Ludwig Hartmann hat alles aufgefahren, was er konnte. Er hat einen vier Meter langen Tisch aufgestellt, einen grünen Sonnenschirm, er hat Büchlein mit dem Wahlprogramm mitgebracht, Biobrezeln mit Parteilogo auf der Packung, Traubenzucker-Tütchen mit der Aufschrift „Erneuerbare Energie“, grüne Luftballons und Postkarten, auf denen er im König-Ludwig-Kostüm vor dem Schloss Neuschwanstein posiert („Wieder ein Ludwig für Bayern“). Überall im Viertel hängen schon die Plakate mit seinem Gesicht darauf, so dass ihn die Menschen wieder erkennen. Es ist Samstagmittag, die Sonne scheint, und Ludwig steht mit seinen drei Helfern genau dort, wo eigentlich der ideale Ort sein müsste, um grüne Wähler anzusprechen: in einer Fußgängerzone im Münchner Stadtteil Haidhausen, direkt vor dem Biomarkt. Aber die Leute gehen einfach vorbei.

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Der studierte Kommunikations-Designer Ludwig Hartmann kann viel davon erzählen, wie man Politik geschickt verkaufen kann. Bei der letzten Wahl fehlten ihm dennoch 81 Stimmen zum Einzug in den Landtag. „Eine kleine Information zur Landtagswahl?“ Ludwig hat seine Faltblättchen in der Hand und hält sie den Vorbeigehenden hin. Wann immer eine Mutter oder ein Vater mit einem Kinderwagen vorbeikommt, bietet er dem Kind einen Luftballon an. Aber Kinder können ja nicht wählen. Dann geht ein Mann auf den Stand zu. Will er sich informieren, über die Gefahren der Gentechnik, oder über den geplanten Tunnelbau im Viertel? „Ich wollte nur sagen“, kläfft der Mann die Helfer an, „eure Luftballons sind doch umweltschädlich.“ So ist das mit der Politik: Wer später einmal in vollen Bierzelten große Reden halten will, oder vor dem halbleeren Landtag, der muss sich erst einmal auf der Straße dumm anmachen lassen. Ludwig Hartmann hat das alles vor fünf Jahren schon einmal durchgemacht. Er wäre fast in den Landtag gekommen, aber am Ende fehlten ihm ganze 81 Stimmen. 14.588 Wähler hatten schon für ihn gestimmt. Diesmal soll der Wahlkampf nicht noch einmal umsonst gewesen sein. An einem Freitagvormittag sitzt Ludwig Hartmann in einem Cafe in der Münchner Innenstadt. Er trägt Hemd und Jeans, die Haare hat er hochgestellt. Ludwig ist 30 Jahre alt, hat Kommunikationsdesign studiert und betreibt eine kleine Agentur, die Werbung für mittelständische Unternehmer macht. Ludwig kann viel davon erzählen, wie man Politik geschickt verkaufen kann. „Der durchschnittliche Bürger beschäftigt sich eine Minute am Tag mit Politik“ sagt er. „Da muss man schwer was in seine Flyer reinpacken.“ Seine Vorstellungen zur Energiepolitik erklärt Ludwig in seiner Broschüre in elf Zeilen, die zur Gentechnik in zehn. Viel lieber erzählt Ludwig von seinen Überzeugungen. Als er zwei war, schleppten ihn seine Eltern schon zu Demonstrationen gegen die atomare Nachrüstung. Als Teenager ging er selbst zu den Grünen, war drei Jahre Landesvorsitzender der Grünen Jugend. Seit sechs Jahren sitzt er im Stadtrat von Landsberg am Lech. Am wichtigsten war ihm immer die Energiepolitik. „Ich finde es traurig, dass die CSU heute noch offensiv Wahlkampf mit ihrer Forderung für Atomenergie machen kann“, sagt er. „Wenn sie das wollen, dann sollen sie auch sagen, wie sie den Atommüll sicher endlagern können. Aber das tun sie nicht“ Auch deshalb möchte er in den Landtag, sagt er. „Ich kann dann hoffentlich die Atomlobby frontaler angreifen.“

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Wer später einmal in vollen Bierzelten große Reden halten will, oder vor dem halbleeren Landtag, der muss sich erst einmal auf der Straße dumm anmachen lassen. Ludwig Hartmann im Wahlkampf Bis er dahin kommt, muss er sich nicht nur gegen die übermächtige CSU durchsetzen, sondern auch gegen die eigene Partei. Und das ist ein Problem. „Ich hab mir das genau angeschaut und ich weiß: wenn ich ein Mandat will, dann muss ich schon einen der jetzigen grünen Landtagsabgeordneten rauskicken.“ Auch deshalb gibt es in München so viele Plakate von ihm. Sie dienen dem Kampf in der eigenen Partei. Am Infostand vor dem Biomarkt tut sich noch immer nicht viel. Dann kommt wieder ein Mann auf den Tisch zu. Im Gegensatz zum vorherigen Besucher lächelt er freundlich. „Ich wünsch euch viel Glück“, sagt er, „auch wenn ich eigentlich für den Maget bin. Aber ich bin hier auch gar nicht wahlberechtigt.“ Und Ludwig murmelt nur „Hier gibt es ganz schön viele Leute, die nicht wählen dürfen.“

Text: bernhard-huebner - Fotos: Holly Pickett