Der andere Alf

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Ich bin wie die meisten Menschen eitel. Mein Traum wäre es, dass mich alle so sehen, wie ich mich selbst gerne sehe: Wunderschön, superintelligent, wahnsinnig charmant. Leider hat das Bild, das ich von mir habe, nur bedingt mit der Wirklichkeit zu tun. Es gibt hübschere Männer als mich, schlauere und solche, die gewinnender wirken. Vor allem was Frauen angeht. Oder begehrte Positionen im Beruf. Das macht mich innerlich schon traurig, denn wer träumt nicht von der Perfektion? Auch wenn das Perfekte niemals perfekt sein kann. Das ist das Dumme daran.

Einmal glaubte ich, dem idealen Abbild meiner selbst sehr nahe zu sein: Das war im September 2003. Ich kam gerade nach drei Wochen Urlaub aus der Türkei zurück. Braungebrannt und erholt. Meine damalige Werbeagentur brauchte neue Bilder der Mitarbeiter. Der Zeitpunkt war genau richtig: Ich sah für meine Verhältnisse toll aus. Als die Fotos gemacht wurden, schaute ich auch einmal keck nach oben statt in die Kamera. So als ob von der Decke ein Karton fallen würde. Ich mochte diesen ironischen Seitenblick. Außerdem war da so ein leichtes, kaum merkliches Lächeln um die Mundwinkel herum. Ein wenig so, als ob ich über mich selbst lachen würde. Es beschrieb mich innerlich wie äußerlich erstklassig. Zumindest in jener Zeit. Als ich mich Anfang 2005 bei meinem ersten sozialen Netzwerk – damals OpenBC, heute Xing – anmeldete, nutzte ich das Foto. Es hob sich von den üblichen Business-Fotos ab: Kein gestelltes Lächeln, kein schlecht sitzender Anzug, kein Posieren von der Stange. Kurzum: Genau das Gegenteil von dem, was man auf einer immens wichtigen Plattform wie Xing machen sollte. Ehrlich gesagt habe ich dieses Netzwerk auch nie richtig ernst genommen. Darum bin ich dort bis heute Mitglied im Xing Business-Club Pjöng-Jang. Das Foto funktionierte perfekt: Frauen besuchten meine Seite – natürlich nur, um seriöse Business-Kontakte herzustellen. Einmal wollte sich sogar eine Frau mit mir treffen, obwohl ich ihr sagte, dass ich liiert bin. Sie ließ trotzdem nicht locker und ich reagierte irgendwann nicht mehr. Alles hätte so schön sein können. Eigentlich.

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Illustration: Julia Schubert



Denn das Blöde am Leben ist, dass es nicht spurlos an einem vorbeigeht. Es fängt mit einem grauen Haar an und endet vielleicht in der dunklen, schwarzen Nacht der Demenz. Ganz so weit bin ich noch nicht. Aber natürlich merke ich, dass ich älter werde. Mit jedem Jahr hat das Bild auf meinem Xing-Profil weniger mit dem Menschen zu tun, der mich morgens im Spiegel anschaut. Eine Zeitlang nutzte ich dieses Bild vom September 2003 auch auf Facebook. Bis ein Kollege plötzlich vor mir stand und vor allen Leuten laut verkündete: „Alf, das ist aber ein knackiges Foto." Er sagte das in einem Tonfall, der sich anhörte nach: Wie kommt es, dass ein Typ wie du so aussehen kann? Das hätte man sich mal bei einer Frau erlauben sollen! Danach habe ich das Bild auf Facebook durch ein aktuelleres ersetzt. Nur bei Xing lächelt mich immer noch der Typ an, der nicht in die Kamera schaut.

Es liegt vielleicht auch daran, dass ich den richtigen Zeitpunkt zum Austausch verpasst habe. Quatsch. Im Grunde bin ich eben eitel. Mehr noch: Ich will diesen Augenblick festhalten und schöner und jünger sein, als ich es bin. Es ist meine persönliche Photoshopisierung. Nicht durch die Bearbeitung eines neuen Fotos, sondern durch den Erhalt eines alten. Weniger Falten, keine grauen Haare. Das alles ist bald neun Jahre her. Ich bin immer noch Alf Frommer, aber ein anderer. Es ist ja nicht so, dass ich mich nicht ein wenig schäme: Warum stehst du nicht zu deinem Alter? Warum lässt du dich von diesem „Age of Anti-Age" so beeinflussen? Und warum gerade auf Xing, diesem Friedhof des digitalen Business-Lebens? Was nützt mir ein Foto, was nicht mich zeigt, obwohl man mich sieht? Das würde ja spätestens im realen Leben auffliegen. Man lacht ja selbst über diese Internet-Heinis, die sich für 20 ausgeben und dann 50 sind. Sie tun einem leid. Aber wer will alt sein in einem Land, das keine alten Menschen brauchen kann, aber immer älter wird?

Letztens habe ich in einem Artikel gelesen, dass in Werbeagenturen kaum Mitarbeiter beschäftigt sind, die über 45 Jahre alt sind. Spätestens mit über 50 sollte man seinen Job nicht verlieren, denn dann ist man oft verloren. Man endet zumeist in der Knochenmühle der Leiharbeit oder prekären Arbeitsverhältnissen. Unsere Arbeitsministerin feiert das als Job-Wunder. Bei mir persönlich knallen aber keine Sektkorken. Ich muss jetzt bis 67 arbeiten. Schöne Aussichten. Vor meinem geistigen Auge sehe ich ein Profilbild von mir auf Xing mit Mitte 50. Ich nenne mich Freiberufler, was eine schönere Umschreibung für arbeitslos ist. Mit einem gestellten Lächeln, einem schlecht sitzenden Anzug und so komisch von der Seite fotografiert. Verzweifelt versuche, ich so etwas wie Optimismus zu verbreiten. Seht her: ich bin flexibel, engagiert – und leider zu alt. Will ich das? Irgendwie finde ich dann doch den braungebrannten Typen, der nicht in die Kamera blickt, sympathischer. Auch, wenn der dann nur noch bedingt mit mir zu tun hat. 

Text: alf-frommer - Foto: Screenshot

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