Das Bier im Wahlkampf

Es gibt Dinge, mit denen sich Wahlkämpfer besonders oft zeigen. Heute: Ein Bier bitte!
Von Friedemann Karig
Foto: Stefan Sauer/dpa; Bearb: Lucia Götz

Es gibt Dinge, mit denen sich wahlkämpfende Politiker besonders gerne zeigen oder von denen sie besonders oft umgeben sind. Bratwurst, Werkshelm, Luftballons: Warum gibt es sie, was symbolisieren sie und wie gehen die Staatsmänner und -frauen mit ihnen um? Im Bundestagswahljahr 2017 widmet sich unsere stilkritische Kolumne den typischen Wahlkampf-Accessoires.

Was kann das Accessoire?

Einiges. Spätestens seit Gerhard Schröders legendärem „Hol mir mal ne Flasche Bier!“ bei einer Autogrammstunde 2002 gilt: Politiker müssen trinken. Öffentlich. Am besten ein Bier. Warum?

Erstens: Nichts ist so deutsch. Es wird nicht nur „rein" gebraut, mit den hiesigen Rohstoffen Hopfen, Gerste, Malz, Wasser. Und zwar nicht nur aus Liebe zur Natur oder zum Brauchtum. Sondern wegen eines Gebotes. Deutscher wird es nicht. 

Das Bier in der Politikerhand sagt also: „Ich bin eine/r von Euch. Und Ihr seid gut.“ Das Bier ist das Getränk der Arbeiter, der Ehrlichen. Besonders für wichtige Anzugsträger also ein prickelnder Türöffner zur Stube des „kleinen Mannes“. Und für Politikerinnen fast noch praktischer: Sie zeigen sich als bodenständige Persönlichkeiten, von denen der sexistische Otto Normalbürger „das gar nicht gedacht hätte“. So trinkt Angela Merkel bei jeder Gelegenheit Bier. Sie weiß: der Nimbus des arroganten, entrückten Berufspolitikers weicht mit jedem Schluck. Das Wahlkampf-Bier ist ein Ärmelaufkrempler, ein Krawattenlockerer, ein klares Zeichen: Wir packen es an.

Zweitens zeigt das Bier: Wir können reden. Denn genau zu dem einen Bier verabredet man sich gerne mit Freunden und Kollegen, die man leiden kann. Niemand geht „auf einen Cremant“, wenn er oder sie Klartext sprechen will. Das in größerer Runde genossene Bier ist ein Wahrheitselixier. Wer über seinen glitzernden Schaum hinweg spricht, kann gar nicht lügen. Selbst wildeste Wahlkampfversprechen klingen mit ein wenig Bier-Kohlensäure versetzt irgendwie machbar,  schlimmster Populismus wird im Bierzelt erträglich. „Prost!“ – alles was danach kommt, hat einen gewissen Wert. 

Und drittens hat das Bier genau richtig viel Prozent, dass man sich demonstrativ entspannen kann. Das Bier bringt ein wenig Glanz in die vom Reden und Zuhören und Prozentesammeln stumpfen Augen. Aber der Volksvertreter könnte auch noch fahren, hat keinen zweifelhaften Rausch, keinen unkontrollierten Eindruck gemacht. Deshalb bleibt es für Politik im Wahlkampf immer auch bei diesem einen Bier. Zumindest offiziell. Während sich das Volk auch mal ordentlich berauscht, bleibt der Politiker Vorbild. Trinkt drei Schlucke. Prostet ganz viel zu. Und haut wieder ab. Zurück lässt er ein schales, halbes Bier. Wiederum ein schönes Sinnbild für die Sonderstellung des Politikers, der nie mehr als ein fünf Schlucke lang er oder sie selbst sein darf.

Das Bier erzählt also auch etwas, wenn es ausbleibt. Neulich im NRW-Wahlkampf wollte die AfD ein paar Bier trinken. Zeigen, dass man eine ungefährliche, ebenso biertrinkende „Volks“-Partei ist. Aber wegen angekündigter Gegendemos erlaubte die Polizei werde Hüpfburg noch Wurststand noch Bierstand. Das Bier als Wahlkampf-Accessoire, es vergibt sich eben nicht an jeden.  

Wo lauert Gefahr?

Dass trockene Alkoholiker wie Martin Schulz Apfelschorle statt Bier trinken, ist nicht gefährlich. Zum Glück ist es heute kein Tabu mehr, offen mit einer überwundenen Alkoholkrankheit umzugehen. Gefährlich leben eher die, die sich nicht eingestehen, dass sie am Wahlkampf vielleicht auch die Sauferei ganz gerne mögen. Oder wie sagte Michael Glos (CSU) mal bei Stuckrad-Barre im Fernsehen auf die Frage, wie man ein erfolgreicher Politiker wird: „Nie alleine trinken.“

 

So lässt es die Wahlkämpfer im besten Fall aussehen:

Und so im schlechtesten: 

Und wer hat es bisher am besten genutzt? 

Foto: REUTERS/ KAI PFAFFENBACH
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