Tocotronic - Kapitulation

Das ist falsch. Tocotronic machen ein Album, das zwar „Kapitulation“ heißt, aber ein Triumph ist. Einer, der umso mehr glänzt, als man ihn nicht mehr erwartet hatte. Und einer, der aus vielen einzelnen Funkelstücken zusammengesetzt ist. Deswegen ausnahmsweise: Lied für Lied rezensiert.
max-scharnigg
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Illustration: Julia Schubert

1. Mein Ruin Sehr solider Einstieg. Rockplatten fangen so an, volles Arne Zank-Becken, Gitarrenschubber. Und der Themenhorizont wird abgesteckt: Ich-Ruin, Rückzug, Aufgabe, Schönheit des Scheiterns. Insgesamt ein kantige Eröffnung, viel rougher als alles auf der letzten Platte, aber eben auch nicht so wild wie ganz früher. Wird noch besser. 2. Kapitulation Nach Ruin kommt Kapitulation, das ist logisch. Das Titelstück setzt tatsächlich auch den Maßstab dieser Platte, Dirk von Lowtzow singt, wie er noch nie getan hat: fragil und leicht, begleitet die Gitarre in die Höhen und legt einem die Kapitulation so zuckersüß nahe, dass man nicht widerstehen kann. Die große Refrainkunst, die die ganze Platte auszeichnet, wird hier ausgebreitet: Kapitulation, Kapitulation - es dreht sich alles darum und man will es jetzt auch. Schöner Chor am Ende. 3. Aus meiner Festung Eher unscheinbares Stück, das den Themenpullover natürlich weiterstrickt, die Festung, das Versteck, das letzte, was einem bleibt, nach Ruin und Kapitulation. Verstecktes Lied deswegen auch, zurückgezogen, fast unscheinbar. 4. Verschwör dich gegen dich Hier nimmt die Platte so richtig Fahrt auf, ein herrliches, schnelles Lied, zum Tanzen und Küssen und im Flur stehen. Feine straighte Gitarren, eine Schönheitskönigin mit Gesang und Text, anheimelnd bis ins Mark. Das Lied, mit dem in diesem Jahr Mixtapes beginnen sollen. Wunderbarste Zeile des ganzen Albums: "Verschwör Dich gegen Dich / die Gegner, sie ergeben sich / von selbst, denn du bist nachtumweht / unter dein Bett hat man ein Rosenblatt gelegt. " Ja. Ja. Ja. 5. Wir sind viele Sortiert wieder etwas Schwung raus und Nähe, grade noch „dich gegen dich“ jetzt: "wir sind viele / Unkraut das nicht vergeht. " Eine Art schummrige Vision dieses Lied, ein Blick in eine Hellseherkugel. Ohne Rosenblätter auf der Gitarre, aber in seiner Länge mit einem ganz eigenen Sog. Das hätten sie vor vier Jahren mit elektronischem Gekreisel zu Grabe getragen. Heute: Rockgitarre bis zum Ende, kein Auflösen, no Elysium, Verstärker, Stimme, Geklimper, raus. 6. Harmonie ist eine Strategie Zeit für den nächsten Höhepunkt, Zeit für das vielleicht rundeste, harmonischste Lied des Albums. Wie hier mit Glockenspiel die „Harmoie, -ie -ie“ in Klang umgesetzt wird, wie von Lowtzow sanft immer weiter singt, als wäre ihm nichts grenzbar und nichts zu eng. Die Band: so virtuos und elegant, so pointiert und graziös, dass man sie gerne den Großeltern vorstellen würde. Außerdem mit diesem Lied zum ersten Mal thematisch: Ausweg, Rettung! Harmonie als Strategie. Noch nie waren Tocotronic heute weiter weg von Tocotronic früher. Alles gut. 7. Imitationen Und dann eben, mit einem einzigen Handgriff, das vermutlich beste Liebeslied das diese Band je fabrizieren wird, hinterher gesetzt. Ein Gedanke, der alle Waffen strecken lässt: „Dein Schön ist mein Schön, dein Schlimm ist mein ganz Schlimm“ Ja, es gibt auch 2007 noch Umschreibungen für Liebe, die alles sagen. Ein Lied wie ein Hurra! 8. Wehrlos Man bleibt in Liebe. Aber zarter. Etwas nachdenklichere Zeilen, etwas dunkler die Musik, „Ich brauche Valium, ohne dich“. Einschlaflied an traurigen Tagen, von Lowtzow wirkt matt und filigran, die Band etwas einfallslos. 9. Dein Geheimer Name Das mag ich nicht. Hier ist der Gesang so überkippend und schwül, so hoch, dass es komisch klingt. Und da ist auch wieder dieses mythische, nicht-geerdete, dass bei den letzten Toco-Platten gelegentlich die Überhand hatte und dem man nicht folgen konnte/wollte. Ein mächtiger Song trotzdem, der am Ende in einen tatsächlich wilden Strudel umkippt, aber irgendwie zu spät. 10. Sag Alles Ab Dann: die grandiose Single, die ja so gar nicht für den Rest der Platte steht, sondern nur für sich alleine, ein Monolith, der super funktioniert. Von Lowtzow wütend und so streng, gleichzeitig lustig und gönnerhaft. „Du musst nie wieder in die Schule gehen!“ Bamm, bamm Den Abiturienten möchte ich sehen, der in diesem Sommer nicht dazu ausflippt. Sehr brauchbar, sehr wichtig, dass das drauf ist. 11. Luft Man ist der Auflösung nahe. „Ja, meine Arbeit ist vollbracht“ singt von Lowtzow und hat recht. Was jetzt noch bleibt: Luft, atmen, die allerletzte Arbeit. In ein Lied umgesetzt ist das so: gerade, gerade, Gesang, Gitarre, alles ebenerdig, Schnörkelei ist beinahe over, Wut sowieso, stattdessen leicht geisteskrankes „Hoi, ho“ –Gejaule am Ende und Händeklatschen. Chillen auf tocotronisch. Nichts muss jetzt mehr und dieses Lied legt sich wie ein Nichts, wie eben Luft, zwischen alle Lieder. Und ist da. 12. Explosionen Jetzt kann nichts mehr kommen und dann kommt eben doch noch was. Das ganze Ende. Durch so viele Formen geschritten, durch Festungen und Ruin und am Ende: Explosion! Alles hochjagen. Aber nicht so, wie Kante das gemacht hätten, mit einer Kakophonie aus Spuren und Gitarren. So eins zu eins sind Tocotronic nicht mehr (eh nie). Stattdessen, ganz ruhiger und drogiger Anfang, von Lowtzow so zwiespältig und gleichzeitig warm im Singen, ein Held reitet eine herrliche Gitarre und spricht immer wieder eine Botschaft: Kein Wille triumphiert. Wieder das Arne Zank-Becken, und dann: Ist es plötzlich aus. Und alles ist explodiert.

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