" durchforstet. Ergebnis: Auf der zehnjährigen Hitliste von Affären in Julimonaten (also im Sommerloch) rangiert Frau Schmidt eher auf dem letzten Platz. Will meinen: In den vergangenen Jahren war da im Vergleich mehr los. Nachfolgend Zitate aus Texten, die in der SZ erschienen:

Default Bild

Illustration: Julia Schubert

Juli 1998 "Der Dollar verlor am Mittwoch zum Frankfurter Mittwochsfixing auf 1,7730 (1,7847) DM. Die Neuigkeiten in der Affäre Lewinsky haben die US-Devise belastet, sagten Händler. Monica Lewinsky, eine frühere Praktikantin im Weißen Haus, will über ihre angebliche Affäre mit dem US-Präsidenten Bill Clinton aussagen, nachdem ihr Straffreiheit zugesichert worden ist." *** "Die Affäre um den CDU-Politiker Manfred Wulfert aus Sachsen-Anhalt, der einen Mord in Auftrag gegeben haben soll, zieht weitere Kreise." *** "Der Betrugsprozeß um die Telephonsex-Affäre des CSU-Landtagsabgeordneten Hans Wallner ist vorerst geplatzt. Der 48jährige CSU-Politiker aus Deggendorf soll vom Dienstapparat seines Abgeordnetenbüros im Landtag im Frühjahr 1997 in mehr als 400 Fällen sogenannte Sex-Hotlines angewählt haben. Dabei habe Wallner auf Kosten des Landtags exakt 26.832 Mark vertelephoniert. Der Umweltpolitiker habe das Parlament um diese Summe betrogen, wirft ihm die Staatsanwaltschaft vor." *** "Im Windschatten der Festina-Affäre [bei der Tour de France] treten auch neue Kronzeugen auf den Plan. „99 Prozent der Fahrer sind gedopt”, erklärt Gerald Gremion, der Chefarzt am Klinikum Lausanne in der Boulevardzeitung France Soir, der Fall Festina sei nur einer von vielen." Juli 1999 "Affäre um Millionenverluste mit Immobilien: Stoiber weist Vorwürfe zurück: „Der LWS keinen Freibrief für waghalsige Geschäfte gegeben”." Juli 2000 "Prinz Ernst August Prinz von Hannover will sich vor Gericht gegen einen Strafbefehl in Höhe von 1,2 Millionen Mark wegen der Affäre um eine Prügelei in Kenia zur Wehr setzen. Das Büro seines Anwalts Jochen Heidemeier bestätigte den Eingang des Strafbefehls des Amtsgerichts Springe." *** "Ein bisschen Frieden: Ministerpräsident Roland Koch hat sich in der Spendenaffäre vom „brutalstmöglichen Aufklärer” zum hartnäckigen Aussitzer entwickelt." Juli 2001 "Das Haus des durch die Telefonsex-Affäre im Landtag bekannt gewordenen CSU-Politikers Hans Wallner ist am Mittwoch unter Wert versteigert worden. Ein Gutachter hatte es auf 920.000 Mark geschätzt, geboten wurden aber nur 600.000 Mark. Da das Gebot weniger als 70 Prozent des Schätzwertes ausmache, könne eine Frankfurter Bank als Hauptgläubiger noch binnen einer Woche den Verkauf verhindern, erklärte ein Sprecher des Amtsgerichtes Deggendorf. Wallner war 1999 wegen Betrugs zu einer Bewährungsstrafe von einem Jahr verurteilt worden, hatte sein Landtagsmandat verloren und war in große wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten. Mehrere Gläubiger des gelernten Kaufmanns hatten eine Zwangsvollstreckung beantragt." *** "Rücktritt in Berliner Politnutten-Affäre: Der Generalsekretär der Berliner CDU, Ingo Schmitt, hat seinen Rücktritt erklärt. Er zieht damit die Konsequenz aus seiner Äußerung über Schulsenator Klaus Böger (SPD). Schmitt hatte Böger die „größte Politnutte, die ich kenne” genannt." Juli 2002 "Affäre Hunzinger belastet die Politik: Lobbyist hat enge Verbindungen zu den Parteien / Özdemir erhielt Kredit / Scharping verschwieg Honorare: Die Verflechtungen des Frankfurter PR-Unternehmers Moritz Hunzinger mit Teilen der Politik und der Wirtschaft sind enger als bisher vermutet. Neben Ex- Verteidigungsminister Rudolf Scharping (SPD) hat auch der Grünen- Bundestagsabgeordnete Cem Özdemir von dem Lobbyisten Geld bekommen. Er erhielt 1999 von Hunzinger einen privaten Kredit in Höhe von etwa 80.000 Mark (rund 41.000 Euro) zu einem Zinssatz von 5,5 Prozent." *** "Durch eine Sex-Affäre verlor der Schweizer Botschafter Thomas Borer sein Amt – kurz bevor die Details vor Gericht erörtert werden, widerruft die Kronzeugin." Juli 2003 "CSU-Chefin Monika Hohlmeier gerät wegen der Affäre um gekaufte Parteimitglieder und gefälschte Aufnahmeanträge nun selbst massiv in die Kritik. Hohlmeier sei „Teil des Systems”, das solche Tricksereien erlaube, griff Oberbürgermeister Christian Ude (SPD) die Kultusministerin an." *** "Der frühere Vizepräsident des Zentralrates der Juden und Ex-TV-Moderator, Michel Friedman, der nach seiner Kokain-Affäre von allen Ämtern zurückgetreten ist, hat einen neuen Job. Friedmann soll Aufsichtsrat des Berliner Stadtmöblierers Wall AG werden." Juli 2004 "SZ: Schmerzt es Sie, dass vielen bei der Erinnerung an Ihre Präsidentschaft als Erstes die Lewinsky-Affäre einfällt? Clinton: Nein. Dass die Leute sich daran erinnern, habe ich zu verantworten. " Juli 2005 "ARD-Schleichwerbeaffäre: Der WDR erwägt eine Strafanzeige - und einen möglichen Austritt aus der Bavaria Film." *** "Visa-Affäre: Der Zeuge Otto Schily muss sich dem Bundestags-Untersuchungsausschuss stellen. Der Innenminister will den Eindruck vermitteln, er habe alles getan, um die Fehler des Außenministeriums auszubügeln" *** "VW-Affäre zieht weiter Kreise. Eigene Reisebudgets für Betriebsräte. Spekulationen um Nachfolge von Peter Hartz - Justiz prüft Ermittlungen im Ausland." Juli 2006 "Im Korruptionsskandal in der deutschen Autobranche hat der VW-Konzern erste Schadensersatzansprüche an beschuldigte Mitarbeiter „erfolgreich geltend gemacht”. Dies bestätigte am Samstag ein Sprecher von Europas größtem Automobilhersteller der dpa. Um welche Summen es sich genau handele, könne noch nicht gesagt werden. Es sei auch noch nicht abzusehen, welcher Schaden angerichtet wurde. Dies müssten die laufenden Ermittlungen ergeben." *** "Nach Bekanntwerden der so genannten Lustreise-Affäre hatte der VW-Vorstand Anfang 2006 zwei Ombudsleute ernannt, an die sich Mitarbeiter bei Korruptionsverdacht wenden können und die dann Hinweisen nachgehen." *** "Doping? Nein, gesundheitsfördernde medizinische Betreuung. Die Antidopinggesetzgebung? Heuchlerisch. Das sind, in zugespitzter Form, die zynischen Kernthesen, die Spaniens Dopingarzt Eufemiano Fuentes in der Nacht zum Donnerstag in der Sport-Radiosendung El Larguero des Senders Cadena SER vortrug. Der Mediziner, gegen den die spanische Justiz ermittelt, ist eine der fünf Schlüsselfiguren der neuesten Doping-Affäre; diese hat unter anderen den deutschen Radsportler Jan Ullrich um die Teilnahme an der diesjährigen Tour de France gebracht." Juli 2007 "ARD und ZDF ziehen sich von Tour zurück: Berichterstattung wegen der Doping-Affäre um Patrik Sinkewitz vorerst eingestellt" Juli 2008 "Dies ist ein einmaliger Vorgang in der deutschen Wirtschaftsgeschichte. Ehemalige Vorstandsmitglieder sollen für ihr Fehlverhalten haften. Es ist ja auch kein kleiner Schaden, den elf frühere Siemens-Führungskräfte angerichtet haben. 1,3 Milliarden Euro dubiose Zahlungen hat es noch nie in einem Schmiergeldfall gegeben. Und noch ist nicht absehbar, welche Folgen die Affäre für den Konzern haben wird." *** "In der sogenannten Liechtenstein-Affäre um Steuerbetrug mit Stiftungsmodellen kommt bald der erste Angeklagte vor Gericht. Die Staatsanwaltschaft hat ihre Ermittlungen in bislang etwa 200 Fällen abgeschlossen. Weitere Anklagen sind zu erwarten. 250 Betroffene haben sich selbst angezeigt, um einen Prozess zu umgehen. Dabei wurden mehr als 56 Millionen hinterzogener Steuern nachgezahlt."

Text: yvonne-gamringer - Foto: dpa

  • teilen
  • schließen