Wie zu Guttenberg so beliebt wurde

Er ist der jüngste Bundeswirtschaftsminister, den es je gab und außerdem der beliebteste Politiker im Land. Wie kommt's? Auf eine Rostbratwurst mit Karl-Theodor zu Guttenberg von der CSU.
peter-wagner

Coburg riecht nach Rostbratwurst. In einem Büdchen am Marktplatz brutzeln einheimische Würste auf echten Kiefernzapfen und aus dem Schlot dahinter qualmt es erheblich. Der Grillrauch zieht über den Platz, auf dem die Menschen auf Karl-Theodor zu Guttenberg warten. Und da ist er ja! Er steigt aus dem dunklen Wagen mit dem Berliner Kennzeichen, Applaus, er klettert auf den PKW-Anhänger mit der grauen Plane, die nach drei Seiten geöffnet ist und sagt Sätze wie: „Wir müssen Transparenzstrukturen schaffen.“ Karl-Theodor zu Guttenberg hat gehörig viel erlebt in diesem Jahr. Im Januar war er noch Generalsekretär der CSU, ein Beruf, in dem man den Medien sagen muss, wie blöd die anderen Parteien sind. Im Februar ist er Bundeswirtschaftsminister, ein Beruf, in dem man den Menschen im Land sagen darf, dass die Krise schlimm aber nicht sauschlimm ist. Seit Mitte Februar vergeht kein deutscher Tag ohne Aufsager mit dem Wirtschaftsminister. Die Krise legt ihre Arme um das Jahr 2009 und die Kameras und die Mikrofone scheinen sich in Guttenberg zu verlieben. Er ist so etwas wie der Moderator einer schwierigen Zeit. Er gibt Auskunft über Opel, seine Frau, seine Frisur und AC/DC. Der stern fliegt mit ihm durch das Land und verfasst eine anhimmelnde Kurzbiographie, die den Titel „Der coole Baron“ trägt. Kein anderes Wahlplakat wird in Bayern so oft geordert wie das mit zu Guttenberg. Der Mann scheint ein guter Verkäufer zu sein und das Land scheint etwas an dem jungen Herrn gefunden zu haben. Aber was?

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Illustration: Julia Schubert

Der Bild am Sonntag sagt zu Guttenberg: „Ich bin jemand, der mit dem nötigen Ernst und mit relativ fröhlicher Gelassenheit ins Leben blickt und immer versucht, ein gerüttelt Maß an gesundem Menschenverstand wirken zu lassen.“ Den Coburgern sagt Karl-Theodor, dass er am Morgen fast dem Bett „anheim gefallen“ wäre, weil er fieberte. In fast jedem seiner Sätze steckt eine seltsame Vokabel oder eine altertümliche Wendung. Manchmal wirkt es, als tunke er seine Worte in rosa Farbe. Womöglich spricht er eine neue Sprache: Guttisch. Stellt man sich an die Seite des kleinen Rednerpults, das auf dem Marktplatz zu Coburg steht, dann sieht man, wie straff zu Guttenberg steht. Er drückt all seine Körpergröße in die Luft. Die Knie sind durchgestreckt, die Schultern nach hinten gezogen. Sein Vater ist der Dirigent Enoch zu Guttenberg. Der berichtet, wie ihm sein Großvater bei Tisch einen Stock zwischen Stuhl und Rücken klemmte. Seinem Sohn Karl-Theodor, sagt er, sei das aber nicht wiederfahren. „Der hat als Kind schon ein wahnsinniges Pflichtbewusstsein gehabt (...) Wenn ich abends weg musste und gesagt habe, ihr seid um neun im Bett und das Licht ist aus, dann war das so.“ Enoch zu Guttenberg nennt seinen Sohn einen „begabten Hund“, der seinem Vater zum 50. Geburtstag einen fiktiven Dialog zwischen Ludwig XIV. und Johann Sebastian Bach widmet. Karl-Theodors Lehrer an einem Rosenheimer Gymnasium erinnert sich heute an „formvollendete Manieren“. Einmal war der Schüler zu Guttenberg zu Besuch bei diesem Lehrer: Jedesmal, wenn dessen Frau für Kaffee oder Kuchen in die Küche ging, stand zu Guttenberg auf und blieb so lange stehen, bis die Frau wieder saß.

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Illustration: Julia Schubert

Er schreibt sein Abitur in den Leistungskursen Griechisch und Latein, wird Gebirgsjäger in Mittenwald, Jurastudent und Doktor in Bayreuth und mit 30 geht er für den Wahlkreis Kulmbach-Lichtenfels in den Bundestag, weil gegen den eigentlich aufgestellten Kandidaten Steuerermittlungen laufen. Sehr geradeaus, das Ganze. Und sieben Jahre später, in einer Woche im Juli 2009, rufen in einem schmucklosen Gebäude in der sommerheißen Mannheimer Innenstadt 140 Telefoninterviewer bei zufällig ausgewählten Menschen im ganzen Land an: Drei Tage lang fragt die Forschungsgruppe Wahlen für das ZDF-Politbarometer nach der politischen Stimmung und nach den beliebtesten Politikern. Am 24. Juli erscheint das freche Ergebnis: Herr zu Guttenberg ist gerade mal fünf Monate Minister und der beliebteste Politiker im Land. Wie wird man eigentlich Politiker? Es gibt da eine ziemlich lustige aber auch frustrierende Definition. Der Journalist Nils Minkmar hat sie in sein Buch „Mit dem Kopf durch die Welt“ geschrieben, in dem er durch sein Privat- und Arbeitsleben marschiert und nebenbei das Land erklärt. Minkmar erinnert sich daran, wie er an der Uni politisch war und denkt über das Politikersein an sich nach: Wenn es mit einem vieldeutig schwingenden Unterton heißt, jemand habe sich entschlossen, in die Politik zu gehen, wird nie angefügt, dass die Politik grundsätzlich keinen zurückweist. Jedes Kloster, selbst die Fremdenlegion, macht strengere Auflagen an Aspiranten. Das macht die unteren politischen Gliederungen so attraktiv für Personen, die es ansonsten schwer haben im Beruf, im Freundeskreis, in der Familie. Ein Ortsverein, eine Studentengruppe, wird zu einem Interessenten nie nein sagen. Um Karriere zu machen, genügen, wie Peter Glotz einmal geschrieben hat, 250 freie Abende im Jahr. Welcher einigermaßen ausgeglichene Mensch mit einem Job, einer Familie oder Freunden, mit einem Leben, hat die schon?

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Illustration: Julia Schubert

Politik ist in den Augen vieler ein brockiges, anstrengendes, manchmal auch verderbtes Geschäft, in dem nicht zwangsläufig die Besten auch oben landen. Judith, 25, kandidiert in München für die Grünen und den Bundestag. Im Gespräch mit jetzt.de sagte sie neulich: „Das ist auf der anderen Seite auch wieder das Problem mit der Politik. Wenn man einmal durch die Mühle durch ist, ist man schon genauso wie die etablierten Politiker: Dann ist man genauso korrumpiert, achtet auf jedes Wort und versucht sich immer nur ins beste Licht zu rücken und so.“ Vielleicht mögen viele die vermeintlich coole und leichte Art, in der Guttenberg nach oben segelte. Wer direkt an‘s Ziel kommt, muss sich seinen Charakter nicht im Kampf um den jeweils nächstbesseren Posten versauen. Der Spiegel beschreibt in einem Portrait von Frank-Walter Steinmeier in dieser Woche, wie schwer sich der SPD-Kandidat am Anfang des Wahlkampfes tut, den Tanzbären zu geben, den die Kameras und vielleicht auch die Wähler gerne in einem künftigen Kanzler sehen wollen. Karl-Theodor zu Guttenberg kann diese Rolle schon tipptopp. Er hat sich nach einer Kundgebung mal ein AC/DC-T-Shirt übergezogen und wird deshalb von einer Rockband auf dem Coburger Rostbratwurstmarktplatz mit „TNT“ empfangen. Er hat eine Umhängetasche voll mit Vornamen, er muss sein Haar gelen, weil es sonst abstünde, seine Vorfahren hatten irgendwie auch was mit Stauffenberg und seinem Attentat auf Hitler zu tun - der ganze Ministerkerl ist schon eine Geschichte wert, da muss er seinen Mund noch nicht aufgemacht haben. Nur leider ist es ein seltsames Referat, das Karl-Theodor zu Guttenberg in Coburg hält. Es geht darin um fast nichts. Guttenberg verlangt, dass man Politik wieder als „Dienstleistung und nicht als Karriereleiter“ betrachten müsse: „Wir müssen die Bodenständigkeit und Bescheidenheit bewahren und demütig vor dem Amte bleiben.“ Er deutet die soziale Markwirtschaft aus und fragt Fragen, die man nie denken würde: „Sind wir bereit, das Modell der sozialen Marktwirtschaft erklärend weiterzugeben?“ Dann spricht er von Werten, vom Wert der Familie und ein paar anderen Werten, die jeder sowieso gut findet, weil Werte doch schließlich was sind. Er taucht in einen Sumpf von Allgemeinplätzen: „Es geht darum, sich im Krisenbewußtsein auch ein Selbstbewusstsein zu halten“. Angeblich hat Angela Merkel für die Wahl die Losung ausgegeben, den Inhalt beiseite und die anderen Parteien in Ruhe zu lassen. Sie ist sich ihrer Sache angeblich recht sicher. Wenn das so sein sollte, dann folgt Guttenberg ihr brav. Mit seiner rosigen Sprache und seiner kurzen Erfahrung tut er sich auch recht leicht, ins allgemein Gesellschaftsphilosophische abzuschweifen. Sein größter Erfolg ist, schreiben viele Berliner Politikjournalisten, dass er während der Opel-Verhandlungen einmal entschieden „Nein“ zu einer bestimmten Lösung gesagt hat. Ein ziemlich unternehmerfreundliches Dossier zur künftigen Industriepolitik hat er wieder eingestampft. Vielleicht, weil es eine inhaltliche Debatte ausgelöst hätte. Andere Erfolge fallen ihm auf Anhieb auch selbst nicht ein, wie man in einem Beitrag der NDR-Sendung "extra 3" sieht.

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Illustration: Julia Schubert

Ein Screenshot aus dem extra 3-Film "Society-Reporterin Jasmin bei Guttenberg". Vielleicht hatten die Menschen aus den vergangenen vier Jahren Große Koalition ja noch ganz viele Sympathiepunkte übrig, die sie mangels Auswahl keinem Politiker geben konnten. Dann kam Karl-Theodor zu Guttenberg um‘s Eck, die Sympathiepunkte drohten schon zu verfallen und Guttenberg bekam sie. Ob er sie wirklich verdient, darf er vielleicht nach dem kommenden Sonntag zeigen, wenn die Taktik von Angela Merkel aufgegangen sein sollte. In Coburg ist sie schon aufgegangen, zumindest für Karl-Theodor zu Guttenberg. Am Ende der Rede beregnen ihn die Zuhörer mit Applaus. Sie haben gehört, was ihnen gut tut. Über den Kiefernzapfen braten noch Würste und auf der Bühne bedankt sich der örtliche Bundestagsabgeordnete beim jüngsten Wirtschaftsminister aller Zeiten: „Lieber Karl-Theodor ... das war eine historische Rede!“ *** Hier erfahrt ihr, wie es bei Frank-Walter Steinmeier in der WG war. Alles weitere zur Bundestagswahl gibt es unter jetzt.de/wahl09

Text: peter-wagner - Fotos: ap, dpa

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