3:1 Rummenigge, 67. Minute

Wir leben in Zeiten, in denen sich alles ändert. Echt? Unser Autor erzählt von Dingen, die ihm bleiben. Heute: Fußball.
alf-frommer

JAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAA!  

Es war ein dunkler Novembertag in meiner Kindheit. Ich saß als kleiner Junge das erste Mal vor dem Radio und lauschte gebannt der Bundesligakonferenz auf WDR 3. Ein echter Klassiker des Fußballs. Sozusagen das Deutschland - England der Fußballberichterstattung. Besonders angetan hatte es mir die Partie MSV Duisburg gegen FC Bayern München. Es war ein packendes Spiel. In der 57. Minute fiel das 3:2 für die Münchener durch den Bomber der Nation, Gerd Müller. Das weiß ich natürlich nicht mehr so genau. Doch dank Google kann ich heute exakt sagen, wann das Spiel angepfiffen wurde und wie es genau lief. Wer die Tore schoss (Hattrick von Dietz), wer eine Gelbe Karte bekam (Kapellmann) und wieviele Menschen im Stadion waren (20.000). Ich kann aber auch etwas sagen, was eine Suchmaschine nicht kann: An diesem Nachmittag wurde ich Fan des FC Bayern München.   

Unser Gedächtnis wird heute scheinbar ins Internet ausgelagert. Aber das sind nur die nackten Zahlen oder Fotos. Nicht die Emotionen. Die gibt es nur in Echtzeit und als Gefühl in der eigenen Cloud: der Erinnerung. Dieser Moment, wenn man vor dem Radio sitzt und dein Team ein Tor schießt. Du jubelst, als säßest du im Stadion. Das meine ich. Oder die Verzweiflung, wenn man zurückliegt. Diese Augenblicke des alltäglichen Wahnsinns passieren mir heute noch. Meine Frau erkennt an meinem Gesicht immer, wie der FC Bayern gespielt hat. Das sind keine Daten, dass sind emotionale Meilensteine des Lebens, die in keine Chronik passen. Außer in die eigene.

In meinen Kindertagen gab es noch kein Internet. Damals besaß ich ein Schulheft, in das ich nach jedem Spieltag penibel alle Partien eintrug. Sagte der Moderator einen Treffer an, trug ich zum Beispiel ein: 3:1 Rummenigge, 67. Minute. Und das Spieltag für Spieltag, Tor für Tor. Noch blöder war es, dass ich auch Tore eintrug, die es noch gar nicht gab. Lag der FC Bayern zurück, dann habe ich schon mal prophylaktisch den Ausgleichstreffer eingetragen. Das war meine Form des Voodoo.   

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Illustration: Julia Schubert



Fußball ist eine Metapher für das Leben. Man gewinnt, man verliert und manchmal keins von beiden. Niederlagen sind gefühlte Siege und manches langweilige 0:0 ist dann am Ende doch ein Punktgewinn, der einen weiterbringt. Fans des FC Bayern werden immer zu denen geordnet, die gerne auf der Gewinnerstraße des Lebens wandeln. So eine Art Barbourjackenträger unter Kutten-Fans. Natürlich macht Erfolg sexy. Aber auch ein Fan des Rekordmeisters erlebt Demütigungen. Die Mutter aller Niederlagen war das 1:2 im Champions League Finale 1999. Diese beiden Tore in der Nachspielzeit. Abwehrspieler Koffour weinend auf dem Platz zusammen gekauert. Zu der eigentlichen Katastrophe kommt bei Bayern-Niederlagen immer der Hohn und Spott der Freunde. Ich erinnere mich, wie ich Hals über Kopf direkt nach dem Schlusspfiff aus der Wohnung floh. Vollkommen paralysiert schlich ich durch die Straßen von St. Pauli. Alleine mit mir und meinem Schmerz. Voller Enttäuschung. Ohne Ziel und Verstand. Die bunten Lichter der Reeperbahn waren alle grau. Ich war fertig.  

Genau das Gegenteil passierte zwei Jahre später in der AOL Arena oder wie das Volkspark-Stadion gerade wieder heißt. Ich saß am 34. Spieltag der Saison 2000/2001 im Stadion. Die Bayern brauchen nur ein Unentschieden, um Meister zu werden. 90. Minute: Flanke auf Barbarez  – 1:0 für den HSV. Ich breche innerlich zusammen. Alle Hamburg-Fans um mich rum jubeln und machen Scherze. Dann die Nachspielzeit. Das gesamte Stadion steht, keinen hält es auf den Sitzen. Rückpass auf Schober. Indirekter Freistoß für Bayern. Andersson tritt an. 1:1. Der Rest ist Ekstase. Schreien. Springen. Schreien. Hüpfen. Jubeln. Ausrasten. Wildfremde Menschen umarmen. Später schaute ich in einer Spelunke in St. Pauli die Sportschau und freute mich über den verzweifelten Schalke-Fan, der weinend "Scheiß Bayern" sagte. Noch sehr viel später tanzte ich glückselig im Pudel Club. Es war eine wundervolle Nacht. Am nächsten Tag bin ich ohne Stimme aufgewacht. Aber mit unglaublichen Erinnerungen.  

Es gibt 90 Minuten plus Nachspielzeit, die passen in keine Timeline. Gefühle werden von Datenkraken nie wirklich erfasst, sondern nur von uns Menschen. Wir halten sie so fest, wie es kein soziales Netzwerk tun kann. Der Fußball erinnert mich immer wieder daran, dass es Augenblicke gibt, die man nur in Echtzeit erleben kann. Nicht auf Twitter oder anderswo. Darum liebe ich Fußball seit vielen Jahren. Übrigens: Wie ging das erste Spiel eigentlich aus? Vor dem Radio musste ich erleben, wie Bayern 3:6 gegen Duisburg unterging. Ich weinte. Die Liebe zum Rekordmeister begann für mich also sehr atypisch: mit einer Niederlage. Vielleicht bin ich ja eigentlich doch ein sympathischer Verlierer-Typ. Und trotzdem Fan des FC Bayern.


Text: alf-frommer - Foto: misterQM / photocase.com

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