Meine Miesen

Deutschland steht dick in der Kreide, rechnerisch ist jeder mit 19.000 Euro verschuldet. Julian will jetzt seinen Anteil tilgen, was sich aber als schwierig erweist. Dafür lernt er, wie der Staat Schulden macht.
julian-heissler

Mein Girokonto darf ich höchstens um zweihundert Euro überziehen, doch ich bin tief in den roten Zahlen. Ich habe Schulden, eine Menge sogar. Doch ich kann nichts dafür. Zeit meines Lebens wurde Geld in meinem Namen ausgegeben, immer mehr und mehr. 19 000 Euro schulde ich mittlerweile. Mit dem Geld wurden Renten erhöht und Autos abgewrackt – auf mein Gewissen nahm keiner Rücksicht. Ich will diese Schul-den nicht. Ich will sie loswerden.

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Illustration: Julia Schubert

Ich bin ein Kind der Ära Kohl. Bei meiner Geburt war das erste Jahr der geistig-moralischen Wende gerade zu Ende. Es sollte Schluss sein, so der Kanzler damals, mit dem großen Geldausgeben: „Die weitere Verschuldung, das heißt die Aufnahme immer neuer Milliarden-Kredite muss aufhören“, hatte Kohl bereits 1981 der Bild-Zeitung gesagt. Hat sie aber nicht. Im Jahr meiner Geburt, 1983, stieg die Verschuldung der öffentlichen Haushalte um fast elf Prozent auf umgerechnet 147 Milliarden Euro an. Für mich hieß das: 3000 Euro Miese ab Tag eins. Als Kohl dann 1998 das Kanzleramt verließ, hatte er die Staatsverschuldung verdreifacht und die Pro-Kopf-Verschuldung verdoppelt. Und so ging es weiter. Egal wer regierte, Rot-Grün oder Schwarz-Rot, die Schulden stiegen. Heute stehen die Haushalte von Bund, Ländern und Gemeinden mit mehr als 1,5 Billionen Euro in der Kreide. Und es wird immer mehr. So kann es nicht weiter gehen. Ich will meine Schulden tilgen. „Nein, eine Kasse haben wir hier nicht. Das ist hier mehr ein Verwaltungsgebäude“, sagt die Frau am Empfang der DZ Bank am Pariser Platz in Berlin. Ich versuche ihr meine Lage zu erklären: Wie schwer mir die 19 000 Euro auf der Seele liegen, dass ich das Geld zwar nicht auf einmal bezahlen könne, aber gerne mit jemandem über Ratenzahlung spräche. „Das Privatkundengeschäft macht hier die Berliner Volksbank“, sagt sie schließlich. Es ist nicht mein erster Rückschlag: Beim Bundesfinanzministerium reagierte erst niemand auf mein minutenlanges Klingeln. „Eine Kasse gibt’s hier nicht“, rief mir schließlich ein Beamter durch zwei Sicherheitszäune hindurch zu. Und auch telefonisch hatte ich wenig Erfolg: „Eine Liste der Gläubiger? Hamwa nicht“, bellt ein Ministerialer in den Hörer, „glaubense etwa, wir hätte hier sowat rumliegen? Mit Kontonummer und allem?“ Ja, dachte ich eigentlich, doch so funktioniert es nicht. Deutschland nimmt seine Schulden am Kapitalmarkt auf. Dafür versteigert der Staat mehrfach im Jahr Schuldscheine an die großen Geldhäuser dieser Welt, unter anderem auch an die DZ Bank. So versorgt sich die Bundesrepublik mit frischem Kapital, mit dem schließlich Straßen gebaut, Polizisten bezahlt und Brücken saniert werden. Diese Schuldscheine sind in der Finanzwelt hoch angesehen: Anders als Aktien gelten sie als sicher. Solange die Bundesrepublik Deutschland steht, können die Banken mit einer festen Rendite rechnen. Deshalb lassen sie sich auch gut weiter verkaufen. Die Schuldscheine des Staates können gehandelt werden wie jedes andere Wertpapier auch. Sie werden weiterverkauft, einzeln oder in Paketen. Deshalb weiß niemand so genau, wem der Staat, und damit ich, eigentlich Geld schuldet. Ich beschließe also, beim Ursprung der Schuldenspirale anzusetzen: Die Finanzagentur des Bundes organisiert jedes Jahr die Auktionen, über die der Staat seine Schulden aufnimmt. Ich könnte bei der nächsten Auktion einfach meinen Anteil an der Staatsverschuldung ersteigern und dann auf die Ausschüttung meiner Rendite verzichten. So bekäme der Staat frisches Kapital von mir, müsste es mir aber nicht zurückzahlen. „Ja, der Bieterkreis ist prinzipiell schon offen“, sagt mir ein Mitarbeiter der Finanzagentur am Telefon. Er glaube aber nicht, dass Privatpersonen teilnehmen könnten. „Schließlich muss sich jeder Bieter dazu verpflichten, mindestens 0,05 Prozent der angebotenen Papiere zu übernehmen.“ Da wird es für mich tatsächlich schwierig. Nach bisheriger Planung werden in diesem Jahr Wertpapiere für 47,6 Milliarden Euro versteigert. Für mich bedeutete das einen Mindesteinsatz von 238 Millionen Euro – mehr als das zwölftausendfache meiner persönlichen Staatsverschuldung. Als ich nach Ratenzahlung frage, werde ich in die Warteschleife gestellt. Niemand holt mich wieder zurück. Währenddessen steigt die Staatsverschuldung weiter – um 4400 Euro pro Sekunde. Und es gibt nichts, was ich dagegen tun kann.

Text: julian-heissler - Illustrationen: katharina-bitzl

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